von KLAUS KELLE
BERLIN/ZEITZ – Warum finden eigentlich heute keine Gedenkveranstaltungen überall in Deutschland statt? Warum sind Bundespräsident und Bundeskanzler nicht in Sachsen-Anhalt, um an einem Gottesdienst teilzunehmen und einen Kranz niederzulegen?
Denn das wäre mehr als angemessen für einen unerschrockenen christlichen Märtyrer. Der Mann hieß Oskar Brüsewitz und war evangelischer Pfarrer. Am 18. August, also heute vor 50 Jahren, stellte er sein Auto gegen 10:20 Uhr am Vormittag mit zwei Plakaten auf dem Marktplatz vor der Michaeliskirche von Zeitz ab, übergoss sich aus einer großen Milchkanne mit Benzin und zündete sich an.
Eine spektakuläre Tat, die vier Tage später zu seinem Tod führte, und ein Fanal gegen den gottlosen Kommunismus
„Funkspruch an alle: Wir klagen den Kommunismus an wegen Unterdrückung der Kirchen in Schulen, an Kindern und Jugendlichen“, lautete die Aufschrift eines der Banner von Brüsewitz.
Das Motiv für seine Tat war der staatlich verordnete Atheismus des SED-Staates, besonders aber die glaubensfeindliche Schulpolitik in der DDR.
Schnell war die Staatssicherheit (Stasi) vor Ort, beseitigte, soweit möglich, die Spuren und begann am gleichen Tag mit einer Kampagne gegen den mutigen Pastor.
Brüsewitz sei ein Fanatiker gewesen, ein psychisch gestörter Wirrkopf. Paul Verner, über Jahrzehnte im Umfeld von Erich Honecker, dirigierte den Maßnahmenkatalog der SED – konkrete Schritte, wie die Selbstverbrennung von Brüsewitz dargestellt und weitgehend verschwiegen werden sollte.
Doch die Rechnung ging nicht auf
Denn am gleichen Abend setzte sich ein anderer evangelischer Pfarrer aus einer benachbarten Gemeinde in seinen Trabant und fuhr nach Ost-Berlin, damals Hauptstadt der DDR.
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Dieser evangelische Geistliche, über lange Jahre ein enger christlicher Bruder von mir, ging direkt zur Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in der Hannoverschen Straße in Mitte und berichtete dort aktuell über die Ereignisse in Zeitz.
Doch er stieß auf Bonner Diplomaten, die ganz auf die neue Ostpolitik gepolt waren. Ob er das wirklich öffentlich machen wolle, fragten sie ihn. So wie wir das hier heute vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk auch kennen, wo dramatische Ereignisse, die nicht in die politische Korrektheit passen, gern mal in der ARD-Tagesschau weggelassen werden, weil sie ja nur ein „lokales Ereignis“ seien.
Der Pfarrer blieb hartnäckig, setzte sich erneut in seinen Trabant und fuhr weiter zum nahegelegenen ARD-Studio in der Schadowstraße in Mitte. Irgendwie schaffte er es zum Fernsehkorrespondenten Lothar Loewe durchzudringen, der nicht nur zuhörte, sondern bereit war, über die dramatische Tat von Oskar Brüsewitz noch am selben Abend in der ARD-Tagesschau zu berichten, nachdem es West-Journalisten gelungen war, die Informationen zu überprüfen.
Da die ARD in der ganzen DDR empfangen werden konnte, verbreitete sich die Nachricht über das „Fanal von Zeitz“ wie ein Lauffeuer unter der ostdeutschen Bevölkerung.
Als der Leichnam von Brüsewitz am 26. August 1976 dann in seiner Heimatgemeinde Rippicha unter großer Anteilnahme der Bevölkerung und im Beisein von 200 evangelischen Pfarrern im schwarzen Talar aus ganz Ostdeutschland beerdigt wurde, gelang es einem Kamerateam der ARD, über die Friedhofsmauern zu filmen. Die Ausstrahlung der Bilder im West-Fernsehen machte das Ausmaß der Proteste deutlich und war ein Desaster für den Mauerstaat.
Als der tapfere Überbringer der Botschaft spätnachts seinen Trabant vor seinem Pfarrhaus abstellte, warteten schon mehrere Herren von der Stasi auf ihn.
Am nächsten Tag wurden er und seine Frau in die Bundesrepublik abgeschoben.
Beim ARD-Korrespondenten Lothar Loewe dauerte es noch bis zum 22. Dezember, bevor er vom SED-Staat ausgewiesen wurde.
Während die DDR-„Medien“ ihm Schimpfwörter wie „Hetzer“ und „Provokateur“ hinterherriefen, galt er in Westdeutschland als der Journalist, der im Kalten Krieg das Kreuz durchgedrückt und ohne Angst vor persönlichen Repressionen dem SED-Regime getrotzt hatte.
Bis heute unterschätzen viele Mächtige die Kraft des christlichen Glaubens
Auch Oskar Brüsewitz war in seiner Gemeinde durchaus populär. Als er seinen Dienst in Zeitz antrat, verloren sich nur eine Handvoll älterer Menschen im sonntäglichen Gottesdienst. Doch von Woche zu Woche kamen mehr, besonders junge Leute, für die er von Jesus erzählte, aber auch Gemeinschaftserlebnisse wie Fußballturniere organisierte.
Die SED erhöhte den Druck auf Brüsewitz, man wollte ihn sogar in einer anderen Pfarrei aufs Abstellgleis schieben, doch er blieb standhaft. Am Kirchturm seines Gotteshauses brachte er sogar ein großes Kreuz aus Neonröhren an, das nachts kilometerweit selbst von der Autobahn aus zu sehen war.
Er wird Gott gefallen haben, dieser tapfere Pfarrer
Der SED war er ein Dorn im Auge, denn die evangelische Kirche der DDR hatte sich damals angepasst und ihr gemütliches Biotop gefunden. „Kirche im Sozialismus“ nannte man die Farce. Aber Brüsewitz machte nicht mit.
In seinem Abschiedsbrief an andere Pfarrer sprach er aus, was viele nicht zu flüstern wagten: In der evangelischen Kirche in der DDR tobe „ein mächtiger Krieg zwischen Licht und Finsternis“.
Ein besonders schmähliches Kapitel der Vorgänge von 1976 lieferte nach der Selbstverbrennung des evangelischen Pfarrers Brüsewitz die EKD-Amtskirche in der Bundesrepublik. Der Märtyrertod störte das, was man damals hüben wie drüben als „Entspannungsprozess“ bezeichnete. Man wollte das Projekt der „Kirche im Sozialismus“ auf keinen Fall gefährden.
Und als sich im Oktober 1977 im ostwestfälischen Bad Oeynhausen um den Historiker Olaf Kappelt und christlich-konservative Politiker wie Otto von Habsburg und Heinrich Lummer ein „Brüsewitz-Zentrum“ gründete, um die Verbrechen des SED-Staates zu dokumentieren und die Erinnerung an Oskar Brüsewitz wachzuhalten, protestierten der Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR und die westdeutsche EKD in scharfen Worten dagegen.
Der Trägerverein des Brüsewitz-Zentrums, das Christlich-Paneuropäische Studienwerk e. V., soll heute noch bestehen. Alle historischen Dokumente und Akten wurden vor über 20 Jahren an die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur übergeben.
Bildquelle:
- Gedenktafel_Oskar_Brüsewitz: privat
