An alle Fans von Fürth, Magdeburg, Düsseldorf, Braunschweig, Dresden und Bielefeld!

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

heute wende ich mich mal an Menschen wie mich selbst, die ein Stück weit – ja – fußballbesessen sind. Und konkreter: Ich wende mich an die Fußballbesessenen, die ihr Augenmerk auf die Zweite Liga richten. Und am Tag vor dem entscheidenden 34. Spieltag wende ich mich besonders an die Fans von Greuther Fürth, dem 1. FC Magdeburg, Fortuna Düsseldorf, Eintracht Braunschweig, Dynamo Dresden und meiner Arminia aus Bielefeld.

Denn wir alle haben gemeinsam, dass unsere Herzensclubs morgen in die Dritte Liga absteigen können. Und obwohl die auch attraktiv ist: Absteigen ist Mist. Als leidenschaftlicher Anhänger eines Fahrstuhlclubs weiß ich, wovon ich rede.

Anhänger von Arminia Bielefeld wird man nicht einfach so

Das wird einem in die Wiege gelegt. Man wohnt in Ostwestfalen – zack, ist man Fan von Bielefeld … oder Paderborn, Schalke oder Dortmund. Ist leider so. Aber ich ruhe in mir, seit ich vor 52 Jahren zum ersten Mal auf die legendäre Alm pilgerte und mir danach ein Trikot meines neuen Vereins kaufte. Genau genommen kaufte ich ein weißes mit blauem Vertikalstreifen, auf das ich mir von meiner Großmutter Emma das Vereinslogo sticken ließ.

Einen Fußballverein verlässt man nicht – so wie man seine Frau nie verlassen sollte, was leider oft einfacher gesagt als getan ist.

Ich begleite auch mal Freunde ins Stadion zu ihren Vereinen, wenn sie mich einladen. Und als ich einst mit Christian bei Borussia Dortmund vorbeischautе, trug ich einen schwarz-gelben Schal. Und wenn Ralf mich in den Nordpark in Mönchengladbach mitnimmt, dann trage ich natürlich Schwarz-Weiß-Grün. Aber das Trikot eines anderen Vereins überstreifen – das ist unmöglich. Das macht man einfach nicht.

Die Erste Bundesliga nehme ich seit Jahren nur noch am Rande wahr und gar nicht mal, weil ich respektlos wäre oder weil Arminia zuletzt 2022 in der Ersten Liga gespielt hat.

Männer, die mich neu kennenlernen und mit denen dann irgendwann das Gespräch auf Fußball kommt, fragen mich manchmal, ob Bielefeld denn auch schon in der 1. Liga war? Das macht mich richtig sauer. Das ist schlimmer, als wenn sie mich „Systemjournalist“, „CDU-Fanboy“ oder „Ami-Hure“ nennen, so wie man heutzutage in Deutschland halt miteinander spricht.

Ihr Kretins: Arminia war in der Geschichte der Bundesliga summiert 19 Jahre in der höchsten Klasse. Und dreimal durfte ich – neben vielen Niederlagen – Siege meines kleinen Provinzlubs vom Teutoburger Wald gegen den großen FC Bayern live miterleben.

Bei einem Abendessen war ich in Düsseldorf einst Tischpartner von Oliver Kahn und bekannte irgendwann vor dem Dessert, dass ich Arminia-Anhänger bin.

Er verzog das Gesicht ein bisschen so, als wenn er in eine Zitrone gebissen hätte.

Wir hatten ein wirklich nettes Gespräch und er bekannte, dass Spiele gegen hungrige, kleine Traditionsclubs wie Bielefeld, Duisburg oder Bochum immer unangenehm auch für die Übermannschaft aus München seien. Weil: „Für die ist das immer das Spiel des Jahres.“ Die rennen sich die Lunge aus dem Hals, die kämpfen um jeden Zentimeter Rasen, die wollen die Sensation unbedingt schaffen.

Ich gucke die Bayern übrigens nur noch ab dem Viertelfinale der Champions League.

Sie sind zu überlegen, zu groß, zu dominant.

Die haben eine Ersatzbank, die auch Deutscher Meister werden könnte. Das ist langweilig, denen zuzuschauen, wenn sie in Mainz, Augsburg oder Heidenheim antreten müssen.

Dann lieber Zweite Bundesliga gegen Traditionsclubs wie Schalke 04, die „Roten Teufel“ vom Betzenberg oder Hertha BSC.

Auch das könnte morgen für mich uns uns vorbei sein

Denn „wir“ stehen auf Platz 16, dem Relegationsplatz.

Bei uns zu Gast ist dann genau die „alte Dame Hertha“, die nichts mehr zu gewinnen oder zu verlieren hat, und wir alle hoffen morgen um 15:30 Uhr, dass die Spieler aus irgendeinem Grund doch keinen richtigen Bock mehr auf Fußballspielen haben am letzten Spieltag.

Ich will Sie nicht langweilen, aber Fürth muss morgen unbedingt gegen Düsseldorf gewinnen, sonst sind sie raus. Gewinnen sie mit drei Toren Vorsprung, dann wäre Düsseldorf plötzlich drittklassig. Es sei denn, Bielefeld verliert gleichzeitig das Heimspiel gegen Hertha, was der liebe Gott verhindern möge. Dann allerdings würde es dunkel über Ostwestfalen. Kommen Sie noch mit?

Ach egal, seit Tagen beschäftigt mich die Situation vor dem morgigen Spieltag – und Zehntausende überall in Deutschland für ihre Clubs auch. Tabelle anschauen, rechnen, Trainer-PK auf YouTube gucken.

Ich ziehe morgen mein Trikot an – inzwischen nicht mehr das, was meine Oma bestickt hat –, hole mir ein frisch gezapftes Pilsner Urquell in der Fußballkneipe meines Vertrauens und setze mich vor einen Großbildschirm, um mitzufiebern. Zeitgleich halte ich WhatsApp-Kontakt mit meinen Kindern, die ebenfalls gucken und mitfiebern.

Und warum das alles? Weil ich ein Mann bin und weil Männer so sind…

Mit herzlichen Grüßen, Glückauf!

Ihr Klaus Kelle

Unterstützen Sie unsere Arbeit mit einer Spende

Jetzt spenden (per PayPal)

Jetzt abonnieren

Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.