Friedensnobelpreis für Menschenrechtler aus Osteuropa

Oleksandra Matvitsuk (l-r), Jan Ratshinsky und Natalja Pintschuk als Vertreterin ihres Mannes nahmen in Oslo den Friedensnobelpreis entgegen. Foto: Javad Parsa/POOL NTB/dpa
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OSLO – Menschenrechtler aus Russland, der Ukraine und Belarus sind am Samstag in Oslo mit dem diesjährigen Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden. Passenderweise am Tag der Menschenrechte wurden die inzwischen aufgelöste Organisation Memorial aus Moskau, das Zentrum für bürgerliche Freiheiten (CCL) aus Kiew und der inhaftierte belarussische Menschenrechtsanwalt Ales Bjaljazki mit dem weltweit wichtigsten politischen Preis geehrt. Die Vorsitzende des norwegischen Nobelkomitees, Berit Reiss-Andersen, bezeichnete sie als «Champions des Friedens».

Die CCL-Vorsitzende Olexandra Matwijtschuk und Memorial-Chef Jan Ratschinski konnten die Medaillen und Diplome im Rathaus von Olso persönlich entgegennehmen. Bjalzaki, der seit anderthalb Jahren im Gefängnis sitzt, wurde von seiner Frau Natalja Pintschuk vertreten. Die Preisträger sind bereits seit Anfang Oktober bekannt. Die Auszeichnungen gelten auch als Zeichen gegen das Vorgehen der Präsidenten aus Russland und Belarus, Wladimir Putin und Alexander Lukaschenko.

Belarus ist ein Gefängnis

Pintschuk sagte: «Ales und wir alle erkennen, wie wichtig und riskant es ist, die Mission von Menschenrechtsverteidigern zu erfüllen, besonders in der tragischen Zeit der russischen Aggression gegen die Ukraine.» Abertausende Belarussen würden unterdrückt und zu Unrecht eingesperrt, Hunderttausende zudem in die Flucht getrieben, nur weil sie in einem demokratischen Staat leben wollten.

«In meinem Heimatland sitzt ganz Belarus in einem Gefängnis», sagte sie im Namen ihres Mannes. Die Auszeichnung gebe allen Belarussen die Hoffnung, auf die Solidarität der demokratischen Welt zählen zu können. Reiss-Andersen sagte in Richtung Bjaljazki: «Ales, du bist nicht allein. Wir stehen dir bei.»

Die Menschen in der Ukraine wollen Frieden

Die Ukrainerin Matwijtschuk betonte: «Frieden, Fortschritt und Menschenrechte sind untrennbar miteinander verbunden.» Ein Staat, der Journalisten töte, Aktivisten einsperre und friedliche Demonstrationen auflöse, sei eine Bedrohung für den Frieden in der ganzen Welt. Zur Lage in ihrer Heimat sagte sie: «Die Menschen in der Ukraine wollen Frieden mehr als alles andere auf der Welt. Aber Frieden kann nicht erreicht werden, indem ein angegriffenes Land seine Waffen niederlegt. Das wäre nicht Frieden, sondern Besatzung.»

Der Russe Ratschinski sagte, die Auszeichnung habe große symbolische Bedeutung für Memorial. «Sie unterstreicht, dass staatliche Grenzen die Zivilgesellschaft nicht trennen können und sollten.» Mit Blick auf den russischen Einmarsch in die Ukraine fragte er aber auch, ob Memorial den Preis wirklich verdiene. Seine Organisation habe eine Menge versucht und mehr als ein bisschen erreicht. «Aber hat unsere Arbeit die Katastrophe vom 24. Februar verhindert?» Während seiner Rede war die norwegische Kronprinzessin Mette-Marit den Tränen nahe.

In einem Interview der BBC berichtete Ratschinski davon, dass Memorial von russischer Behördenseite aus geraten worden sei, den Preis wegen der Mitausgezeichneten abzulehnen. Natürlich habe man diesem Ratschlag keine Beachtung geschenkt, sagte er.

Ausgezeichnet wurden die Preisträger für ihre langjährige Arbeit, Machthabende zu kritisieren und wesentliche Bürgerrechte zu verteidigen. Sie hätten sich außerordentlich darum bemüht, Kriegsverbrechen, Verstöße gegen Menschenrechte und Missbrauch von Macht zu dokumentieren, so die Jury. «Gemeinsam demonstrieren sie die Bedeutung der Zivilgesellschaft für Frieden und Demokratie.»

Die Preise gehen auf den Dynamit-Erfinder Alfred Nobel (1833-1896) zurück. Sie werden an dessen Todestag, dem 10. Dezember, überreicht – der Friedensnobelpreis in Oslo, alle anderen in Stockholm. Die Auszeichnung ist in diesem Jahr mit zehn Millionen schwedischen Kronen (rund 920.000 Euro) dotiert.

Bildquelle:

  • Friedensnobelpreis 2022: dpa
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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.