von MARTIN EBERTS
BERLIN – Es gibt Minister, die sich mit dem Amt schmücken, und solche, die es als Aufgabe empfinden. Zu letzteren gehört Johann Wadephul (CDU). Am 6. Mai jährt sich sein Amtsantritt als Bundesminister des Auswärtigen. Es ist unwahrscheinlich, dass die Medien mit umfangreichen Elogen und weitschweifigen Analysen darauf reagieren. Und das wird Wadephul auch ganz recht sein. Womit wir schon ein typisches Kennzeichen seines Charakters und seiner Amtsführung benennen können: Er ist uneitel und ein eher nüchterner Typ. In Zeiten ständiger Medien-Hypes und kreischender Tic Toc-Auftritte von Politikern diverser Couleur ist das schon ein echtes Alleinstellungsmerkmal. Und dazu verstand der Mann schon vor seinem Amtsantritt etwas von Außenpolitik, sogar eine ganze Menge.
Minister im Bilde
Weniger wohlmeinende Zeitgenossen mögen nun schnell über Kenntnis und Kompetenz hinweg huschen und hämisch darauf beharren, Wadephul sei aber doch eitel, da er ja die Weisung erteilt habe, in den deutschen Auslandsvertretungen neben dem obligatorischen Bild des Bundespräsidenten auch ein solches des Außenministers aufzuhängen. Damit verriete man allerdings eine recht oberflächliche Kenntnis der Gepflogenheiten in der Diplomatie. In den diplomatischen Diensten etlicher Länder, innerhalb und außerhalb der EU, ist es durchaus üblich, ein Konterfei des jeweiligen Ministers zu zeigen, weil es nun mal nicht das Staatsoberhaupt ist, welches das Außenamt leitet.
Und wer schon einmal Gelegenheit hatte, deutsche Botschaften oder Generalkonsulate von innen zu betrachten, der wird sich an die vielen „Ahnengalerien“ mit Porträtfotos von früheren Botschaftern bzw. anderen Behördenleitern erinnern, oft über Jahrzehnte zurückgehend. In der Zentrale des Auswärtigen Amts freuen sich sogar die Abteilungsleiter über diese Art der Ehrung. Und eine extra Prachtgalerie ist dort noch den besonders geförderten Frauen im Auswärtigen Dienst gewidmet. Es bleibt dabei: Der Wechsel von Annalena Baerbock zu Johann Wadephul war – unter vielen anderen Dingen – auch einer von Selbstverliebtheit zu Bodenständigkeit und vom „so-tun-als-ob“ zu „einfach machen!“
Operation Ausmisten
Das Erbe, das Wadephul anzutreten hatte, war übrigens um ein Vielfaches schwerer, als die meisten Leute meinen. Die inhaltlichen und organisatorischen Verwüstungen der Ära Baerbock gingen tief.
Dabei war das oft Unseriöse in ihrem Auftreten nur die Spitze des Eisbergs und bei Weitem nicht das Schlimmste. Auch Baerbocks Vorgänger Maas hatte nicht wirklich überzeugen können. Aber er hatte zumindest darauf verzichtet, das ganze AA ideologisch umkrempeln zu wollen, was Baerbock trotz kurzer Amtszeit leider gelungen war. Sie hatte die ganze Führung auf grün-“woke“ Weltanschauung umgestellt, was von Quasi-„Politkommissaren“ in Zentrale und Auslandsvertretungen mit harter Hand durchgesetzt wurde, sehr zu Lasten der Professionalität.
Johann Wadephul fiel dann die undankbare Aufgabe zu, nicht nur stilistische, sondern vor allem inhaltliche Fehlentwicklungen der Baerbock-Jahre aufzuarbeiten. Für Baerbock waren immer Innen- und Parteipolitik prioritär. In ihrer Amtszeit kam es deshalb so weit, dass die Mehrzahl aller deutschen Diplomaten in der Berliner Zentrale arbeitete, statt an den über 200 Auslandsvertretungen. Dazu kamen die ideologischen Schwerpunktthemen „feministische Außenpolitik“ und „Klimaaußenpolitik“, die nichts mit richtiger Außenpolitik zu tun hatten, aber in extremem Umfang Ressourcen, Personal und Mittel verschlangen.
Rollout im Sommer 2026: Endlich eine neue Struktur
In gut einem Monat soll das AA endlich eine neue Organisationsstruktur erhalten. Eine solche in nur einem Jahr vorzubereiten und schon im Sommer 2026 „auszurollen“, das ist eine reife Leistung, die für Professionalität und Effizienz des Wadephul-Führungsteams spricht. Wer die Tücken des Organisationswesen kennt, wird anerkennen, dass das schnell ging, gemessen an der Größe der Aufgabe. Und dazu noch reibungsarm und fast ohne jedes öffentliche Aufsehen. Typisch für den Stil Wadephul ist es nämlich auch, dass er Missstände und Fehlentwicklungen diskret bereinigen lässt und auf Abrechnung und Schuldzuweisungen verzichtet. Auch das ist ein wohltuender Unterschied zu dem giftigen und scharfen Führungsstil der grünen Vorgängerriege.
Zurück in die Zukunft
Zukunftsfähig wird das AA nur dadurch, dass es sich auf seine eigentlichen Stärken und das enorme Kapital an Wissen und diplomatischer Erfahrung zurückbesinnt. Der „Ordnungsplan“ des Amtes war über die Jahre regelrecht „verwildert“, und es fehlte an einer klaren Linie. Nun werden wieder eindeutige und sinnvolle, geographische und fachliche Zuständigkeiten geschaffen; der personelle Wasserkopf wird reduziert, und die Mehrzahl der Diplomaten geht wieder dahin, wo sie hingehören: ins Ausland, an die Botschaften, Konsulate und Ständigen Vertretungen.
Nicht bei allen Amtsangehörigen macht das den Minister beliebt. Viele hatten sich an die unklaren Strukturen und den personellen Überhang in der Zentrale am Werderschen Markt gewöhnt. Da fühlte man sich wichtig, und die Botschaften wurden mehr und mehr als bloße Zulieferer von Bestelltem angesehen. Das geht nun nicht so weiter. Jetzt heißt es Schwerpunkte setzen und Unwichtiges und Ideologisches beiseite lassen.
Die Voraussage sei gewagt: Das wird funktionieren, und zwar schnell und reibungslos. Deutsche Diplomaten sind nun mal loyal, und wenn sie von den Fesseln ideologischer Fiktionen befreit sind, dann ziehen wieder alle an einem Strang. Dabei darf man die grünen Quereinsteiger einmal beiseite lassen, die auf dem Baerbock-Ticket und per Abkürzung in den Auswärtigen Dienst gelangt sind und dort natürlich verbleiben.
Gutes Rating bei Partnern
Die wichtigste Frage lautet aber: Wie sieht es nach einem Jahr Wadephul in der deutschen Diplomatie wirklich aus? Hört man sich unter EU-Diplomaten um, dürfte das Echo wohl eindeutig sein: Erleichterung über die Rückkehr deutscher Außenpolitik in die Realität. Wadephul kam schon als außenpolitischer Experte ins Amt, und er versucht nichts anderes zu machen als das: Außenpolitik. Seine zurückhaltende Art ist kein Zeichen von Schwäche. Und obwohl er deutsche Interessen ebenso wie universelle Werte ohne Umschweife zu vertreten versteht, hat er sein Blatt bisher nie überreizt.
Seine erste China-Reise ist ein schönes Beispiel dafür, und sie ist seither geradezu paradigmatisch geworden.
In einer öffentlichen Rede hatte der Minister deutlich chinesische Völkerrechtsverstöße als solche benannt und sich nicht gescheut, sogar das Reizthema Taiwan aus eigenem Antrieb anzusprechen. Als Peking ihn daraufhin mit einem „Downgrading“ seiner schon vereinbarten China-Reise bestrafen wollte, sagte er diese kurzerhand ab, allerdings ohne öffentliches Auftrumpfen und ohne weitschweifige Presseerklärungen. In einschlägigen Mediennetzwerken wollte man ihm daraus einen Strick drehen, er sei ungeschickt gewesen und von China gedemütigt worden. Das war allerdings Unfug; in Wahrheit paddelte Peking sehr bald pragmatisch zurück, natürlich ebenfalls außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung, und der Besuch fand dann unter angemessenen Bedingungen statt.
Man darf Johann Wadephul zum ersten Jahr seiner Amtszeit gratulieren: Präsenz gezeigt wo nötig, falschen Medienzauber vermieden, einen Augiasstall ausgemistet, und das auch noch beinahe lautlos. Gar nicht schlecht, Herr Minister!
Bildquelle:
- Johann_Wadephul_CDU_3: bundesregierung/tobias koch
