Politischer Frühling im Sudan: „Dieses Mal machen wir es besser!“

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von MARC ZÖLLNER

Khartum/Sudan – Bukharys Osman Elamins Augen strahlen Zuversicht aus. „Dieses Mal werden wir nicht scheitern“, erzählt der charmante Mittvierziger mit dem buschigen Schnauzer fröhlich im Interview mit TheGermanZ. „Denn dieses Mal stehen nicht nur die meisten Parteien des Landes hinter uns, sondern auch weit über achtzig Prozent der Einwohner dieser Stadt. Dieses Mal werden wir siegen.“

80 Prozent von acht Millionen: Was Bukhary und seine Freunde in den vergangenen Wochen an Anhängern und Sympathisanten mobilisiert haben, ist eine logistische Fleißleistung, die ihresgleichen sucht. Und das gerade in der Hauptstadt einer der repressivsten Diktaturen des afrikanischen Kontinents: der Republik Sudan, die seit über 27 Jahren unter der Alleinherrschaft ihres Präsidenten Umar al-Baschir und seiner radikalislamischen, von Kleptokratie und Vetternwirtschaft geprägten Nationalen Kongresspartei (NCP) steht. In einem Land, welches sich außenpolitisch großteils isoliert befindet; welches seit dem Ende des Bürgerkriegs gegen den nunmehr unabhängigen Süden die schwerste Wirtschaftskrise seiner Geschichte durchleidet; in welchem jeder zweite Bürger die Auswanderung auf die Arabische Halbinsel, aber auch nach Europa und in die Vereinigten Staaten anstrebt – und welches in der Vergangenheit selbst kleinste Rührungen oppositioneller Bewegungen mit brutaler Waffengewalt niederzuschlagen pflegte.

Doch dieses Mal soll alles anders werden, sind Bukhary und seine Mitstreiter sich sicher. Denn diesmal habe man aus den Fehlern von 2013, aber auch von den Methoden des Arabischen Frühling in Tunesien gelernt.

Im ganzen Land hatte sich ihr „hashtag“ in den zurückliegenden Wochen wie ein Lauffeuer verbreitet: #Dezember19zivilerUngehorsam, verkünden Schriftzüge seitdem in arabischen Lettern auf dem Straßenasphalt und von den Hauswänden der Metropole Khartum. Geldscheine wurden mit Aufrufen zum Widerstand markiert, in Umlauf gebracht und von den Händlern auf den Märkten, in den Läden und selbst in den Banken der Stadt umgehend weitergereicht. Auf Twitter und Facebook – im Sudan gern genutzte und viel verbreitete Plattformen zur Kommunikation – sammeln sich Studenten und Angestellte, Ärzte, Künstler und Gelegenheitsarbeiter, vor allem aber die Jugend des Nilstaates, um über die politische Zukunft ihres Landes zu debattieren. Sie tauschen Videos, Flyer und Berichte aus, rufen zu spontanen Demonstrationen auf, informieren über kürzlich veranstaltete Sit-Ins – und ebenso über Namen und Anzahl der von der Regierung verhafteten Rädelsführer ihrer Bewegung. Was sie eint, ist jener eine „hashtag“ und das für den Sudan höchst bedeutsame Datum: Der 19. Dezember 2016, der Tag der nationalen Empörung gegen Umar al-Baschir.

Hausdurchsuchungen und Verhaftungen verstärken nur den Widerstand

„Natürlich haben wir Angst“, gesteht Bukhary im Gespräch mit dieser Zeitung.  „Die Regierung bezahlt Hacker, um in unsere Facebook-Accounts einzudringen. Sie überwacht, was wir im Internet schreiben. Sie veranlasst Hausdurchsuchungen, wenn wir uns kritisch äußern.“ Auch Bukhary wurde bereits Opfer einer solchen Verhaftungswelle: Mitglieder der Geheimpolizei drangen in seine Wohnung ein, bedrohten ihn vor den Augen seiner Tochter und zwangen ihn, die Login-Daten seiner sozialen Netzwerke herauszugeben. Seinen Willen zum Widerstand, erzählt der Buchhalter aus Al-Bahri stolz, habe die Regierung dadurch jedoch nur gestählt.

Es ist ein stiller, ein passiver Kampf gegen einen Präsidenten, der keine Gnade walten lässt: Als im Sommer 2013 die erste, von Studenten der Khartumer Universität getragene Revolte gegen den vom Internationalen Gerichtshof wegen des Völkermords im Darfur mit Haftbefehl gesuchten Autokraten ausbrach, erteilte er die Order, scharf auf die Demonstranten zu schießen. Über 200 Studenten kamen beim Versuch, den Arabischen Frühling in den Sudan zu tragen, ums Leben. Unzählige weitere verschwanden spurlos in den Folterkellern des Geheimdienstes oder hatten sich ins relativ sichere Exil nach Ägypten und dem Südsudan gerettet.

Drei Jahre hielt der brüchige, blutig erkaufte Waffenstillstand zwischen dem Präsidenten und seinem Volk. Doch als Ende September 2016 der Sudanesische Pfund zu einer rasanten Talfahrt ansetzte und sich die staatlich verordneten Preise auf Lebensmittel, Benzin und Medikamente in Folge vervielfachten, wuchs neuer Unmut unter den Einwohnern Khartums. Die fragile Arbeitsmarktsituation, die horrende Inflation ihrer Währung sowie Misshandlungen durch Soldaten trieben gerade junge Menschen erneut zu Protesten auf die Straße.

60 Euro Lohn… im Monat

“Die Mehrheit der Leute hier verdienen gerade einmal noch 1.000 Pfund oder weniger im Monat”, umgerechnet rund 60 Euro, erzählt Mohammed, ein 25 Jahre junger Arzt aus der Hauptstadt, gegenüber TheGermanZ. “Bei den heutigen Preisen benötigt man einen Zweitjob, der nicht leicht zu finden ist. Viele von uns finden ja nicht einmal einen Erstjob.”

Zusammen mit mehreren tausend anderen medizinischen Angestellten traf sich Mohammed jenen September zu gewaltlosen Protestmärschen und rief dazu auf, die Arbeit niederzulegen. Nur zwei Monate später ruhte das erste Mal der komplette Verkehr in Khartum: Ihrem Beispiel folgend, mied das Gros der Einwohner in einem drei Tage andauernden Generalstreik die Straßen der Millionenmetropole. Schulen blieben geschlossen, Lehrer versagten den Dienst, die Händler, Restaurantbetreiber und Taxifahrer blieben schlicht zuhause. Für 72 Stunden mutierte Khartum zur Geisterstadt. Umar al-Baschir sah sich zum ersten Mal in seiner Regierungszeit mit Machtlosigkeit konfrontiert – und gab sich großzügigen Versprechen zur Deregulierung der Marktpreise hin.

“Ende November hatte die Regierung einsehen müssen, dass sie total von unseren Steuern abhängig ist”, lobt Bukhary die Dreitagesrevolte vom November. “Denn drei Viertel ihres Haushalts werden allein für das Militär und die Polizei ausgegeben. Und jeden Tag, an dem wir nichts einkaufen und nicht zur Arbeit erscheinen, verliert die Regierung noch mehr Geld. Aber sie kann uns ja auch nicht mit Waffengewalt zwingen, einkaufen zu gehen.”

Es war ein Erfolg, aus dem die Sudaner gelernt hatten: Durch ihre neue Art des Widerstands gab es keine Toten mehr zu beklagen; der milliardenschwere al-Baschir hingegen hatte sich plötzlich zu weitreichenden Zugeständnissen herablassen müssen. Für die sudanische Oppositionsbewegung stellte der November einen beachtlichen Teilsieg in der Demokratisierung ihres Landes dar – und gleichfalls einen, auf welchem sie aufzubauen habe. Der 19. Dezember, das Datum des weit verbreiteten „hashtags“ ihrer Bewegung, ist dabei nicht rein zufällig gewählt, sondern steht unter einem ganz besonderen Vorzeichen: An jenem Tag vor genau 61 Jahren erklärte sich das sudanische Volk für unabhängig. Sechs Jahrzehnte später wagen die Bürger Khartums, diesen Schritt zu wiederholen: In einem Generalstreik auf unbestimmte Zeit, welcher die Hauptstadt des Sudan verstummen lassen soll.

“Doch jetzt geht es uns nicht mehr um die Preise für Nahrung und Medizin”, zeigt Bukhary sich siegesgewiss. “Dieses Mal werden wir die Regierung stürzen und sie endgültig aus unserem Land schmeißen. Und das ganz einfach, indem wir zuhause bleiben.”

 

Bildquelle:

  • Sudan_Bukhary_Wahlkampf: marc zoellner
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