Das Netz vergisst nichts: Die Welle von Nacktbildern auf TikTok kann Leben zerstören

Das Internet wird überschwemmt von Bildern von leicht bekleideten Kindern.
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von MARIE ESSER

BERLIN – Junge Mädchen drehen aufreizende Videos und veröffentlichen diese in Social-Media-Kanälen. In sehr knappen Klamotten tanzen, so, wie sie sich das als erotisch vorstellen und posieren „lasziv“. Jungs zeigen sich oberkörperfrei in Shorts und lassen ihre Muskeln spielen. Warum tun diese jungen Menschen das? Was suchen sie da, wenn sie sich öffentlich „produzieren“? Was sind ihre Beweggründe? Wer hat einen Nutzen von der massenhaften Entblößung von Kindern und Jugendlichen? Was sind die potenziellen Gefahren und Risiken eines solchen Verhaltens?

Bestätigung scheint einer der Hauptgründe zu sein: So manche/r macht es um seinem/ihrem Ego einen Kick zu verschaffen, um sich eine vermeintliche Anerkennung zu holen, die ihnen anderweitig verwehrt bleibt. Oder sie machen es, weil sie den Überredungskünsten ihrer „Freunde“ nicht widerstehen konnten. Und das vorgeblich beste Argument „Aber das machen doch alle“ bekommt man auch sehr oft zu hören.

Oft ist auch Sehnsucht zu spüren, wenn bei aller Argumentation durchschimmert, dass das „Dazugehören“ eine weitere wichtige Motivation darstellt. Für sehr junge Menschen scheint es, als mache jeder mit. Warum also sollte man nicht auch mitmachen? Einige wenige, werden durch das zur Schau stellen ihrer Körper sogar berühmt, bekommen wahrscheinlich viel Geld und es gibt „Fans“, die zu ihnen aufschauen, solange sie Haut zeigen und mit den Grenzen spielen.

Für viele Kinder und Jugendliche scheint es ein Traum, berühmt zu sein. Daran ist nichts Verwerfliches. Wenn man sich aber vor laufender Kamera auszieht, um berühmt zu werden, um Zuwendung und Aufmerksamkeit zu bekommen, läuft etwas gewaltig schief in der Gesellschaft.

Beliebte Verbreitungskanäle sind Instagram, Snapchat, Whatsapp und besonders Tiktok mit – laut Google Play Store – mehr als einer Milliarde Downloads weltweit. Besonders Tiktok steht hoch im Kurs. Laut Internetseite Statista liegt die Anzahl der Downloads weltweit bei rund 16,37 Millionen.

Sehr junge Mädchen machen sich optisch älter, indem sie viel Schminke verwenden: Als kommerzielles Beispiel sei da die Tiktokerin Coco Q. genannt. Sie ist 13 Jahre alt und lebt in den USA in Kalifornien. Sie tanzt in engen Klamotten. Sie besitzt mehrere TikTok-accounts, zusammengezählt ca. eine Million Follower und vereint auf YouTube mehr als 1,6 Millionen Abonnenten. Sie promotet Schminke und Kleidung, gibt mehr oder minder sinnvolle Haushaltstipps, führt ihren „Freund“ vor, und spielt Spielchen mit ihren Freundinnen. Man fragt sich, wer als verantwortliche Erwachsene dahinter stehen mögen und die physische und psychische Ausbeutung der eigenen Kinder zulässt.

Etwas anders gelagert ist der Fall des Tiktokers Lenn P.: Er lädt regelmäßig Videos auf TikTok hoch, in denen er auf seinem Profil: „Für Trainings- und Ernährungspläne“ seine Muskeln präsentiert. Er post oft in Fitnessstudios oder im Badezimmer. Er ist 19 Jahre alt und hat mittlerweile rund 180.000 Follower auf Tiktok. Hier läuft die Vermarktung nicht so gut, und seit Neuestem scheint er auch seine Freundin los zu sein. Das alles erfährt die „Weltöffentlichkeit“, während er sich, in seiner Küche tanzend, „Gedanken“ darüber macht, dass er der „Ex“ mit dem besttrainierten „Body“ sei.

Welche Folgen hat diese Art des Exhibitionismus für die Gesellschaft? In der Regel profitieren von dieser Verschiebung des Selbstwertes und der gesellschaftlichen Werte in erster Linie die Porno-Industrie. Der Schritt von solcherart kalkulierter Grenzauslotung zum Klick in einen Pornokanal, ist ein kleiner. Besondere Freude an dieser „Selbstdarstellung“ dürften Menschen mit sexuellen Vorlieben für „sehr frisches Fleisch“ oder aber für gleichgeschlechtliche Interessen haben.

Was die meisten nicht bedenken: Das Netz vergisst nichts! Die Inhalte können von jedermann heruntergeladen und zu eigenen – auch sinistren – Zwecken missbraucht werden: Sexuelle Belästigung, Cybermobbing, Öffentliche Demütigung, Erpressung, zerstörter Ruf der Personen, dessen Fotos für Bots und Fake-accounts missbraucht werden bis hin zu Kindesmissbrauch. Angesichts der Tatsache, dass heute auch potentielle Arbeitgeber gerne mal einen Blick ins Netz werfen, wenn Sie eine Bewerbung auf dem Schreibtisch liegen haben, sollte man sich selbst in jungen Jahren sehr genau überlegen, was man für die Welt öffentlich macht.

In eigenverantwortlichen Gesellschaften soll und kann der Staat nicht eingreifen, wenn die Menschen Bilder von sich ins Internet stellen. Solange nichts Gesetzeswidriges geteilt wird, ist das nicht verboten. Andererseits: Nach welchen Werten wird heute Selbstwert, Verantwortung, Scham, Privatheit oder auch Personalität weitergegeben und rezipiert? Jeder sollte sich vor dem Veröffentlichen seiner Privatsphäre fragen: Ist es nötig? Ist es gut? Was für Auswirkungen hat es für mich und meine Zukunft? Wem will ich was beweisen? Diese Fragen sollten nicht nur Kinder und Jugendliche fundiert beantworten können, sondern auch Erwachsene.

Bildquelle:

  • Schamlos: pixabay
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