Warum der Scheitelpunkt der Inflation noch längst nicht erreicht ist.

Der Euro verliert gegenüber dem US-Dollar stetit an Wert.
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von MICHAEL STING

BERLIN – „Wir gehen davon aus, dass im November der Höhepunkt der Inflationsentwicklung erreicht ist und dass die Inflation im kommenden Jahr wieder allmählich zurückgehen wird, und zwar in Richtung unseres Inflationsziels von zwei Prozent“, sagte EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel.

Wer sich jetzt auf eine Entspannung im Bezug auf die Inflation freut, den muss ich leider enttäuschen. Dieser Satz stammt aus einem Artikel des „Business-Insider“ vom 29. November 2021.

Das Direktorium der Europäischen-Zentralbank war zu diesem Zeitpunkt der festen Überzeugung, dass sich die Inflation im Jahr 2022 abflachen würde. Doch mit dieser Einsicht lag Sie leider erheblich daneben. Im November 2021 lag die Teuerung bei 5,2 Prozent. Laut einer Schätzung des statistischen Bundesamtes, wird die Inflation im August 2022 die Marke von 7,9 Prozent erreicht haben. Trotz der Entlastungspakete wie Tankrabatt oder 9-Euro Ticket.

Da diese im August ausgelaufen sind, ist davon auszugehen, dass sich der Preisantrieb noch einmal deutlich verschärfen wird. Die Deutsche Bundesbank rechnet bereits mit einem Anstieg der Inflation im zweistelligen Bereich. Und wer davon ausgeht, dass sich die Inflation im Folgejahr reduzieren wird, auch den muss ich an dieser Stelle enttäuschen, da folgende Punkte dagegensprechen.

Ukraine-Konflikt: Bei der aktuellen Betrachtung der militärischen Lage von Russland und der Ukraine, können wir derzeit von einer Art Pattsituation ausgehen, da es beiden Parteien nicht gelingt, in diesem Konflikt eindeutig die Oberhand zu gewinnen. Die Situation ist ein wenig dem ersten Golfkrieg zwischen dem Irak und dem Iran vergleichbar, der von September 1980 bis August 1988 andauerte und trotz hoher menschlicher und materieller Verluste ohne einen eindeutigen Sieger lediglich durch einen Waffenstillstand endete. Auch in diesem Konflikt rechne ich damit, dass dieser noch länger andauern wird, was sich somit länger auf die Rohstoffversorgung auswirken wird.

CO2-Abgabe: Eine Erhöhung der CO2-Abgabe für das Jahr 2023 ist bereits beschlossene Sache. In diesem Jahr beträgt der Preis bereits 30 Euro pro Tonne. Ab 1. Januar 2023 gelten 35 Euro pro Tonne. Ein Anstieg von über 16 Prozent. Für Autofahrer, Mieter und Wohnungseigentümer heißt es, dass sie mehr für Sprit, Heizöl oder Gas bezahlen müssen.

Energiekosten: Einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags vom Juli 2022 zufolge, werden voraussichtlich 16 Prozent der deutschen Industriebetriebe aufgrund der rasant gestiegenen Energiekosten ihre Produktion zurückfahren. Besonders stark betroffen sind demnach die Branchen Stahl, Glas und Papier. Eine Reduzierung der Produktion führt zu einem geringeren Warenangebot, was aufgrund konstant hoher Nachfrage ebenfalls zu einem Preisantrieb führen wird.

Lohnniveau: Eine Lohn-Preisspirale (kurz gesagt eine regelmäßige Anpassung der Löhne an die Inflation, die letztendlich zu hören Kosten und höheren Preisen für die Endverbraucher führt) wird kaum noch zu verhindern sein. Die weiterhin hohe Nachfrage an Personal durch den Fachkräftemangel versetzt die Gewerkschaften in eine gute Verhandlungsposition. Es ist daher davon auszugehen, dass die steigenden Löhne die Inflation weiter befeuern werden.

Index-Mietverträge: Bei diesen Verträgen, werden Mietsteigerungen automatisch an die Inflation angepasst. Da die Wohnkosten für den Bürger eine der Hauptausgaben darstellen, wird auch hier mit enormen Preisanstiegen bei den Mieten zu rechnen sein, die im Jahr 2023 erstmals fällig werden und sich an der gemessenen Inflation des Vorjahres orientieren.

Euro-Abwertung: Der Euro hat gegenüber dem US-Dollar bereits über 15 Prozent an Wert verloren und kämpft derzeit um die Wertparität. Hintergrund ist die fehlende Entschlossenheit der EZB, die Inflation zu bekämpfen.

Da die wichtigsten Rohstoffe weltweit in US-Dollar gehandelt werden, bedeutet ein Rückgang des Euro-Wertes eine Erhöhung der Importpreise, die sich wiederum auf die Inflation auswirken wird.
Selbst, wenn die EZB am 8. September einen großen Zinsschritt von 75 Basispunkten auf 1,25 Prozent plant, wird das kaum genügen, um die Inflation einzudämmen. Zumal die Zentralbanken wie Großbritannien mit 1,75 Prozent und den USA mit 2,25 bis 2,5 Prozent bereits weit voraus sind und wesentlich entschlossener die Inflation bekämpfen wollen. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass die europäischen Südstaaten nicht in der Lage sind, hohe Kreditzinsen dauerhaft zu bedienen, was sonst zu einer neuen Schuldenkrise in Europa führen würde.

Mit einem vorzeitigen Ende der Inflation ist somit aus meiner Sicht nicht zu rechnen.

Oder um an dieser Stelle den amerikanischen Börsenkolumnist André Kostolany zu zitieren:

„Inflation ist zunächst ein laues Bad, dann wird das Wasser immer heißer, und am Schluss explodiert die Wanne.“

Bildquelle:

  • Euro_brennt: pixabay
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