MOSKAU – Die russische Journalistin Anna Politkowskaja war an diesem Nachmittag des 7. Oktobers 2006 noch schnell in einen Markt in der Nähe gegangen, um ein paar Einkäufe zu erledigen. Gegen 16 Uhr erreichte sie ihr Wohnhaus an der Lesnaja-Straße 8/12 im renommierten Twerskoi-Viertel, ganz in der Nähe des Belorussischen Bahnhofs. Als sie den Fahrstuhl mit ihren Einkaufstüten betrat, wartete dort ein Mann auf sie, zog eine Waffe und schoß der 48-Jährigen fünfmal in die Brust. Politkowskaja war sofort tot. Der 7. Oktober 2006, heute vor 20 Jahren, war der 54. Geburtstag von Wladimir Putin. Viele Russen sind bis heute Überzeugt, dass es sich bei dem Gewaltverbrechen um eine Art makabres „Geburtstagsgeschenk“ loyaler Machtzirkel in Moskau an ihren Präsidenten war.
Politkowskaja war eine unerschrockene Stimme in einem Land, das damals gerade begonnen hatte, seine demokratischen Ansätze wiede im Keim zu ersticken. Als Reporterin – heute würde mman Investigativjournalistin sagen – für die unabhängige Zeitung Nowaja Gaseta reiste sie unzählige Male in das vom Krieg zerrüttete Tschetschenien. Während die staatlichen russischen Medien das Narrativ einer sauberen „Antiterror-Operation“ verbreiteten, dokumentierte sie die grausame Realität: das systematische Verschwindenlassen von Zivilisten, Folterkeller, Massengräber und die Willkür russischer Truppen sowie der tschetschenischen Schergen unter ihrem Anführer Ramsan Kadyrow.
„Putin hat es nicht geschafft, die Demokratie zu vertiefen. Er hat sie einfach abgewürgt. Und er tut es weiter, Tag für Tag, Schritt für Schritt“, schrieb sie damals in einem ihrer Bücher. Und zog sich damit den Zorn des ehemligen KGB-Offiziers im Präsidentenamt und seiner Schergen zu. Der Inlandsgeheimdienst FSB bedrohte die Frau, die im Jahr 2004 nur knapp einen Giftanschlag im Flugzeug auf dem Weg zur Geiselnahme von Beslan überlebte. Bei Recherchen in Tschetschenien wurde sie von russischen Soldaten in einer Grube gefangen gehalten. Und dennoch schrieb sie weiter.
Über ihre Rolle als Journalistin notierte sie kurz vor ihrem Tod:
„Ich bin keine Richterin. Ich bin eine Person, die aufschreibt, was sie sieht. Und ich sehe eine Tragödie.“
Der Mord an Anna Politkowskaja im Jahr 2006 war kein isoliertes Verbrechen – er war das brutale Fanal für den Umbau Russlands von einer unvollkommenen Demokratie in eine totalitäre Diktatur. Es war der Moment, in dem der Kreml der Welt und der eigenen Bevölkerung signalisierte: Wer die Wahrheit sagt, bezahlt dafür mit dem Leben.
Das System, das Politkowskaja damals in seinen Anfängen beschrieb, hat sich heuten zu einer lückenlosen Gewaltherrschaft ausgewachsen. Die Methoden der Einschüchterung sind im Russland des Jahres 2026 Alltag geworden. Politische Gegner und unliebsame Kritiker sterben unter mysteriösen Umständen oder werden systematisch vernichtet. Das Phänomen „aus dem Fenster fallender“ Oligarchen, Beamten und Journalisten ist zu einem makabren weltweiten Symbol für Putins Säuberungen geworden. Wer dem Kreml im Weg steht oder Zweifel am völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine äußert, stürzt auffallend oft von Balkonen oder stirbt an plötzlichem „Herzversagen“.
Für diejenigen, die nicht stürzen, hat das Regime das sowjetische Gulag-System in Form von berüchtigten Straflagern im tiefsten Sibirien wiederbelebt. Alexej Nawalny, charismatischer Oppositionsführer, wurde dort unter unmenschlichen Bedingungen isoliert und im Februar 2024 liquidiert. Zuvor hatte der Kreml versucht, Nawalny mit einem Nervengas zu liquidieren. Weitere Kritiker wie Wladimir Kara-Mursa oder Ilja Jaschin wurden weggesperrt, bevor sie im Zuge eines historischen Gefangenenaustauschs im Sommer 2024 schwer gezeichnet den Westen erreichten.
Wie konsequent das Regime jede Erinnerung an seinen eigenen Terror tilgen will, zeigt der Umgang mit Politkowskajas Erbe
Zwar wurden die tschetschenischen Auftragsmörder nach jahrelangem Zögern verurteilt, doch die Drahtzieher im Hintergrund wurden nie gesucht. Pünktlich zum 15. Jahrestag im Jahr 2021 ließ die russische Justiz den Fall juristisch verjähren. Schlimmer noch: Einer der verurteilten Organisatoren, der Ex-Polizist Sergej Chadschikurbanow, wurde von Putin persönlich begnadigt, weil er sich freiwillig meldete, um in der Ukraine für Russland zu morden.
Gedenktafeln für Politkowskaja in Moskau werden regelmäßig beschädigt oder entfernt.
Putins Diktatur will keine Erinnerung an Menschen, die sich widersetzten.
Bildquelle:
- Anna Politkowskaja: amnesty international
