Ganz frisch aus dem Ticker: Weltsensation aus Stockholm

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Liebe Leserinnen und Leser,

es gibt so Augenblicke in meinem Journalistenleben, da stellt sich urplötzlich die Sinnfrage. Gleich ist es 1 Uhr am 17. Oktober, und mein Redaktionsdienst endet dann bis irgendwann am späten Vormittag. Alles nochmal gecheckt, was die Agenturen und die Mainstreammedien so haben spät in der Nacht. Der Schlagersänger Tony Marschall (83, „Schöne Maid, hast Du heut‘ für mich Zeit?“) liegt mit Coronaausbruch auf Intensivstation. Auf La Palma fließen weiter endlose Ströme Lava nach dem Vulkanausbruch. Wenigstens läuft für uns erkennbar nicht irgendwo in Europa wieder so ein „Allahu Akbar“-Irrer mit einem Säbel oder Pfeil und Bogen durch die Straßen und bringt Leute um.

Man sagt sich: das war’s, jetzt passiert nichts mehr – und dann kommt die Top-Meldung über Ticker, wahrscheinlich weltweit. Greta Thunberg, Schwedens globale Klima-Ikone, hat – Originalton „die Besucher eines Konzerts zugunsten des Klimaschutzes in Stockholm mit einer Gesangseinlage überrascht“. Greta hat überrascht. Weil sie gesungen hat. Die Zeitung «Aftonbladet» weiß sogar, dass es das erste Mal war, dass Thunberg „in der Öffentlichkeit ihre Gesangskünste zum Besten gab“. Ist das nicht toll? Und bitte, es ist so blöde, dass ich es Ihnen nicht vorenthalten will:

„Das Showbusiness dürfte Greta jedenfalls nicht ganz fremd sein: Sowohl ihre Mutter Malena Ernman (50) als auch ihre Schwester Beata Ernman Thunberg (16) sind im Musikgeschäft, wie «Aftonbladet» anmerkte. Mutter Malena, die eigentlich Opernsängerin ist, hatte sogar ihre Heimat 2009 beim Eurovision Song Contest vertreten.“

Ich habe selten so eine Belanglosigkeit bei einer großen internationalen Nachrichtenagentur gelesen. Einziger Zweck. Eine linksextreme politische Aktivistin als menschlich und liebenswert darzustellen vor den Augen, ich muss es so sagen, der Weltöffentlichkeit. Ich meine, was interessiert es einen Nachbarn hier am Niederrhein, dass Greta Thunberg in Stockholm irgendein Liedchen angeträllert hat? Ist das eine Nachricht? Qualitätsjournalismus?

Oder andersherum: Können Sie sich vorstellen, dass Nachrichtenagenturen gestern Abend melden, dass Hans-Georg Maaßen nach dem CDU-Landesparteitag in Suhl eine Thüringer Bratwurst gegessen habe? Das fände ich jedenfalls interessanter, als das, was Greta Thunberg in Stockholm in irgendeinem Park gesungen hat…

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.