Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser!
Mal ehrlich: Was haben wir denn erwartet? „Kloppo“ übernimmt und die deutsche Nationalmannschaft schreitet vom ersten Tag an schnurstracks Richtung Weltmeistertitel? Ernsthaft?
Nach Jahren erbarmungswürdiger Stümperei des Nationalteams hat Jürgen Klopp übernommen – und er ist der Beste, den wir uns für diese Aufgabe wünschen können. Das sehe ich nicht allein so, denn die Einschaltquoten von RTL beim ersten Spiel waren mit fast 11 Millionen Zuschauern sehr beachtlich.
Wir wollen zurück in die goldenen Zeiten, als die ganze Fußballwelt Angst vor der erbarmungslosen Effizienz des deutschen Fußballs hatte, als wir die Brasilianer im eigenen Land mit 7:1 demütigten.
Davon sind wir Lichtjahre entfernt
Aber jetzt mal nüchtern betrachtet: Niemand kann behaupten, dass der neue Bundestrainer nichts von Fußball versteht, das anzunehmen wäre grotesk. Er stellt nun alles auf den Kopf, was seine Vorgänger in den vergangenen Jahren in die Grütze gefahren haben. Kein einstiger Stammplatz ist sicher, kein Held von einst hat einen Freifahrtschein.
Im ersten Spiel gegen die Niederlande stimmte die Einstellung, das Gegenpressing funktionierte, unsere Mannschaft attackierte früh und – zumindest in der ersten Halbzeit – bei Balleroberung sofort Attacke. Es war erkennbar, dass sich etwas verändert unter dem neuen Trainer, aber die tragende Struktur fehlte, die Eleganz früherer Zeiten. Klopp selbst sagte nach dem Spiel gestern: Seine Mannschaft habe in der zweiten Hälfte „schlicht vergessen, Fußball zu spielen“. Offensichtlich!
Viel kritisiert wurde Klopp auch für sein disruptives Spieler-Casting gleich zu Beginn. 44 Spieler im erweiterten Kreis des Kaders – das gab es noch nie. Und weil – verständlich – der neue Trainer viele der Aspiranten testen wollte, warf er die Startelf im zweiten Spiel komplett um. Gegen Griechenland gab es fünf Wechsel – und der Spielfluss ging verloren. Fairerweise muss man zugeben, dass es auch Verletzungspech gab mit Jamal Musiala und dann Kai Havertz – aber Verletzungen haben andere Spieler anderer Mannschaften auch. Das darf nicht als Ausrede gelten.
Also, die 0:1-Klatsche gegen engagierte Griechen in Augsburg ist ein Warnschuss.
Hätte nicht passieren dürfen, sagte „Kloppo“ nach Spielschluss, ja. Hätte, hätte, Fahrradkette…
Es ist passiert. Und die Devise sollte jetzt sein: Mund abwischen und weiter!
Ich liebe den Fußballsport – und mein Land übrigens auch. Und ich bin fest überzeugt, dass wieder bessere Zeiten für Fußball-Deutschland kommen. Spieler, die etwas reißen, die uns stolz machen, all das wird wieder kommen. Und ob die Spieler Müller, Meier, Schulze oder Adeyemi und Nmecha heißen, ist mir erstmal wurscht, denn die Einstellung zählt in dieser Welt, die ich mir so nicht ausgesucht habe, wie sie geworden ist.
Ich will, dass man dem Nationaltrainer Zeit gibt, seinen Plan zu verwirklichen, eine Top-Mannschaft zu formen. Ich will Spieler, die auf dem Platz alles geben, was sie draufhaben – nicht nur für das viele Geld, das sie bekommen, sondern bei der Nationalmannschaft auch, um uns zu begeistern und stolz zu machen. Und natürlich will ich deutsche Nationalspieler, die unsere Hymne, das Lied der Deutschen, laut und vernehmbar singen.
Auf geht’s! Es ist noch nicht vorbei. Wie alle Kämpfe in Deutschland noch nicht vorbei sind.
Ihnen allen eine erbauliche Woche, auch jenseits des Sportplatzes!
Klaus Kelle