von JOSEF KRAUS
BERLIN – Die Bundeswehr wurde über Jahrzehnte hinweg materiell und personell heruntergewirtschaftet. Kurz vor der Wiedervereinigung hatte die Bundeswehr 495.000 Soldaten. Dann glaubte man an den ewigen Frieden, machte zugunsten einer weiteren Aufblähung des Sozialstaates vulgärpazifistisch auf Friedensdividende und speckte die Bundeswehr bis 2010 auf 245.823 Soldaten ab. 2011 schließlich wurde die Wehrpflicht von einem Merkel-Kabinett ausgesetzt; 2015 fand sich die Bundeswehr bei 179.633 Soldaten wieder. Liegenschaften wurden verkauft, Kasernen veräußert, zu Flüchtlingsunterkünften umgewandelt oder abgerissen.
Materiell sah es ähnlich aus: Als Putin am 24. Februar 2022 die Ukraine überfallen ließ und seither mit einem Terrorkrieg in Atem hält, brachte der damalige Chef des deutschen Heeres, Alfons Mais, den Zustand der Bundeswehr zutreffend auf den Punkt: „Die Bundeswehr steht mehr oder weniger blank da.“ Eines von vielen Beispielen: Die Munition für die Verteidigung gegen einen Großangriff auf Deutschland hätte gerade zwei bis drei Tage gereicht.
Man wollte nicht wahrhaben, was sich zusammenbraute
Dass sich die USA bereits unter US-Präsident Obama (2009 – 2017) militärstrategisch mehr und mehr in Richtung Pazifik konzentrierten und dass Russland unter Putin seine imperialistischen Gelüste pflegte: Siehe den Kaukasus-Krieg 2008 und die Annexion der Krim 2014. Währenddessen drangsalierte man die Bundeswehr mit Fehlbesetzungen im Ministersessel: mit einer egomanen Ursula von der Leyen (CDU, 2013 – 2019) und einer ahnungslosen Christine Lambrecht (SPD, 2021 – 2023).
Nun steht Deutschland vor einem Trümmerhaufen von Bundeswehr. Immerhin werden jetzt kleine Brötchen gebacken. Laut Bundesregierung soll die Zahl der aktiven Bundeswehrsoldaten bis Mitte der 2030er Jahre auf rund 260.000 wachsen. Aktuell (Stand Ende Juli 2026) liegt die Stärke bei 186.705 (Anteil Frauen: 13 Prozent). Hinzukommen sollen rund 200.000 Reservisten. Mittel- bis langfristig wird ein Gesamtpersonalumfang (Aktiv und Reserve) von etwa 460.000 Kräften angestrebt, um die Verpflichtungen gegenüber der NATO zu erfüllen. Die Bundeswehr solle – so die arg vollmundige Perspektive – zur stärksten konventionellen Armee unter den europäischen NATO-Mitgliedern werden.
Sind diese Pläne realistisch?
Tragen die Werbung um neue Soldaten und das neue Wehrpflichtgesetz mit seiner Fragebogenaktion Früchte? Nein, viel zu wenig. An den großen Schritt, die Wiedereinführung eines Pflichtwehrdienstes oder gar an eine allgemeine Dienstpflicht für alle hat man sich nicht herangetraut.
Folge unter anderem: Die Verwerfungen bekommt aktuell die Panzerbrigade 45 der Bundeswehr in Litauen zu spüren. Dort fehlen vor allem Mannschaftsdienstgrade. Bis Ende 2027 soll der Kampfverband an der NATO-Ostflanke mit rund 4.800 Soldaten einsatzfähig sein, doch die Lücken im unteren Dienstgradbereich sowie in Funktionsfeldern wie Logistik und Instandsetzung sind groß.
Und dann erst die Rüstung: Deutschland setzt aus Sicht des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) falsche Schwerpunkte bei der Aufrüstung der Bundeswehr. Statt in Panzer, Schiffe und Soldaten müsse mehr Geld in Drohnen, KI und Robotik fließen, fordert Präsident Moritz Schularick. Der „Süddeutschen Zeitung“ sagte Schularick, statt die 700 Milliarden Euro, die bis 2030 für die Modernisierung der Bundeswehr zur Verfügung stünden, gezielt in Waffensysteme der Zukunft zu investieren, gebe Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) einen Großteil des Geldes weiter für Panzer, Fregatten und andere veraltete Technologien aus.
Das IfW weiter: „Statt auf mehr Soldaten, mehr bemannte Fahrzeuge und mehr Kasernen müssen wir – wo immer möglich – auf KI, Robotik, Drohnen und Satellitentechnik setzen.“ Zudem sei jemand nötig, „der mit politischer Macht ausgestattet ist, Industrie, Start-ups und Ministerien zusammenbringt, Friktionen ausräumen kann und alles auf ein Ziel konzentriert“. Aus Sicht Schularicks müssen sowohl die Bundesregierung als auch die Industrie ihre Herangehensweise bei der Rüstungsbeschaffung vollständig umstellen. Statt hochkomplexe, maßgefertigte Panzer in kleiner Stückzahl oder 200 Flugabwehrraketen zu ordern, müsse es darum gehen, Produktionskapazitäten aufzubauen.
Schularick hat Recht und Unrecht zugleich
Ja, Bundeswehr und deutsche Rüstungsindustrie haben viel verschlafen. Allein in der Drohnentechnologie sind uns Israel, der Iran, vor allem die Ukraine um Jahre voraus. Gewiss: Der Drohnenkrieg ist fester Bestandteil in der modernen Kriegsführung geworden. Aber Drohnen alleine werden den Krieg der Zukunft nicht entscheiden. Denn Faktum ist: Der aktuelle Krieg in der Ukraine zeigt, dass Kriege immer noch mit Panzern und Raketen geführt werden. Oder ganz simpel ausgedrückt: Für die Rückeroberung eines von einem Angreifer besetzten Gebietes etwa braucht es hochmoderne, KI-gesteuerte multifunktionale Panzer mit optimaler reaktiver Panzerung gegen Kamikazedrohen.
KI, autonome Systeme, Robotik, Raketenabwehr, Weltraumfähigkeiten und hochspezialisierte Kampfeinheiten – all das braucht die Bundeswehr
Solches zu entwickeln ist eine Sache der Forschung: der Forschung in der Rüstungsindustrie, der Forschung in Startups, hoffentlich bald auch wieder der Forschung an unseren Universitäten, die sich freilich mit ihrer naiven „Zivilklausel“ weitestgehend jeder militärisch relevanten Forschung seit Jahren verschließen.
Immerhin tut sich da und dort etwas. „Quantum Systems“ im bayerischen Oberpfaffenhofen hat mit einem batteriebetriebenen Fluggerät soeben eine Geschwindigkeit erreicht, die selbst Passagierjets nahekommt. Die pfeilförmige „Apex Recordhunter“ soll bei einem internen Test im geraden Horizontalflug 699 Kilometer pro Stunde erreicht haben. Am Testflug beteiligt war neben Quantum Systems auch V4Smart, ein Batterietechnologieunternehmen aus der Porsche-Gruppe.
Weitere sechs Defence-Startups aus Bayern mischen mit: Helsing – KI für militärische Lagebilder; ARX Robotics – autonome unbemannte Bodenfahrzeuge; Donaustahl – Kamikazedrohnen und Drohnenmotoren; Alpine Eagle – Abfangdrohne; Starflight Dynamics – Raumfahrt mit Defence‑Relevanz; Hive Robotics – Vernetztes Command & Control für unbemannte Systeme. Also: Es geht doch! Die Politik muss dergleichen allerdings noch viel mehr fördern.
Was die Politik ebenfalls dringend voranbringen muss, dass ist angesichts der neuen Kriegsdimension „Cyber“ eine Stärkung der drei Abwehr- und Nachrichtendienste: des Bundesnachrichtendienstes (BND) als Auslandsgemeindienst, des Militärischen Abschirmdienstes (MAD) und des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI). Letzteres war leider in Misskredit gekommen, nachdem die damalige Bundesinnenministerin Faeser (SPD) den damaligen BSI-Präsidenten Arne Schönbohm nach einer von ZDF-Krawallschachtel Jan Böhmermann erfundenen Story Ende 2022 willkürlich versetzt hatte.
Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) mit seinen 16 Landesbehörden braucht es indes nicht; kaum ein demokratisches Land der Welt unterhält einen solchen Inhaltsgeheimdienst. Außerdem wurde das BfV mit seinen Landesbehörden zuletzt häufiger politisch instrumentalisiert. Die hier in der Summe fast 10.000 Beschäftigten hätten in den drei genannten „Diensten“ Wichtigeres zu tun.
Bildquelle:
- CA 1_Kampfjet: helsing
