Schüler sind unsere Zukunft – also ändert endlich was!

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von MICHAEL STING

BERLIN – Das Land der Dichter und Denker war stets bekannt für seine hohen schulischen Standards. Und auch heute können wir von unseren Schülern behaupten, dass diese selbstständig, digital und sportlich sind.

Selbstständig, weil aufgrund des Lehrermangels mehr auf Selbstlernstrategien gesetzt wird, als die Kinder auf die wirklichen Herausforderungen im Leben vorzubereiten. Experten nennen dies „Selbstregulierendes-Lernen“ mit Wochenplänen und eigenverantwortlichen Arbeiten.

Doch wie sollen Kinder davon lernen, wenn Ihnen die Grundlagen und Strategien dafür nicht beigebracht werden, ganz zu schweigen von den fehlenden Vorbildern?

Dass viele Schulen auf Tabletts und digitalen Unterricht zurückgreifen, mag der ein oder andere als Fortschritt sehen. Doch wenn es daran liegt, dass an Schulen einfach das Papier knapp wird und die Kinder ihr Tablett zuhause aufladen sollen, wirkt das nur wie eine Sparmaßnahme.

Nicht zu vergessen, dass von den Kindern erwartet wird, dass Sie sich mehrsprachig beschäftigen und einwandfrei mit dem Tablett arbeiten sollen, aber diese bereits an den Grundlagen wie dem Schreiben, Lesen und Rechnen scheitern. Und kein Gefühl mehr entwickeln, einen Stift richtig zu halten oder eine Seite in einem Buch umzublättern.

Aber zum Glück sind unsere Kinder sportlich

Aber auch hier notgedrungen, weil Sie sich im Winter drauf einstellen können, dass aufgrund der explodierenden Energiepreise kaum Heizungen und Lüfter in den Klassenzimmern stehen werden, dafür aber Dank unseres Gesundheitsministers darauf geachtet werden muss, dass auch schön die Fenster im Winter geöffnet bleiben. Da bleibt nur Bewegung, um nicht frierend im Klassenzimmer zu sitzen.
Und dann ist da noch ein Punkt, der mich schon zu meiner Schulzeit beschäftigt hat. Es ist toll, wenn man eine hervorragende Gedichtanalyse in der Oberstufe schreiben kann. Das bringt den Schülern aber nichts, wenn Sie nicht wissen, was Sie überhaupt bei der Analyse rausgefunden haben oder nach dem Abitur keine Bewerbung schreiben können. Man lernt exponentielle Gleichungen, aber kennt die Begriffe wie Dividende und Rendite nicht.

Sie wissen fast alles über die Französische Revolution und einiges über das 3. Reich.

Doch haben viele von Ihnen nie den Namen Fugger gehört…

Sie demonstrieren für mehr Klimaschutz und gegen Kapitalismus als Quelle des Bösen, doch wissen Sie überhaupt nicht, was Kapitalismus ist und dass es ihn in so vielen unterschiedlichen Formen gibt, dass man ihn unmöglich verallgemeinern kann.

Pünktlichkeit, Ehrlichkeit, Höflichkeit und Respekt spielen keine Rolle mehr

Doch ist das so überraschend? Wir haben einen chronischen Lehrermangel. Es werden Quereinsteiger eingestellt, ohne dass Sie an der Hand genommen und auf die Schüler vorbereitet werden. Weiter zeigen Studien, dass mit der stetig steigenden Mehrbelastung von Lehrkräften ebenfalls die Krankheits- und Dienstunfähigkeitsrate steigen lässt. Im Jahr 2017 erreichten 12% der verbeamteten Lehrkräfte die Pension nicht und „wurden aufgrund von Dienstunfähigkeit in den Ruhestand versetzt“. Durch die seit 2020 anhaltende Pandemie sind sowohl Schüler als auch Lehrkräfte noch weiter stärker belastet worden.

Die Lehrer werden mit so vielen Nebenaufgaben beschäftigt, dass Sie kaum noch Ihren eigentlichen Auftrag erfüllen können. Und das inklusive System ist nicht wirklich hilfreich, wenn bei überfüllten Klassenzimmern nicht auf die individuellen Bedürfnisse der Schüler eingegangen werden kann, sodass die Schwächeren überfordert und die anderen Schüler unterfordert sind.
Ein Trend dahin, dass Lehrkräfte die Rolle der Lernbegleiter übernehmen, nicht mehr vornehmlich die Rolle des Lehrenden. Langfristig ließe sich durch diesen Rollenwechsel ggf. auch dem Lehrkräftemangel entgegenwirken, da im selbstständigen Lernkontext weniger anleitendes Fachpersonal benötigt würde. Soweit, so selbstständig, so gut. Jedoch scheint es hier einen Haken zu geben denn: „rund ein Fünftel der 15-Jährigen [ist] kaum in der Lage, den Sinn von Texten zu erfassen und zu reflektieren.“

Das Land der Dichter und Denker hat also aus den Augen verloren, dass die Zukunft unserer Gesellschaft in der Bildung der nächsten Generation liegt. Seit Jahren bekannte Problematiken wie Lehrkräftemangel und dem teilweise alarmierenden Stand der elementaren Bildung werden zum Problem der Schüler und Lehrkräfte gemacht, es zählt nicht mehr wie gebildet und unterrichtet wird, oder gar unter welchen Umständen, sondern lediglich, was als Endnote auf den Zeugnissen vermerkt ist (Stichwort Outputorientierung). Und das lässt sich durch Verringerung der Ansprüche entsprechend regeln. Fehlende Lehrkräfte werden mit Quer- oder Seiteneinsteiger, unbefristeten und ggf. auch unqualifizierten Vertretungskräften oder, im schlimmsten Fall, einfach gar nicht ersetzt. Ein Eingehen auf individuelle Bedürfnisse oder unterschiedliche Lehrstände, z.B. durch Binnendifferenzierung) rückt in den Hintergrund.

Es geht nicht mehr darum, wie eigentlich in den Lehrplänen explizit gefordert, die kommende Generation zu mündigen und selbstbestimmten Bürgern zu bilden, Priorität hat der internationale Wettbewerb, die Fähigkeit die vermittelten Kompetenzen funktional einzusetzen, kurz: Schüler sollen darauf vorbereitet werden in der Gesellschaft einen funktionalen Platz einzunehmen. Wirklich wissen, was sie dabei tun, müssen sie ja nicht.

Fazit. Wenn wir die Jüngsten unserer Gesellschaft wirklich auf das Leben vorbereiten wollen, müssen grundlegende Reformen erfolgen. Und das wäre aus meiner Sicht:

1. Mehr Ressourcen im System Schule, z.B. für
a. Mehr qualifiziertes und stärker entlastetes Lehrpersonal
b. Gelder für Lehrmittel, Utensilien und Grundausstattung für Schüler und Lehrkräfte
c. Nachjustierung unhaltbarer Rahmenbedingungen im Bildungskontext wie z.B. Unterricht in unterkühlten Räumlichkeiten etc.
2. Einer Rückbesinnung der Institution Schule auf ihre eigentlichen Aufgaben
a. wieder stärkerer Einbezug von familiären Erziehungsinstanzen für ein ganzheitlicheres Erziehungs-, Sozialisations- und Bildungskonzept
b. Rückkehr zu inhaltlicher (Kompetenz-) Vermittlung, weg von inhaltsleeren Strategie- und Anwendungsprinzipien
c. Schaffung von Verzögerungsmöglichkeiten, um Bildungselemente vertiefend und weiterführend betrachten zu können
3. Sowie ein Umdenken von Schule als Vollzeitarbeitsplatz für Lernende zurück zu einem geschützten Raum für Bildung und Entwicklung, in dem sich Schüler entfalten und die eigenen Stärken und Schwächen erforschen können.

Schüler, Kinder und Jugendliche, haben keine Lobby. Aber dennoch Rechte. Und sie sind unsere Zukunft. Gesellschaftlich sowie wirtschaftlich mit den Worten von John F. Kennedy: „Es gibt nur eins, was auf Dauer teurer ist als Bildung, keine Bildung.“

Bildquelle:

  • Schüler_2: dpa
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