Nur noch wenige Schritte bis zum Abgrund

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Liebe Leserinnen und Leser,

am Abend rief mich Karl, ein guter Freund aus meiner ostwestfälischen Heimat an, um mir zu erzählen, dass er sich die Rede des russischen Diktators Putin in voller Länge im Originalton angehört hat. Karl spricht fließend russisch. „Der Mann ist völlig irre“, war sein Fazit. Ein mächtiger Mann im Kreml, gefangen in einer Gegenwelt ohne jeden Bezug zur Realität.

Putin hat dort gesagt, er werde die Russische Föderation gegen die Ukraine und die NATO verteidigen. Verteidigen, das sagte der Mann, der 150.000 Soldaten ins Nachbarland einrücken, zerstören, töten und vergewaltigen ließ, wirklich. Er fühlt sich mal wieder bedroht, so wie von 950 Bundeswehr-Soldaten in Litauen ja auch. Und von der NATO und dem Westen und irgendwann vermutlich den Klingonen. Oder dem Raumschiff Enterprise und der Föderation, bestimmt von Wall Street ferngesteuert gegen das bemitleidenswerte Russland. Ich kann diesen Quakr nicht mehr hören, unfassbar, dass es immer noch Welche gibt, die sich mit diesem Schmonzes ernsthaft beschäftigen.

Der Einzige, der bedroht und angegriffen wird und sich heldenhaft gegen die Großmacht Russland wehrt, das sind die Ukrainer. Un sie haben jedes Recht dazu und jede Hilfe auch aus Deutschland verdient.

Weil fast die Hälfte der Invasionsarmee den Russen inzwischen irgendwie abhanden gekommen sind, wird jetzt teilmobilisiert. 300.000 junge Männer werden eingezogen, ohne vernünftige Ausbildung in russische Uniformen gesteckt und als Kanonenfutter in die Ukraine geschickt. Was für eine Tragödie, in diesem Fall auch für die russischen Familien.

Am Morgen gab es an russischen Großstadtflughäfen einigen Andrang junger Männer, die noch schnell nach Armenien oder die Türkei fliegen wollten. Wahrscheinlich Kurzentschlossene für einen kleinen Urlaubstrip. Inzwischen hat Russland Ausreisebeschränkungen für Männer verhängt. Man will ja die 300.000 auch irgendwie zusammenbekommen. Bin gespannt, wie die Puin-Fan-Blase reagiert, die sich ja so empört hat, dass Präsident Selnskyj bei Kriegsausbruch ein Ausreiseverbot für Männer verhängte. Bin gespannt, was die jetzt schreiben. Vermutlich nichts. Wenn man nichts erwartet von diesen Leuten, wird man auch nicht enttäuscht.

Putin selbst begründete die Mobilmachung damit, die gelichteten Reihen seiner Soldaten im Osten und Süden der Ukraine wieder auffüllen zu wollen. Mit 300.000 Mann. Wo doch offiziell von Moskau behauptet wird, man habe erst gut 5000 gefallene Soldaten. Ein einziges Lügengebäude seit Monaten, dass der Kreml absondert.

Putin rief die Rüstungsindustrie seines Landes dazu auf, nach Kräften Waffen zu produzieren, was Sinn ergibt, denn nach Analysen westlicher Geheimdienste gibt es bei weitem zu wenige Fahrzeuge und Panzer auf russischer Seite, um 300.000 Soldaten in Marsch zu setzen. Und wie es mit dem Nachschub an Munition und Essen für die Soldaten aussieht, das konnten wir in den vergangenen Monaten beobachten.

Das letzte Aufgebot wird mobilisiert, die Rüstungsindustrie läuft auf Hochtouren, an irgendwas erinnert mich das…

Ach ja, richtig, 1945, da hat doch irgendwer in seinem Bunker in Berlin den Befehl gegeben, die umkesselte deutsche Hauptstadt rauszuhauen. Erst sollte SS-Gruppenführer und Generalleutnant der Waffen-SS Felix Steiner von Norden auf Berlin vorrücken. Das machte er aber nicht. Dann ordnete der „Führer“ an, die 12. Armee des Generals Wenck solle nun alles richten. „Wenck, in ihre Hände lege ich das Schicksal Deutschlands!“ Und was tat Wenck? Marschierte mit seinen teilweise sehr jungen Soldaten an Berlin vorbei und begab sich mit seiner Armee in amerikanische Gefangenschaft

Psychopaten auf Ego-Trip wissen nie, wann es vorbei ist. Auch wenn es vorbei ist.

Am Abend sind in mindestens 38 russischen Städten Tausende Bürger gegen die angeordnete Teilmobilmachung auf die Straßen gegangen. Putins Knüppeltruppen verhafteten zahlreiche friedliche Demonstranten, am späten Abend waren 1300 Festnahmen registriert. To be continued…

Niemand weiß, ob Putin blufft. Gewinnen kann er nicht mehr in der Ukraine, aber auf jeden Fall noch mehr morden, zerstören und vergewaltigen lassen. Doch das Land wird er niemals unter Kontrolle bekommen, zu groß ist der Hass inzwischen auch im Donbass und Luhansk auf die rücksichtslose russischen Soldateska.

Und wird er denn nun Atomwaffen einsetzen?

Das weiß niemand von uns, das war über Jahrzehnte undenkbar. Seit Putin ist es wieder denkbar geworden. Selbst eine sogenannte „taktische Atombombe“ auf Kiew oder gar das (NATO-)Baltikum, und selbst wenn es „nur“ ein „Warnschuss“ über der offenen See wäre, öffnet unweigerlich die Büchse der Pandora. Und dann gnade uns allen Gott! Nach einem Dritten Weltkrieg wird auch von Russland nichts mehr übrig sein, das ist auch sicher. Und über Europa müssen wir gar nicht reden.

Vielleicht nimmt sich in Moskau, im Zentrum der Macht, mal jemand dieses Themas an und handelt, um die Apokalypse zu verhindern und uns alle vor diesem Irren zu schützen?

Mit ganz schlechten Gefühlen,

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.