Diesen James Bond braucht kein Mensch – ich bin froh, dass es vorbei ist

James Bond in seinem letzten Auftritt.
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von RALF GRENGEL

BERLIN – Meine Laune war schon nicht die beste als wir uns auf den Weg ins Kino machten. Dabei hätten die Vorzeichen eigentlich nicht besser sein können. Am Tag zuvor hatten wir Historisches erlebt. Zum ersten Mal seit 18 Jahren konnten die Fohlen aus Mönchengladbach in Wolfsburg gewinnen und wir waren live dabei. Selbst meine Tochter Ann-Marleen präsentierte sich beim Abendessen in der Autostadt glückstrahlend, obwohl ihr neuer Arbeitgeber gerade 1:3 verloren hatte. Im Fußball geht halt nichts über die Liebe zum Herzensverein. Am nächsten Nachmittag gab’s ein Gläschen Champagner auf den Tag der deutschen Einheit, ohne den meine Frau Kathrin und ich uns wohl niemals kennen und lieben gelernt hätten. Und doch lag schon seit Freitagabend so ein dunkler Schatten des Unbehagens über diesem doch so fantastischen Wochenende.

„Das kann doch nicht dein Ernst sein“, hatte Kathrin mehrfach angemerkt, seitdem ich kopfschüttelnd etwas erfahren hatte, was nicht sein konnte. Was! Nicht! Sein! Durfte!
James Bond ist tot. „Verstehst Du, Kathrin“, habe ich versucht ihr zu erklären. „Bond stirbt in dem neuen Film, das geht doch nicht. Das können die doch nicht machen.“

Mal abgesehen davon, dass Kathrin die News zunächst für einen Fake hielt – schließlich hatte die deutsche Stimme von 007, Dietmar Wunder, ihr als Gast an der Veuve-Bar im KaDeWe noch versichert, dass „KEINE ZEIT ZU STERBEN“ ein großartiger Film sei – konnte sie nicht begreifen, dass mir die Nachricht von Bonds Tod die Vorfreude auf den neuen Streifen verhagelt hatte. „Das kann doch nicht dein Ernst sein!“ Doch, und ob es das kann! Bond hat schon die Welt gerettet als Kathrin noch Gold bei der Spartakiade gewann und ihr Papa, erfolgreicher Nationaltrainer der DDR, zum Rapport antreten musste, weil er seiner Tochter ein paar Leerkassetten vom Eisschnelllaufwettkampf beim Klassenfeind mitgebracht hatte.

Bond stirbt nicht, Bond ist der Held der freien Welt. 007 hat die Lizenz zum Töten, nicht zum getötet werden. Okay, unsere Welt, wie wir sie kennen, gerät mehr und mehr aus den Fugen. Gendergaga, Lastenfahrrädervisionen, Wahlbeteiligungen über 100 Prozent. Dazu ein Bond-Hauptdarsteller, der auf der Weltpremiere in London ein rosafarbenes Sakko trägt. Da läuft so einiges komplett aus dem Ruder. Aber Bond tot? Ich hatte die Hiobsbotschaft eher zufällig erfahren, zuvor akribisch darauf geachtet, jede Meldung mit „Achtung, Spoileralarm“ sofort auszublenden. Zu groß war die Vorfreude, als dass ich von Daniel Craigs letzten Heldentaten als Bond zu viel im Vorfeld erfahren wollte.

Endlich wieder ein gut besuchtes Kino. Endlich wieder Bond, James Bond. Und dann das: „Verrät diese Szene etwas über den neuen Bonddarsteller?“ Die Bild.de-Schlagzeile machte neugierig. Einmal draufgeklickt und schon war’s passiert. Es wurde über Leonardo di Caprio als Craig-Nachfolger spekuliert. Weil Leo in der Schlussszene des Streifens „Blood Diamond“ auf ähnliche Art stirbt wie Bond diesmal. Kein Spoiler-Alarm. Nichts. Es steht einfach da. Schwarz auf weiß. Bond stirbt.

Aber das geht doch nicht. Bond ist eine der wenigen Konstanten im Leben. Seit ich mich mit den Problemen dieser Welt beschäftige war er da, um uns zu retten. Es gab sogar Zeiten, da konnte man sich in Berlin an jedem Tag davon überzeugen. Am Ku’damm. Für meinen besten Freund Klaus und mich verging in Zeiten des Kalten Krieges keine noch so kurze Berlinvisite ohne Kinobesuch beim guten alten James. Und jetzt? „Bond tot“. Das ist ungefähr so wie „Batman tot“. Verstehen Sie? Das geht nicht!

Das können die doch nicht machen. Oh doch. Sie können. Sogar noch viel mehr. Bond ist nicht mehr 007, statt seiner hat das MI6 einer Frau die Sicherheit Großbritanniens und der Welt anvertraut. Obwohl es sich Nomi in Bonds Schlafzimmer auf dem Bett bequem macht, kommt James nicht in Wallung. Überhaupt legt der einstige Macho unter den Geheimagenten keine Frauen mehr flach. Schlimmer noch: Er bittet sie sogar, sich umzudrehen, wenn er sich oben herum frei machen muss, um in einen Smoking zu schlüpfen. Der Frauenheld schlechthin trägt jetzt Keuschheitsgürtel.

Kein einziges Bondgirl in 163 Minuten Filmlänge. Nicht mal ein kleiner Flirt mit Miss Monyepenny. Geht’s noch? Fehlt eigentlich nur noch, dass der neuerdings homosexuelle Q dem körperlich wie immer top gestählten Craig alias Bond schöne Augen macht, während er ihm die neue Omegauhr als Stromkreis durchbrechendes Gadget erläutert. Am Ende mutiert der einst kompromissloseste Geheimagent der Filmgeschichte zu einem verliebt schmachenden Vater, der sich sehenden Auges wegbomben lässt, weil er sonst Geliebten und Kind nie wieder gegenübertreten könnte, ohne sie mit einer einzigen Berührung oder durch einen einziges Kuss zu töten. Schuld ist ein widerwärtiger Virus.

Für einen echten Fan ist es Ironie des Schicksals, dass Corona den Start des 25. Bondfilms immer wieder auf die lange Bank schob. Fast ist man geneigt, Danke zu sagen. Denn sonst hätte man diesen Abgang schon viel früher erleben müssen. Der Superagent gen Himmel schauend. Auf die Raketen, die in wenigen Sekunden die Brutstätte des Virus in die Luft jagen werden. Während er wartet, dass es ihn mit zerreißt, ist er nicht allein. Im Hosenbund von James Bond steckt ein Kuscheltier. Ein K-U-S-C-H-E-L-T-I-E-R! Dieser Bond ist nicht mal in der Lage, seiner Tochter ihren geliebten Stoffhasen zurückzugeben, ehe er für immer abtritt. Ich bin mir nicht sicher, ob ich dieses Bild je wieder aus dem Kopf bekommen werde.

Hätte nie gedacht, dass ich das mal sagen oder schreiben würde: Aber ich bin froh, dass es vorbei ist. Dieser Bond ist tot. Endlich. ACHTUNG SPOILER: „James Bond wird zurückkehren“. Diese vier Worte sind das Letzte, was man sieht, ehe die Leinwand nach dem Abspann schwarz wird. Keine Ahnung, wie die Produzenten das anstellen wollen. Aber zumindest bleibt die Hoffnung, dass mit dem nächsten Bond der alte wieder reanimiert wird. Ansonsten ist diese Welt endgültig nicht mehr zu retten.

Bildquelle:

  • James_Bond_Daniel_Craig: universal
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