von KLAUS KELLE
NEUZELLE – Im beschaulichen Örtchen Neuzelle im Süden Brandenburgs, genau im noch beschaulicheren Ortsteil Treppeln (300 Einwohner), wurde gestern Geschichte geschrieben. Denn bei strahlendem Sonnenschein wurde hier das Richtfest für ein neues katholisches Kloster gefeiert. Bestimmt 500 und mehr Gäste waren dabei, den ersten katholischen Klosterbau in Deutschland seit dem 11. Oktober 1990 zu feiern.
Damals wurde in Bochum-Stiepel Richtfest für einen modernen Klosterneubau gefeiert, ebenfalls von Mönchen des Zisterzienserordens – so wie in Neuzelle.
Die Zisterzienser sind Mönche und Ordensfrauen in der Tradition der Benediktiner. Rund 6.000 Mönche und Ordensfrauen gibt es heute weltweit in der Zisterzienser-Familie, etwa 180 von ihnen leben auf 20 Klöster in Deutschland verteilt.
Zur Vorgeschichte muss man wissen:
Als die DDR 1989/1990 zusammenbrach, kündigte die katholische Kirche an, nun auf breiter Front eine Neuevangelisierung in Ostdeutschland zu starten, um den christlichen Glauben wieder zu lehren und zu verbreiten.
Und das wäre auch nötig gewesen, denn eine viel beachtete Langzeitstudie des NORC-Instituts der Universität von Chicago unter dem Titel „Beliefs About God Across Time and Countries“ brachte das niederschmetternde Ergebnis, dass Ostdeutschland nach Jahrzehnten sozialistischer Herrschaft statistisch die gottloseste und am stärksten säkularisierte Region der Erde ist.
Mehr als 52 Prozent der Menschen in Ostdeutschland gaben an, explizit Atheisten zu sein und überhaupt nicht an einen Gott zu glauben. Im damaligen Westdeutschland lag dieser Wert bei nur rund 10 Prozent. Unter den Befragten, die jünger als 28 Jahre alt waren, gab es in der ostdeutschen Stichprobe keine einzige Person, die angab, mit absoluter Gewissheit an Gott zu glauben.
Selbst in Ländern mit offiziell atheistischer Staatsdoktrin – wie etwa der Volksrepublik China – lag und liegt die Quote der bekennenden Atheisten in internationalen Umfragen deutlich niedriger. Ostdeutschland ist damit die einzige Region weltweit, in der der Atheismus die selbstverständliche Normalität der Bevölkerungsmehrheit stellt.
Die Ankündigung der katholischen Bischöfe, das ändern zu wollen, war nur folgerichtig
Doch wie so oft passierte erstmal wenig bis nichts, wenn man davon absieht, dass Papst Johannes Paul II. im Sommer 1994 offiziell die territoriale Neuordnung der katholischen Strukturen in Ostdeutschland anordnete, indem er die im SED-Staat nur provisorisch verwalteten Bistümer Erfurt, Magdeburg, Görlitz und Dresden-Meißen als eigenständige Diözesen neu errichten ließ.
Dort gibt es heute natürlich engagierte Pfarrer und Ordensleute, gläubige Christen, die in der Gemeinde aktiv mitmachen – und das nicht nur auf Seiten der Katholiken.
Während der katholische Glaube im thüringischen Eichsfeld selbst zu DDR-Zeiten quicklebendig blieb, blüht im Erzgebirge und dem Vogtland der sächsische Pietismus. Die Gottesdienste und Aktivitäten der Freikirchen sind hier und selbst in urbanen Zentren wie Leipzig, Dresden und Chemnitz oft überfüllt. Der Glaube an Jesus Christus und seine Botschaft ist hier auch heute im atheistischen Kernland der Welt lebendig.
Aber zurück zum Kloster Neuzelle
Es war gestern eine echte Freude, den jungen Pater Kilian im Trubel des Richtfestes auf dem Bernhardshof von Treppeln wiederzusehen – neben der neu geweihten Klosterglocke, die einst in Apolda (Thüringen) gegossen wurde. Im Mai vergangenen Jahres hatte ich Pater Kilian kennengelernt, als er und ein Mitbruder nach der Sonntagsmesse in St. Ludwig in Berlin-Charlottenburg ihr Klosterprojekt vorstellen durften.
Ich war sofort fasziniert
Ein neues katholisches Kloster errichten in der gottlosesten Wüste, die es auf diesem Planeten gibt? Das ist ganz nach meinem Geschmack. Ich reiste nach Neuzelle und schaute mir das vor Ort an. Meinen Bericht über die Reise lesen Sie hier.
Die alte katholische Stiftskirche St. Mariä Himmelfahrt ist die Hauptklosterkirche des ehemaligen Zisterzienserklosters Neuzelle, das zwischen 1290 und 1330 erbaut wurde. Am 25. Februar 1817 war es vorbei mit dem Kloster, als der preußische König Friedrich Wilhelm III. die Abtei per Dekret schloss und in preußischen Staatsbesitz übernahm. Die Zisterzienser-Mönche mussten gehen, wurden immerhin vom Staat finanziell noch abgefunden. Das Gebäude wurde in das staatliche „Preußische Stift Neuzelle“ überführt.
In der DDR-Zeit wirkte die barocke, glanzvolle Klosterkirche von Neuzelle direkt neben der kirchenlosen Stadt Eisenhüttenstadt wie eine offene Provokation des SED-Regimes.
Die Staatssicherheit (Stasi) überwachte das kirchliche Leben, die Wallfahrten und das Priesterseminar in Neuzelle extrem engmaschig. Priesteranwärter und Ausbilder standen unter permanenter Beobachtung. Während die Kirche im Inneren von der Gemeinde gepflegt wurde, litt die umliegende historische Klosteranlage unter der typischen DDR-Mangelwirtschaft. Die Klausurgebäude (genutzt als Internat und staatliche Schule) und die barocken Außenanlagen wurden vom Staat stark vernachlässigt und verfielen zusehends.
Nun also ein neues Kloster, junge Zisterzienser-Mönche, knapp acht Kilometer vom historischen Kloster mit seiner Barockkirche entfernt. Vier Wochen sind die Bauarbeiten im Verzug, für deutsche Verhältnisse also komplett im Plan. 2027 sollen die Neuzeller Mönche hier einziehen.
Bildquelle:
- Mönche_Neuzelle: klaus kelle
