Ist die Türkei als Partner für Deutschland, Europa und Nato noch tragbar?

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Liebe Leserinnen und Leser,

das mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan und dem Rest der zivilisierten Welt hat so keine Zukunft, wie das im Moment läuft. Und das Thema hat mehrere Facetten, die es zu betrachten gilt.

Aktuell hat Erdogan seinen Außenminister angewiesen, die Botschafter Deutschlands, der USA, Frankreichs, Kanadas, Finnlands, Dänemarks, der Niederlande, Neuseelands, Norwegens und Schwedens zur «Persona non grata» zu erklären». Das führt dann automatisch im nächsten Schritt zur Ausweisung der Diplomaten. Was die Botschafter getan haben? Sie hatten sich für den vom türkischen Regime eingesperrten Kulturförderer Osman Kavala (64) eingesetzt, der in Istanbul in Untersuchungshaft festgehalten wird, obwohl der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) schon 2019 seine Freilassung angeordnet hatte. Unser Möchtegern-Partner Türkei ignoriert dieses Urteil einfach. Wie so viele andere Dinge.

Jetzt ist dicke Luft zwischen allen am Streit beteiligten Ländern und der Türkei, und wie bei Erdogan üblich, hat der Umgangston nichts mehr mit den üblichen Regeln der Diplomatie zu tun. Es ist also an der Zeit, das Thema Türkei grundsätzlich zu betrachten.

In Deutschland leben ungefähr drei Millionen türkischstämmige Menschen, manche haben die doppelte Staatsbürgerschaft, die meisten von ihnen leisten einen Beitrag zum deutschen Sozialprodukt, sind also berufstätig. Besonders in deutschen Großstädten gibt es oft ganze Viertel, die dominiert werden von türkischen Obsthändlern, Schneidern, Schuhmachern und Bäckern oder Dönerläden. Was sollte man dagegen haben? Also, ich erst einmal nichts. Ich beurteile türkische Mitbürger nicht nach ihrer Herkunft. Wer in Deutschland mitmachen will, unsere Regeln und Gesetze und auch die Traditionen achtet, ist herzlich willkommen.

Ich habe viele gute Erfahrungen mit türkischstämmigen Menschen in Deutschland gemacht, Kollegen in der Redaktion, Eltern von Kindergartenkindern, die mit unseren auf dem Spielplatz balgten, als sie klein waren. Bei Kindergeburtstagen spielten die Fünfjährigen, ohne dass es jemanden interessierte, ob die Herkunft deutsch oder türkisch war. Es gab – Achtung, bitte melden Sie mich bei irgendeiner Behörde! – Mohrenköpfe und Heißwürstchen mit Kartoffelsalat. Unglaublich nette und sympathische Leute, fleißig und mit einem Familiensinn, der vielen Deutschen inzwischen abhandengekommen ist.

Vor ein paar Jahren hatte ich für die „Welt am Sonntag“ eine Geschichte über einen türkischen Speditionsunternehmer hier in der Nähe geschrieben. Wir kannten uns nicht, ich stand als deutscher Journalist an der Tür und klingelte, um das Interview zu führen. Der Eigentümer begrüßte mich an der Tür, sprach perfekt unsere Sprache und fragte mich, ob ich schon zu Mittag gegessen hatte, was ich verneinte. Dann begannen wir die Unterhaltung im Kreis seiner etwa 20 Angestellten, man aß jeden Tag in der Kantine zusammen, der Chef, die Sekretärin, Sachbearbeiter, Fahrer und Kfz-Techniker. Wie eine Familie. Und so wurde ich aufgenommen. Als wir später in seinem Büro bei Gebäck und Tee saßen, hinter seinem Schreibtisch gekreuzt eine deutsche und eine türkische Fahne, sagte er: „Ihr Deutschen und wir Türken haben so viel, was wir miteinander tun können. Wenn wir zusammen halten, wer kann uns aufhalten?“

Ich habe dieses Gespräch noch gut in Erinnerung. Was für ein krasser Gegensatz zu der unverschämten Art, wie Präsident Erdogan auftritt und seine Gäste behandelt. Gerade war er freundlich zur deutschen Bundeskanzlerin auf ihrer Abschiedstournee, aber die Art, wie EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen in Istanbul behandelt wurde, war eine Unverschämtheit. Sie wissen, dass ich persönlich der Meinung bin, Frau Merkel und Frau von der Leyen sollten irgendwo einen Bioladen eröffnen und Pilze züchten, statt Deutschland und Europa zu ruinieren. Aber so etwas macht man nicht unter Freunden.

Die Türkei ist ein wichtiger Partner – für Deutschland sowieso, für die EU und insbesondere auch als starker Nato-Außenposten an der Grenze zwischen Europa und dem islamistischen Wahnsinn. Aber mit Erdogan und seinen Regierenden geht es einfach nicht mehr. In der EU sind sie nicht, und das ist auch gut so. In der Migrationsfrage haben wir alle uns leichtsinniger Weise von der Türkei abhängig gemacht. Danke, Frau Merkel! Die Türen zur EU sollten immer einen Spalt geöffnet bleiben, bis Europa erkennen kann, dass nach Erdogan ein Partner am Bosporus mit der EU verhandelt, von dem man sicher sein kann, dass er Recht und Gesetz und vor allem die Menschenrechte schätzt und respektiert.

In der Nato ist die Türkei bereits Mitglied, und das ist das größte Problem, denn wir als das westliche Bündnis brauchen dieses Scharnier zum Orient und den starken Puffer zum real existierenden Wahnsinn unbedingt. Aber was ist das für ein Bündnis, wo ein solcher Partner zehn Verbündete, darunter die Weltmacht USA, dermaßen brüskiert und die Botschafter rausschmeißt?

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.