von JOSEF KRAUS
BERLIN – Vom 7. bis 11. Oktober präsentiert sich das „Volk der Dichter und Denker“ auf der Frankfurter Buchmesse großspurig wieder als Volk von Lesern. Aber es ist alles Schall und Rauch. Denn es sind mittlerweile Generationen herausgewachsen, die in immer größeren Anteilen nur noch rudimentäre deutsche Sprachkenntnisse haben.
Etwa ein Drittel der getesteten Viertklässler und der Neuntklässler erreicht im Leseverständnis nur noch die Mindeststandards. Und: Die 15-jährigen Schüler in Deutschland liegen auch in puncto Lesefreude im Vergleich mit anderen Ländern ganz hinten. Dazu besonders erschreckend: Diese Defizite prägen mittlerweile sogar Germanistikstudenten, also angehende Deutschlehrer.
Nun hat Christian Dawidowski, Professor für Literaturdidaktik an der Universität Osnabrück, den Finger in die Wunde gelegt. Er ist auch für die Ausbildung späterer Deutschlehrer zuständig.
Über letztere sagt er: „Es ist keine Schande mehr, wenn man nichts gelesen hat.“ Mittlerweile sei es sinnlos, etwa „Die Wahlverwandtschaften“ von Goethe oder einen Band von Annette von Droste-Hülshoff in den Seminaren zu besprechen: Viele Studenten der Germanistik – merke: Deutschlehrer in spe – könnten diese Texte nicht mehr verstehen.
Im Vordergrund, so der Germanist, stehe das „Informative Lesen“, das durch die Nutzung digitaler Medien eingeübt wird: Hier lese man eher quer und überfliegend, damit man schnell an die Informationen kommt, nach denen man gesucht hat. Gelesenes wiedergeben zu können, zu hinterfragen oder auch zwischen den Zeilen lesen zu können, bleibe dabei auf der Strecke. Folge: „Und das Leseverhalten, das die Kinder von den Bildschirmmedien kennen, wird auf analoge Medien übertragen.“
Auch im Vergleich mit anderen Ländern sieht Deutschland schlecht aus
„Abiturienten etwa aus China und Polen haben deutlich mehr deutschsprachige Literatur gelesen als ein deutscher Absolvent“, so der Germanist. Ein Lesekanon für die Schule, wie es ihn etwa in Estland gibt, sei in Deutschland längst abgeschafft. Man habe die Digitalisierung der Schule zu lange über alles gestellt, sagt Dawidowski. „In anderen Ländern rudert man längst zurück. In Deutschland sind wir da leider sehr zögerlich.“
Was Dawidowski hier beklagt, ist nicht neu, sondern seit mehreren Studentengenerationen bekannt.
Geändert hat sich nichts. Die schulischen Anforderungen an den Literaturunterricht wurden sukzessive heruntergefahren, die Bedingungen für ein Germanistikstudium ebenso. Bereits 2010 belegte eine Studie unter Bayerns (!) Germanistik-Studenten erhebliche Defizite. Sie mussten in einem Kurztest ihr Grammatik-Wissen unter Beweis stellen. Das Ergebnis war katastrophal. Mehr als ein Drittel fiel durch. Den Test hatten sich Prüfer für die Staatsexamina im Fach „Deutsche Sprachwissenschaft“ überlegt.
Abgefragt wurden Grundlagen der Schulgrammatik, die in der siebten und achten Klasse behandelt werden
Die Teilnehmer mussten zum Beispiel eine Aussage in die indirekte Rede setzen und wissen, was ein Attribut ist. 77 Prozent der Teilnehmer erkannten „käme“ nicht als Form des Konjunktivs Imperfekt. Für 88 Prozent war „manche“ kein Pronomen und für 87 Prozent „dort“ kein Adverb. Die Prüfer bescheinigen ihren Studenten ein schulgrammatisches Grundlagenwissen, das dem „Stand von Fünft- und Sechstklässlern“ entspricht.
Folge: Die Universitäten führen mittlerweile Liftkurse durch, um Studienanfänger wenigstens auf den Stand zu bringen, den man früher von Schulabgängern bzw. von Schülern der zehnten Klassen erwarten konnte.
Was aber ist der Grund? Der Grund ist eine unverantwortliche Absenkung der Anforderungen im schulischen Deutschunterricht. Von der Politik und den „Bildungswissenschaften“ durchaus gewollt bzw. als „innovativ“ inszeniert: die geringe Stundenausstattung des Faches Deutsch zwischen der ersten und zehnten Klasse: nur 16 Prozent der Wochenstunden; die Kürzung des Deutschunterrichts in der Grundschule zugunsten von Früh-Englisch; das Herunterfahren des curricular ausgewiesenen Grundwortschatzes auf nur noch 700 Wörter aktiven Wortschatzes am Ende der 4. Grundschulklasse; den Verzicht auf das Auswendiglernen von Gedichten und auf Diktate; das Zustopseln von Lückentexten anstelle des Verfassens von zusammenhängenden Antworten; eine „Kompetenzen“-Pädagogik, bei der es nicht mehr um Inhalte geht, mit der aus Lehrplänen Leerpläne werden; eine Schlechtschreibreform, die dem Prinzip Beliebigkeit Tür und Tor geöffnet hat; ein Verzicht auf Sprachstandtests vor der Einschulung verbunden mit einem Jahr Pflichtkurs Deutsch bei Nichtbestehen.
So wird das jedenfalls nichts mehr mit dem “Volk der Dichter und Denker“ bzw. der „Bildungsnation“! Hart ausgedrückt: Hier stinkt etwas mittlerweile auch vom Kopfe her, in diesem Fall vom Nachwuchs an Deutschlehrern her. Wie sollen solche Deutschlehrer ihre Schüler fürs Lesen begeistern?
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