Trauerspiel Volkspartei CDU: Immerhin hat die Aufarbeitung des Desasters gestern begonnen

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Liebe Leserinnen, liebe Leser,

es war ein Anfang, ein erster Schritt. Mehr nicht. Die 326 Kreis- und Bezirksvorsitzenden der CDU Deutschlands, oder sagen wir, dessen, was noch von der einstigen großen Volkspartei übriggeblieben ist, hat gestern in Berlin begonnen, offen und ernsthaft die Gründe der verheerenden Wahlschlappe vom 26. September aufzuarbeiten. Und wenn ich „offen“ sage, dann meine ist das genau so. Besonders die Vertreter aus allen Teilen Ostdeutschlands nahmen kein Blatt vor dem Mund, nannten Ross und Reiter und scheuten sich nicht, dem Spitzenkandidaten und dem noch Vorsitzenden Armin Laschet deutlich zu sagen, was er persönlich und die Führung der Partei falsch gemacht haben. Zwei, drei Mal wurde auch der Name der Bundeskanzlerin Angela Merkel gestreift, aber über diese Frau und ihr CDU-Vernichtungswerk wird an anderer Stelle noch ausführlich zu reden sein.

Aber zur Wahrheit gehört auch, und das haben mir am späten Nachmittag mehrere Kreisvorsitzende vornehmlich aus Westdeutschland bestätigt, Armin Laschet traf auch den richtigen Ton, hörte viel zu, moderierte den beginnenden Prozess der Aufarbeitung vergangener Fehler klug und besonnen. Natürlich habe er entscheidende Fehler gemacht, räumt der Aachener ein. Und natürlich dürfe man an einem Tag des Gedenkens der Opfer der Flutkatastrophe nicht lachen. Und als er leise anfügte „..ich hätte mir auch an manchen Stellen mehr Unterstützung von unserer Schwesterpartei gewünscht“, brandete lauter Beifall auf.

Armin Laschet ist Geschichte, nun geht es um die Zukunft. Das Votum über den Prozess zur Neuwahl eines CDU-Bundesvorsitzenden wurde schnell gefunden, nur drei der Anwesenden verweigerten sich dem drängenden Wunsch nach einem Mitgliederentscheid. „Wenn wir jetzt nicht unsere Mitglieder einbeziehen, dann können wir den Laden gleich dicht machen“, war mehr als einmal zu hören an diesem Tag. Und tatsächlich: Stellen Sie sich vor, die CDU hätte sich schon vor zwei Jahren auf einen Mitgliederentscheid geeinigt, dann hätte es eine Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer und einen Vorsitzenden und Spitzenkandidaten Armin Laschet nie gegeben. Dann hätten die Abstimmungen ohne jeden Zweifel ein starkes Votum der Partei für Friedrich Merz gebracht. Und den Millionen Wählern wäre ein Trauerspiel erspart geblieben. Aber die Nomenklatura der Merkel-Klatschkolonnen konnte Merz mehrfach verhindern. Und die Folge dieser Obstruktion ist die schlimme Situation der Union heute.

Kann Friedrich Merz nun noch einmal antreten? Klar, kann er das. Und er hat ja auch im Vorfeld gesagt, dass er zu einer neuen Kandidatur bereit sei, wenn er sich eben einem Votum der ganz normalen Parteimitglieder stellen dürfe. Das scheint nun der Fall zu sein. Aber ein Selbstläufer ist es nicht, denn natürlich hat auch Friedrich Merz Fehler gemacht, etwa als er direkt nach der Nominierung Laschets den Anspruch auf das Amt des Bundeswirtschaftsministeriums öffentlich anmeldete. Das kam nicht gut an bei den eigenen Parteifreunden.

Ich denke, nach dem gestrigen Votum der Kreisvorsitzenden wäre es folgerichtig, Friedrich Merz endlich die Chance zu geben, allen zu zeigen, dass er es tatsächlich besser kann als die Vorgänger. Armin Laschet wies gestern darauf hin, dass ein Beschluss der Kreisvorsitzenden nicht bindend sei und ergänzte, dass er allerdings davon ausgehe, dass bei einem Mitgliedervotum für einen neuen Vorsitzenden alle anderen Bewerber bei einem Bundesparteitag ihre Kandidaturen zurückzuziehen, um ungestört vollziehen zu können, was die Mitglieder wollen. Denn andernfalls wäre es wirklich vorbei mit der CDU.

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Klaus Kelle

P.S. Vereinzelt meldeten sich in den vergangenen Tagen führende Vertreterinnen der Frauen Union (FU) zu Wort und forderten, jetzt müssten endlich mehr Frauen in die Spitzengremien der Union geholt werden. Warum, das wurde mit nicht so richtig klar. Aber ob die CDU nach Frau Merkel, Frau von der Leyen und Frau Kramp-Karrenbauer dieser Idee etwas abgewinnen kann, da bin ich echt gespannt.

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.