Liebe Leserinnen und Leser,
guten Morgen und vorab schon mal eine schöne Woche für Sie und Ihre Lieben!
Vielleicht erinnert sich noch der eine oder andere von Ihnen an meinen empörten Artikel im vergangenen Jahr, in dem ich feierlich und öffentlich geschworen habe, dass das Thema Deutsche Bahn für mich nun endgültig erledigt sei.
Neben vielen kleineren, ärgerlichen Verspätungen und Ausfällen reiste ich damals von Baden-Baden mit dem ICE nach Potsdam.
Verspätungen, streikende Klimaanlagen, verpasste Anschlusszüge und dann noch das Stehenbleiben auf offener Strecke, um gestrandete Passagiere eines anderen, defekten DB-Fernzuges irgendwo in der brandenburgischen Einöde aufzunehmen und weiterzutransportieren: Ich hatte die Nase gestrichen voll, als ich nach stundenlanger Verspätung irgendwann am Zielort ankam. Ich schrieb darüber und gelobte feierlich, dass ich meine BahnCard abgeben und fortan auf den Nicht-Service des deutschen Bahnkonzerns verzichten würde.
Aber man sagt mir auch nach, dass ich Verständnis habe, tolerant sei und – hey – jeder hat doch eine zweite Chance verdient, oder?
Jetzt als Senior – neue BahnCard, neues Glück!
Ich will Sie nicht langweilen und von all meinen Erlebnissen erzählen. Und ich werde auch meine neue BahnCard nicht zurückgeben, aber eine kleine Anekdote möchte ich zum Wochenstart doch loswerden.
Als ich ziemlich verschwitzt und rennend den Anschluss vom Regionalzug – dessen Klimaanlage ausgefallen war und in dem ich eine Stunde und 40 Minuten bei Temperaturen über 30 Grad stehen musste – zum ICE von München nach Berlin-Gesundbrunnen erreichte, meinen Sitzplatz einnahm und mich auf den Genuss von kaltem Mineralwasser und einer Leberkäs-Semmel freute, wunderte ich mich, weshalb unsere Fahrt nicht startete.
Alle waren drin, die Abfahrtszeit war erreicht, alle Türen geschlossen.
Aber der ICE rollte nicht los
Nach vier Minuten dann die Durchsage des Zugchefs: Man könne leider nicht losfahren, weil der Mitarbeiter vom Münchner Hauptbahnhof, der die Abfahrt auf dem Bahnsteig freigeben müsse, nicht da sei. Man telefoniere schon und hoffe, dass man ihn bald finde.
Nach neun Minuten dann die weitere Ansage: Der Mitarbeiter sei nun gefunden und anwesend, jetzt müsse nur noch einer „die Ampel auf Grün“ stellen.
Mit zwölf Minuten Verspätung begann unsere Fahrt dann endlich. Keine große Sache, 12 Minuten – als Fahrgäste der Deutschen Bahn sitzen wir das doch auf einer Backe ab. Aber die Begründung dafür erscheint mir so skurril: Der Mitarbeiter ist nicht da. Gut, es gab auch schon Fälle, bei denen der ganze Zug nicht da war oder Waggons, die fest verkauft waren.
Aber ich verstehe nicht, dass Deutschland sich mit solchen Problemen beschäftigen muss.
Die japanischen Hochgeschwindigkeitszüge (Shinkansen) weisen im Jahresmittel eine durchschnittliche Verspätung pro Zug von unter einer Minute auf. Diese extrem niedrige Zahl beinhaltet bereits alle unvorhersehbaren Verzögerungen durch Unwetter oder Naturkatastrophen. Warum ist sowas bei uns Deutschen, die man mal für ihre Perfektion international gerühmt hat, nicht möglich? Warum kann nicht sichergestellt werden, dass ein Mitarbeiter auf dem Bahnsteig den Zug freigibt, wenn es Zeit dafür ist?
Mit herzlichen Grüßen
Ihr Klaus Kelle