Mobbing unter Jugendlichen: Staat, Justiz und Eltern müssen das Problem ernster nehmen

"Stell Dich nicht so an!" Die Gesellschaft sollte Mobbing ernster nehmen und aktiv entgegenwirken.
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von MICHAEL STING     

BERLIN – Wenn Sie meine bisherigen Texte kennen wissen Sie, dass ich immer versuche, meine Artikel mit einem Spritzer Humor zu verbinden. Doch bei diesem Thema ist das einfach nicht möglich, und hier muss endlich mal Klartext gesprochen werden. Ich spreche von Mobbing. Eine Krankheit unserer Gesellschaft.

Mir selbst ist aufgefallen, dass heute die meisten Leute zu sehr empfindlich sind, sich schnell diskriminiert fühlen, bei einer Kleinigkeit beleidigt sind und sich einfach mal ein dickeres Fell zulegen sollten. Aber bei Mobbing ist das ein ganz anderes Kaliber. Es ist ein Unterschied, ob man sich mal gelegentlich einen blöden Spruch anhören muss, oder man pausenlos und täglich erniedrigt wird.

Wenn es für Kinder ein Spießrutenlauf wird, zur Schule zu gehen, dann haben wir als Gesellschaft versagt. Wir reden immer davon, dass das nur Einzelfälle sind und wie sehr wir Mobbing bekämpfen müssen. Doch sind wir mal ehrlich. Den meisten Lehrern oder der Schulleitung ist das in vieler Hinsicht egal. Und die Kinder haben nun einfach mal Angst oder schämen sich dafür, mit Ihren Eltern darüber zu sprechen, weil Sie dadurch weitere Repressalien befürchten.

Wir hören tagtäglich die gleiche Leier, wie tolerant wir als Gesellschaft sein müssen. Wie bunt und divers wir sind. Doch für mich ist es reine Heuchelei und Selbstbetrug. Wenn wir wirklich eine harmonische und rein friedliche Gesellschaft haben möchten, müssen wir erst einmal die menschliche Natur ändern.

In den vergangenen Jahren gab es sehr schlimme Fälle von Mobbing, die erst mit dem Selbstmord der Opfer endeten. Ich frage mich: Wie viel Leid und Qual muss man einem jungen Menschen antun, damit er sich zu so einem Schritt entschließt?

Am 15. Juni hat sich ein 15-Jähriger an einer Bushaltestelle in Heiligenhafen erhängt.

2019 führte Mobbing an der Hausotter-Grundschule in Reinickendorf zum Selbstmord eines Mädchens. Alter 11 Jahre.

Anfang Juli wurde im niedersächsischen Sittensen ein 13-jähriger Junge, der an einer tödlichen Organfehlbildung leidet, von seinen Mitschülern verprügelt. Diese stellten ihm kurz zuvor folgende Frage: „Ist es wahr, dass du stirbst, wenn wir dich schlagen?“

Konsequenzen blieben natürlich aus. Verantwortung möchte selbstverständlich auch niemand übernehmen. Und die Täter suchen sich darauf die nächsten Opfer.

Doch wer hat letztlich versagt, dass diese jungen Menschen zu Tätern geworden sind? Es sind die Eltern, die sich keine Zeit für ihre Kinder nehmen und Ihnen keine Grenzen setzen und Ihnen nie nWerte wie Kameradschaft, Anstand und Respekt beigebracht haben. Und eine Gesellschaft, die sich bei diesem Thema wegguckt aufgrund falscher Toleranz und der Gefahr, dass Sie noch zusätzlich Arbeit investieren müsste. Oder Sie könnte aus Ihre „heilen-Welt-Blase“ gerissen werden.

Wenn man Mobbing endlich ernsthaft in den Griff bekommen möchte, sind folgende Schritte unausweichlich:

  • Wir müssen zunächst die Strafmündigkeit herabsetzen. Die Strafmündigkeit bezeichnet die Fähigkeit, strafrechtlich verantwortlich zu sein. Sie beginnt mit 14 Jahren; Kinder, die noch nicht 14 Jahre alt sind, sind schuldunfähig und damit strafunmündig (vgl. § 19 StGB). Das ist aus meiner Sicht nicht mehr zeitgemäß. Denn durch Smartphones und soziale Medien kommen Kinder schon sehr früh mit Brutalität in Verbindung. Und Sie hätten die Möglichkeit, sich an anderen Vorbildern zu orientieren. Da kommt wieder die Verantwortung der Eltern ins Spiel. Da wir gesehen haben, zu welchen Grausamkeiten Kinder fähig sind, sollte die Strafmündigkeit auf 10 Jahre herabgesetzt werden.
  • Jeder Schule sollte einen Anti-Mobbing Beauftragten haben. Ob es sich dabei um eine Lehrkraft oder einen weiteren Angestellten handelt, sollte man von Fall zu Fall betrachten. Wichtig ist, dass Kinder über die normalen Vertrauenspersonen hinaus einen weiteren Ansprechpartner haben, der mit der Materie vertraut ist und sich mit Leidenschaft gegen Mobbing einsetzt.
  • Wir brauchen einen neuen Kameradschaftsgeist an den Schulen. Die Schüler müssen sich wieder als Einheit sehen. Wir brauchen nicht 25 Einzelkämpfer pro Klasse. Sondern eine Gruppe, die sich gegenseitig unterstützt und nicht gemeinsam auf den Schwächsten der Klasse eintritt.
  • Unser Schulsystem braucht einen Wandel. Nicht jede Erneuerung ist unbedingt eine Verbesserung. Und anstatt nur Fachwissen zu vermitteln, sollte auch die Bedeutung der gesellschaftlichen Werte wieder vermittelt werden: Anstand, Ehrlichkeit, Pünktlichkeit, Disziplin und Kameradschaft.

Nur so können wir die Krankheit Mobbing halbwegs in den Griff bekommen. Denn die passende Definition von Mobbing hat der Publizist  Franz Schmidberger beschrieben:

„Mobbing ist die permanente Injektion mit einer Überdosis von Gefühlskälte.“

 

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Bildquelle:

  • Mobbing: pixabay
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