Boris, Thomas und Uli sind wieder raus: Aber warum reicht eigentlich Reichen ihr Reichtum nicht?

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Liebe Leserinnen und Leser,

es gibt in Deutschland so eine Grundschadenfreude, wo sich ein Teil der Bürger freut, wen „die da oben“ mal richtig aufs Maul bekommen. Also nicht physische Gewalt, aber ein totaler Absturz. Champagner, Millionen auf dem Konto, umlagert von Paparazzi und schönen Frauen – und dann peng.

Boris Becker ist das aktuelle Musterbeispiel, aber bei weitem nicht das einzige. Ich habe verschiedentlich darüber geschrieben. Über Becker, der jahrzehntelang Deutschlands Sport-Botschafter in aller Welt gewesen war. Auch über Thomas Middelhoff, Top-Manager, Yacht in Nizza, unterwegs im Firmenflugzeug, was kostet die Welt? Und dann plötzlich alles vorbei. Starkoch Alfons Schuhbeck ist schon verurteilt und muss demnächst seine Haft antreten, Bayern-Boss Uli Hoeneß hat eingesessen. Und, wie gesagt, ich empfinde keinerlei Schadenfreude angesichts dieser Fälle.

Im Grunde sind die genannten Beispiele sogar positiv zu sehen, weil nämlich unser Rechtsstaat funktioniert.

Weil man sich nicht freikaufen kann, wenn man gegen Gesetze verstoßen hat, auch wenn man reich und einflussreich ist. Und das ist gut. Andererseits: Wenn einer verurteilt worden ist, seine Strafe abgesessen hat, dann ist es damit auch gut. Finde ich. Und wenn Boris jetzt wieder Sportkommentator für die BBC oder Sky wird – ich gönne ihm das.

Viel interessanter finde ich die Frage: Warum rutschen Menschen, die doch schon alles haben, immer wieder in solche Situationen rein?

Boris Becker erzählte gestern Abend auf Sat.1 nicht nur von der Haft und seiner Familie. Er erzählte auch von „falschen Freunden“, denen er vertraut hatte. Wahrscheinlich meinte er damit Geschäftspartner, denen nur die eigenen Geschäfte wichtig waren, oder Berater, auf deren Rat Boris wohl hätte verzichten sollen.

In Brüssel hat gerade die bis vor kurzem Vizepräsidentin des EU-Parlaments vor Ermittlern ausgesagt, bevor sie wieder in ihre Zelle gebracht wurde. Eva Kaili hatte als Vizepräsidentin ein Monatseinkommen von rund 13.000 Euro Grundgehalt. Da kommt noch ein bisschen obendrauf an Sitzungsgeldern und Gedöns, aber ich würde sagen: da kann man mit leben. Und man muss ja auch die vielen weiteren Vorzüge sehen, die Reisen, Einladungen, Fahrservice und so weiter. Und man fragt sich:

Warum bekommen die den Hals nicht voll?

Warum lassen sie sich bestechen, warum lassen sie sich von Lobbyisten schmieren, von Staaten wie Katar, Russland und Marokko kaufen? Oder Aserbaidschan?

Finanziell in ganz anderen Sphären bewegen sich die Top-Manager der großen Konzerne. Die lachen nur darüber, was Politiker verdienen. So wie die Spitzen der Deutschen Lufthansa, unserer Vorzeige-Airline. Als Corona zu wirken begann, gerieten sie wie so viele andere kleine und große Unternehmen in ernste Schwierigkeiten. Im Grunde hätte das Lufthansa-Management zum Amtsgericht gehen und Konkurs anmelden müssen. Aber getreu dem Motto „Wir lassen niemanden zurück, wenn er nur groß genug ist“ stieg der Bund ein und brachte erstmal sechs Milliarden frisches Geld mit. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (kfW) steuerte auch noch eine Milliarde bei – da kommt man dann zurecht.

Gerettet vor der Pleite durch den Staat – zur Erinnerung: das ist Steuergeld von uns allen – und nach Rückzahlung der Staatshilfen ans Gemeinwesen, genehmigen sich die Herrschaften an der Spitze des Konzerns vor dem Fest nochmal einen Schluck aus der Bonus-Pulle. Eine Frechheit ist das. Und glauben Sie mir: Da geht es nicht um 1000 Euro Weihnachtsgeld.

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.