Tradition, Werte, Bürgerlichkeit: Wir Deutschen müssen uns selber wieder schick machen

Deutsches Brauchtum: Kapelle beim Schützenumzug.
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von JENS GNISA, Direktor des Amtsgerichtes Bielefeld und Buchautor

BERLIN – Vergangene Woche war es wieder so weit. Ich wurde erneut ermahnt, ein Wort nicht zu sagen. So geht es mir häufiger. Fast kein Vortrag mehr, an dessen Ende mir nicht jemand aufzählt, welche Ausdrücke unkorrekt seien. Ich wollte schon mal ein Wörterbuch der zu vermeidenden Begriffe herausgeben.

Vor einiger Zeit wurde ich von einer erbosten Zuhörerin in Hannover noch an der Ampel angepflaumt, dass man gefälligst kein Wort mehr verwendet, das mit „ant“ endet. Das sei alles abfällig; ich hatte von Asylanten gesprochen. Die Frage, ob ich denn noch Elefant sagen dürfe, verkniff ich mir angesichts des erkennbar angegriffenen emotionalen Zustandes der Dame (übrigens auch eins der Worte). Nun also wieder: diesmal traf es den Begriff „bürgerliche Gesellschaft“ – man sage nämlich heute „Zivilgesellschaft“.

Das alles klingt humorvoll, ist aber eine ernste Angelegenheit. Denn wer die Macht über die Sprache bekommt, der hat auch die Macht über die Gedanken. Dass es nun die „bürgerliche Gesellschaft“ traf ist kein Zufall. Denn die Werte dieser Gesellschaftsform stehen unter Druck. Nun also der Todesstoß, indem man nicht mal mehr das Wort „bürgerlich“ sagen darf?

Einen entsprechend ratlosen, manchmal gar verzweifelten Eindruck machen wir Bürgerlichen. Wir haben das Gefühl, den Boden zu verlieren. Wer ins Netz schaut, der wird bemerken, dass man sich im ständigen Abwehrkampf gegen die „Zumutungen von Ideologen“ zu befinden scheint: Gendersprache, Windräder, Veggieday, Transgender, Elektroautos, Quoten bis hin zu Unisextoiletten werden gegeißelt und natürlich Anne Will und der ÖRR sowieso. Schon diese Aufzählung macht aber eins deutlich: stets wenden wir uns gegen etwas und vergessen das, was uns stark gemacht hat, nämlich für etwas zu sein. Wen soll so etwas überzeugen? Stellen wir uns eine Braut vor, die zwischen mehreren Männer wählen darf. Wen wird sie heiraten? Den, der sich mit seinen positiven Eigenschaften darstellt oder den, der ihr sagt, dass der andere nichts taugt? Mehr Kampfgeist statt Selbstmitleid bitte! Mehr Werbung, mehr Offensive und zwar sofort.

Ja, sicher. Ich habe auch das Gefühl, dass die bürgerliche Gesellschaft in einer tiefen Krise steckt, und wer mit offenen Augen durchs Land geht, sieht überall Anzeichen dafür. Ich selbst wohne in einem wunderbaren Kurort im Teutoburger Wald, in dem es alles gab – nur irgendwann keine Gäste mehr. Man hatte den Anschluss verpasst. Wer durch die Fußgängerzogen geht sieht ähnliches. Alteingesessene Fachgeschäfte werden durch Dönerbuden ersetzt. Die Straßen vieler Stadtteile wirken unattraktiv und ungepflegt. Oft breitet sich gar Subkultur aus. Die Dörfer sind tagsüber ausgestorben. Jeden Tag finden sich in der Zeitung Meldungen über die Auflösung eines Gesangsvereins und die Zusammenlegung von Sportvereinen mangels Nachwuchses.

Nun kommen wir zu den Schuldigen dieser Entwicklung, und glauben Sie mir, da bin ich als Richter Spezialist. Die Schuldigen sind nicht die Vegetarier, der Öffentlich-rechtliche Rundfunk oder Personen, die morgens noch nicht wissen, welches Geschlecht sie gerade haben. Es gibt nur einen Schuldigen, und das sind wir selbst. Wir sind diejenigen, die unsere Traditionen aufgeben und unsere Werte im Stich lassen und zwar ganz freiwillig. Warum soll die Moschee stören, die gebaut wird? Schlimm ist, dass wir selbst unsere angestammte Religion verlieren. So könnten wir Punkt für Punkt durchgehen und immer würden wir einen Verursachungsanteil bei uns selbst sehen müssen. Vor allem den, dass wir unsere Werte zu wenig an die moderne Zeit angepasst haben und sie zugleich viel zu wenig offensiv vertreten. Ist es wirklich erstrebenswert für Kohle, Gas und Öl zu streiten und so die Jugend zu verlieren, die sich ums Klima Sorgen macht? Und warum können bürgerliche Organisationen – beispielsweise die CDU – tendenziell weniger Frauen an sich binden als etwa die Grünen? Wir haben ein Attraktivitätsproblem oder um im obigen Heiratsbeispiel zu bleiben: wir müssen uns selbst schick machen.

Mangelt es uns denn an starken und überzeugenden Inhalten, die uns attraktiv machen? Nein, absolut nicht. Aber wir haben es zugelassen, dass diese Werte in der Versenkung verschwinden.

Welche Werte meine ich?

Beispielsweise den Stellenwert der Arbeit als Grundlage des Wohlstands. Wird Arbeit noch von uns geschätzt, wenn wir den Kollegen mit den Worten „Du hast es geschafft“ in den Ruhestand verabschieden? Ich arbeite jedenfalls gern. Sagen wir es doch einfach mal. Oder der Wert der Leistung. Die Abschaffung der Sanktionen im Hartz 4-System schützt nicht die Schwachen, sondern die Leistungsunwilligen. Regt sich Protest? Oder die Bildung. Kennen Sie jemanden, der gerade noch ein gutes Buch liest und davon auch noch erzählt? Was machen wir aus unserer schönen Sprache? Anbiedernd und unterwürfig gegenüber dem Zeitgeist (nicht Mainstream bitte). Zu alldem sind wir nicht gezwungen.

Stärken wir deshalb unsere Werte, indem wir sie reformieren und stolz nach außen tragen. Denn diese Werte haben unser Land erfolgreich gemacht. Füllen wir sie endlich wieder mit Herz und Engagement aus. Verzetteln wir uns nicht in Kleinigkeiten wie dem Gendersternchen – sondern machen allen den fundamentalen Wert der bürgerlichen Gesellschaft klar. Dann, aber auch nur dann, werden wir das JA der Braut hören.

Bildquelle:

  • Kapelle_Schützen: pixabay
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