von KLAUS KELLE
BERLIN – Mehr zufällig haben mich die aufregenden 90er Jahre kurz vor der Wende nach Berlin verschlagen. Ich war als „Landei“ natürlich schon vorher immer mal da. Als Jugendliche fuhren wir mindestens einmal jedes Jahr mit der Jungen Union aus Bad Salzuflen und Unna hin, „Mauer gucken“ nannten wir das.
Und so war es irgendwie folgerichtig, dass ich jetzt, da ich wieder hier lebe, irgendwann ins Theater des Westens an der Kantstraße gehen würde, um mir „Wir sind am Leben – Das Berlin Musical“ anzuschauen.
Vorweg: Das Stück von Peter Plate und Ulf Leo Sommer (bekannt durch“Rosenstolz“) ist farbenfroh, und das Geschehen auf der Bühne strotzt vor überschäumender Energie. Man möchte gleich in den ersten fünf Minuten aufspringen und tanzen – selbst wenn man schon über 60 ist.
Das Lebensgefühl der 90er wollte man auf die Bühne bringen, so hieß es in der Vorankündigung.
Die Zeit, kurz nach dem Fall der Mauer. Zwei Geschwister – Nina und Mario – und ihre schrille Mutter Rosie, eine Friseuse aus Wittenberg, treffen hier nach vorherigen familiären Verwerfungen ausgerechnet in einem besetzen Haus in Friedrichshain („Konsum Hoffnung“) wieder aufeinander. Teilweise witzig, besonders Rosie (Steffi Irmen), die mit ihrer Präsenz die Bühne allein ausfüllte, und – wie wir am Schluss erfuhren – ab Ende Oktober eine eigene Show hier bekommt.
Das Stück lebt natürlich von der Musik. Neben neuen Popsongs, Elektro-Beats und Balladen, (zusammen mit Joshua Lange arrangiert) natürlich Klassiker der Band „Rosenstolz“ wie der namensgebende Titelsong „Wir sind am Leben“ oder „Die Schlampen sind müde“.
Aber je länger sich das Stück entfaltete, desto mehr ging es mir auf den Keks
Weil „Wir sind am Leben“ eben nicht das Lebensgefühl der 90er in Berlin widerspiegelt, sondern im Grunde Klischee an Klischee reiht und eine queere Welt zeigt, die sich manche sicher wünschen, die aber nur ein kleiner Ausschnitt des tatsächlichen Bildes ist.
Das Berlin, das ich in den 90er kennengelernt habe, war facettenreicher als Hausbesetzer, Technoclubs und Schwulen-Bars. Die immense Vielfalt, die das Nachwende-Berlin ausmachte, fällt komplett unter den Tisch, stattdessen langweilen die Stereotypen und Narrative, je mehr sich der Abend entwickelt.
Gleich zu Beginn die schauspielerische Warnung vor den Rechten natürlich. Der Junge aus der Provinz, den es ins besetzte Haus mit den gleichgeschlechtlichen Paaren verschlägt, die auch mal wechselnd verkehren, weshalb man sich aber nicht so anstellen soll, man sei ja schließlich erwachsen… Und schwul wird er natürlich auch sofort.
Einer der Hausbewohner stirbt irgendwann an Aids, was bewegend und tragisch war
Und als sich all die Protagonisten im besetzten Haus in Trauer vereinen und die Mutter des Toten überraschend erscheint, um denen zu danken, die sich zuletzt um ihren Sohn gekümmert hatten, da kommt mit LalüLala – natürlich – die böse Berliner Polizei, um das von bunter Vielfalt besetzte Haus zu räumen. Polizisten mit Helmen rennen über die Bühne und jagen die Trauergäste, dann werden Regenbogenfahnen geschwenkt und einer der Darstellern trug dann beim Bejubelnlassen am Schluss auf der Bühne ein „F’ck Nzs“-Shirt – da passte wieder alles.
Man kann das alles machen, es ist legitim
Denn das Theater des Westens hängt nicht am Tropf des staatlichen Kulturbetriebes in der Hauptstadt. Der Berliner Senat, der vorher zehn Millionen Euro jährlich in das Haus gesteckt hatte, verkaufte das Theater 2002 an den niederländischen Musical-Konzern Stage Entertainment, also nicht das Gebäude, sondern das Management und den Betrieb. Und weil Privatwirtschaft immer besser funktioniert als Staatswirtschaft, brummt die Bude in unmittelbarer Nähe des berühmten Bahnhof Zoo prächtig. Insofern können die auf die Bühne bringen und Geld verdienen, was sie wollen.
Und man muss ja keine Karte kaufen und hingehen, wenn es einem nicht gefällt.
Ich hatte mir mehr Tiefe erwartet, mehr Geschichten über das holprige Aufeinandertreffen von Ost- und Westmentalitäten, mehr über die Aufbruchsstimmung damals, meinetwegen auch über das alte West-Berlin, über Wannsee, Hertha BSC und die sogenannten „Schultheiss Berliner“ beim Sechs-Tage-Rennen. Aber irgendwie bestand die Nachwendezeit für die Regisseure in Berlin wohl nur aus Homoszene, Hausbesetzern und Drogen.
Ich werde sicher wieder eine paar üble Beschimpfungen per Mail erhalten
Dass ich eine Kulturbanause sei und – na klar – „homophob“, Angst vor dem Verlust meiner toxischen Männlichkeit habe oder ähnlichen Bullshit.
Aber ich bin gar nicht „homophob“, warum sollte ich das sein?
Ich habe überhaupt kein Problem mit Menschen, die anders leben und lieben als ich.
Was mich nervt ist die Penetranz, mit der der Mehrheitsgesellschaft ein Lebensmodell angepriesen wird, das zumindest ich nicht für erstrebenswert halte. Die Geringschätzung der traditionellen Familie, Mutterliebe und sowas.
Im Stück gestern Abend gab es eine kurze Szene, wo eine junge Frau ihr Baby auf dem Arm trägt und es der rauchenden Rosie auf den Arm gibt, die das Kind anschaut und ihm (immerhin nur eine Puppe) eine volle Portion Zigarettenrauch ins Gesicht bläst. Und da lacht und johlt das ganze Theaterpublikum. Total witzig, oder? Mein Humor ist das nicht.
Nein, mich stört nicht, dass Menschen anders leben, wer homosexuell ist, der ist eben homosexuell. Mich stört – ich wiederhole mich – die Penetranz der Darbietung. Spontan kam mir die Müsli-Werbung von Saitenbacher in den Sinn, Saitenbacher, Sie wissen schon, das Supermüsli von Saitenbacher…
Mir wurde vergangenes Jahr ernsthaft von einem Berliner Jazzclub, über den ich schreiben wollte, der Zutritt verweigert, weil ich für ein – aus deren Sicht – zu rechtspopulistisches Portal schreibe und in einem vorherigen Artikel davon geschrieben hatte, dass man in Berlin nicht mehr in eine Kulturveranstaltung gehen könne, ohne dass es bei der Darbietung einen „Schwuppen-Moment“ gibt. Das ist aber so meine Erfahrung. Wohin man kommt, Regenbogenfähnchen und knutschende Gleichgeschlechtliche.
Können die machen, aber deshalb gleich Kelle-Cancel-Culture?
Als ich da gestern im Theater des Westens das Ende herbeisehnte, dachte ich, wie gern ich mal wieder was von Shakespeare sehen würde, „Hamlet“ zum Beispiel oder Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ oder Goethes „Faust“. Es gibt so unglaublich viel, was man gesehen haben sollte. Aber seien Sie sicher: auf Berliner Bühnen hängen sie auch bei solchen Aufführungen irgendwo eine Regenbogenfahne ins Bühnenbild…
Bildquelle:
- Wir_sind_am_Leben: stage entertainment/dominik ernst
