BERLIN – Wer sich eine Zigarette anzündet, der weiß, dass er gleich pures Gift inhaliert. Wer eine Flasche Limonade öffnet, tut dies meist im Glauben, sich eine harmlose Erfrischung zu gönnen. Dabei sind die langfristigen Konsequenzen für unser Gesundheitssystem und die Gesellschaft insgesamt in beiden Fällen eklatant.
Diabetes Typ 2, Fettleibigkeit, Fettleber, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und chronische Entzündungen im Körper – die Liste der durch übermäßigen Zuckerkonsum verursachten Zivilisationskrankheiten ist lang und kostet das Gesundheitssystem jährlich Milliarden Euro. Dennoch agiert der Staat im Umgang mit der weißen Gefahr bemerkenswert zögerlich. Während der Tabakkonsum durch Schockbilder, Werbeverbote, Steuererhöhungen und Rauchverbote im öffentlichen Raum über Jahrzehnte hinweg systematisch zurückgedrängt und stigmatisiert wurde, bleibt der Lebensmittelmarkt beim Zucker weitgehend eine regulatorische Freihandelszone.
Warum drückt die Politik hier beide Augen zu?
Der fundamentalste Unterschied zwischen Tabak und Zucker ist biologischer Natur. Nikotin ist ein reines Nervengift, für das es keine gesundheitlich unbedenkliche Dosis gibt. Jeder einzelne Zug schädigt den Organismus. Zucker hingegen ist – in Form von Glukose – ein essenzieller Energielieferant für unsere Zellen und das Gehirn. Die Biologie macht es dem Gesetzgeber also schwer: Man kann eine Gesellschaft tabakfrei machen, aber man kann sie nicht zuckerfrei machen.
Da Zucker in moderaten Mengen und aus natürlichen Quellen wie Obst oder Gemüse harmlos ist, stößt der Staat bei der Definition von Grenzwerten an juristische und bürokratische Hürden.
Wo hört der legitime Genuss auf, und wo beginnt der chronische Missbrauch? Diese Unschärfe nutzt eine der mächtigsten Wirtschaftslobbys der Welt seit Jahrzehnten virtuos aus, um harte staatliche Eingriffe in Deuttschland zu verhindern.
Die Zucker- und Agrarlobby operiert nach einem Drehbuch, das frappierend an die Strategien der Tabakindustrie im vergangenen Jahrhundert erinnert.
Große Nahrungsmittelkonzerne hängen ökonomisch am Tropf des billigen Rohstoffs. Zucker dient in der industriellen Verarbeitung nicht nur als Süßungsmittel. Er ist ein exzellenter Geschmacksträger, gibt Lebensmitteln Textur, bindet Wasser und verlängert die Haltbarkeit. Vor allem aber aktiviert er im menschlichen Gehirn das Belohnungszentrum durch die Ausschüttung von Dopamin.
Dieses evolutionär tief verankerte Verlangen sorgt für verlässliche Absatzzahlen. Würde der Staat den Zuckergehalt per Gesetz drastisch deckeln, geriete das Geschäftsmodell ganzer Industriezweige ins Wanken – vom Zuckerrübenanbau in der heimischen Landwirtschaft bis hin zu den global agierenden Softdrink- und Süßwarenherstellern. Mit dem Verweis auf bedrohte Arbeitsplätze und wirtschaftliche Einbußen wird in den politischen Zentren erfolgreich Druck ausgeübt.
Anstatt auf Verbote und Sondersteuern setzte die deutsche Politik deshalb über Generationen hinweg auf das Mantra der „freiwilligen Selbstverpflichtung“ und der nationalen Reduktionsstrategien.
Man setzte sich mit den Herstellern an einen Tisch und bat darum, den Zucker in Joghurts oder Kinder-Müslis schrittweise zu senken. Die Ergebnisse dieser Strategie beschreiben Verbraucherschützer und Ärzteverbände unisono als kosmetisch und wirkungslos. Ohne gesetzlichen Zwang bleibt der Markt ein Wettbewerb um den süßesten Geschmack, da der Verbraucher durch jahrelange Konditionierung darauf anspringt. Auch die Einführung des Nutri-Scores brachte nicht die erhoffte Wende: Da die Lebensmittelampel auf freiwilliger Basis beruht und auf EU-Ebene aufgrund von Wettbewerbsbedenken nicht verpflichtend vorgeschrieben werden kann, bleibt sie ein stumpfes Schwert im Kampf gegen die grassierende Fehlernährung.
Hinter dieser Zögerlichkeit verbirgt sich auch eine tief verwurzelte ideologische Debatte über die Rolle des Staates.
Gegner von Lebensmittelsteuern und Werbeverboten warnen reflexartig vor dem Einzug des „Nanny-Staates“ und fordern die Einhaltung der persönlichen Freiheit und der „Mündigkeit“ des Bürgers.
Leicht gesagt, doch dazu muss man wissen, dass der menschliche Körper eines Erwachsenen am Tag umgerechnet etwa sechs Würfelzucker insgesamt braucht, um zu funktionieren. Bei Kleinkindern sind es zwei bis drei. Und wenn sie dann wissen, dass alleine in einem normalen gesüßten Fruchtjoghurt aus dem Supermarkt bis zu neun Zuckerwürfel enthalten sind, dann wird klar, was der gute gemeinte „Fruchtzwerg“ morgens im Brotbeutel für die Schule bewirken kann aufs Leben bezogen.
Jeder ist für seine Ernährung selbst verantwortlich
Das klingt erstmal gut für unsere Ohren. Aber tatsächlich fehlt beim Zuckerkonsum eine entscheidende moralische Komponente, die den Kampf gegen das Rauchen einst beschleunigte: die Fremdgefährdung.
Wer in der Öffentlichkeit raucht, zwingt seine Mitmenschen meistens zum Passivrauchen. Wer eine Dose Cola trinkt, schädigt im selben Moment niemanden außer sich selbst. Dass die Allgemeinheit über die rasant steigenden Beiträge der Krankenkassen am Ende die solidarischen Kosten für die intensivmedizinische Behandlung der Folgekrankheiten trägt, wird in dieser Argumentation der individuellen Freiheit geflissentlich ausgeblendet.
Die Vorstellung, dass der Verbraucher im Supermarkt völlig frei und mündig entscheidet, ist ohnehin eine Illusion
Rund 80 Prozent aller verarbeiteten Lebensmittel im Supermarkt enthalten zugesetzten Zucker. Er versteckt sich hinter weit über 50 verschiedenen Begriffen auf der Zutatenliste – von Fruktose-Glukose-Sirup über Gerstenmalzextrakt bis hin zu Dextrose und Molkenpulver. Hinzu kommt eine aggressive, psychologisch optimierte Werbeindustrie, die sich gezielt an Kinder und Jugendliche richtet. Comicfiguren auf zuckertriefenden Frühstücksflocken und Sponsoring-Verträge bei Sportevents suggerieren bereits den Jüngsten, dass Süßes zu einem aktiven, glücklichen Leben dazugehört. Hier versagt der Staat in seiner Fürsorgepflicht: Während Kinder vor Tabak- und Alkoholwerbung gesetzlich geschützt werden, sind sie der permanenten Reizüberflutung der Zuckerindustrie schutzlos ausgeliefert.
Großbritannien führte inzwischen eine gestaffelte Steuer auf zuckerhaltige Softdrinks ein, was dazu führte, dass die Hersteller die Rezepturen ihrer Limonaden flächendeckend veränderten, um der Abgabe zu entgehen – der Zuckergehalt sank in manchen Getränken um mehr als die Hälfte, ohne dass der Geschmack oder die Wirtschaftlichkeit kollabierten. Auch in Deutschland stehen die Zeichen deshalb zunehmend auf Sturm. Erste konkrete Gesetzesentwürfe für eine zweistufige „Limo-Abgabe“, die ab dem Jahr 2028 greifen könnte, liegen auf dem Tisch. Es ist ein erster, zaghafter Schritt weg von der reinen Freiwilligkeit und hin zu einer aktiven Gestaltung der Ernährungsumwelt. Der Staat beginnt zu begreifen, dass das Wegschauen teurer ist als das Eingreifen.
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