WASHINGTON/DUBAI/GAZA – US-Präsident Donald Trump führt die Vereinigten Staaten nicht wie ein klassisches Staatsoberhaupt, sondern wie den Vorstandsvorsitzenden (CEO) eines globalen Konzerns. Außenpolitik ist für den gelernten Immobilien-Tycoon keine Frage von ausgefeilter Diplomatie, sondern eine Abfolge von Akquisitionen, Fusionen und Immobilienentwicklungen. Politische Probleme werden durch „Deals“ ersetzt, bei denen Ideologien gegen Renditechancen getauscht werden. Das radikalste Beispiel dieser Geschäftsstrategie ist dabei derzeeit sein „Masterplan für New Gaza“.
Während es seit Jahrzehnten nicht zu gelingen scheint, den Nahen Osten zu befrieden und zu entwickeln, handelt Trump erneut disruptiv: Anstatt Friedensabkommen oder Grenzlinien langwierig auszuhandeln, scheint der Gazastreifen für die US-Administration schlicht ein Sanierungsobjekt in bester Lage zu sein.
Beim Weltwirtschaftsforum in Davos Anfang des Jahres wurde Trumps Plan, die Landkarte des Nahen Ostens physisch und politisch neu zu ordnen, unter dem Radar des großen öffentlichen Interesses konkret angeschoben. Schwiegersohn Jared Kushner ist dabei die Allzweckwaffe, die die Vision seines Meisters vorantreiben und realisieren soll: aus einem zertrümmerten „Shithole“, wie Trump es wohl nennen würde, ein High-End-Wirtschaftszentrum zu schaffen – die „Riviera des Nahen Ostens“.
Dabei verwundert es nicht, dass das Projekt unter dem Strippenzieher Kushner nicht vom amerikanischen Außenministerium, sondern von privaten Investoren im Zusammenspiel mit Projektentwicklungsgesellschaften betrieben wird. Ein neu geschaffenes „Board of Peace“ dient dabei als eine Art Aufsichtsrat. Die Investmentfirma von Kushner, die bereits Milliarden von anderen Golfstaaten (insbesondere aus Saudi-Arabien) eingesammelt hat, übernimmt die Rolle des „Lead-Investors“.
Da Gaza demilitarisiert werden muss, spielen private Sicherheitsdienstleister eine zentrale Rolle bei der Planung von Logistikkorridoren und dem Schutz der Baustellen.
Erik Prince, ehemaliger US-Navy SEAL, milliardenschwerer Geschäftsmann und Gründer der Sicherheitsfirma „Blackwater“, spielt dabei anscheinend eine Schlüsselrolle. Prince hat aktiv Vorschläge in das Projekt eingebracht – vielleicht ist es für ihn sogar so etwas wie eine Herzenssache. Schon im Jahr 2024 entwickelte er einen Plan, das Tunnelsystem der Hamas durch Flutung mit Meerwasser unbrauchbar zu machen. Im aktuellen „Masterplan für New Gaza“ wird sein Netzwerk mit der Sicherung der Infrastruktur durch private Sicherheitsfirmen in Verbindung gebracht. Und natürlich ist Prince ein loyaler Unterstützer des US-Präsidenten.
Trumps Plan für Gaza sieht eine radikale Transformation in einen vertikalen Stadtstaat vor – vergleichbar mit Dubai
Konkret: Rund 180 Hochhäuser sollen die neue Skyline dominieren. Da, wo heute alles von Trümmern übersät ist, sollen gläserne Türme mit Büros für internationale Tech-Firmen entstehen. Zudem soll Gaza steuerfrei werden, um Kapital anzulocken. Ziel ist ein BIP von mehr als 10 Milliarden Dollar bis zum Jahr 2035. Trump hat sein ehrgeiziges Projekt als „Joint Venture“ konzipiert. Die Golfstaaten (VAE, Saudi-Arabien, Katar) stellen dabei das Primärkapital von bis zu 30 Milliarden US-Dollar. Für sie ist Gaza ein strategisches Investment, um regionalen Einfluss zu sichern und religiöse Spannungen durch wirtschaftliche Abhängigkeit zu ersticken.
Ägypten kommt die Rolle eines operativen Partners zu, der von der Modernisierung der Grenzregion und dem Bau neuer Industriegebiete profitiert, die ägyptische Arbeitskräfte binden. Israel wiederum sichert die militärische Peripherie und profitiert von einer stabilen, wirtschaftlich integrierten Nachbarschaft ohne Raketenangriffe auf sein Staatsgebiet.
Nur ein kleines Problem gibt es noch: So sehr der Kapitalismus zeigen kann, zu welchen großartigen Leistungen er fähig ist, so deutlich zeigt sich gleichzeitig, wie unbedeutend der Faktor Mensch in dieser Welt geworden ist.
Die 2,3 Millionen Bewohner des Gazastreifens tauchen in Trumps Plänen allenfalls als „Human Capital“ oder „Konsumenten“ auf, nicht aber als Bürger mit Selbstbestimmungsrecht.
Und ja, wenn die „Riviera des Nahen Ostens“ Wirklichkeit wird, sind vor allem sie es, die profitieren – mit Jobs, Jobs, Jobs, einem deutlich höherem Lebensstandard und einer guten Zukunft für ihre Kinder und Enkel. Donald Trump wird wahrscheinlich einen internationalen Preis für seine Menschlichkeit erwarten. Aber eine ganze Region neu zu entwickeln und zu übernehmen, ohne die Bevölkerung zu fragen, ist – sagen wir – nicht ganz lupenrein. Doch hier geht es primär darum, die Lebensverhältnisse für die Menschen zu verbessern, und um die alles entscheidende Frage: Kann man den Frieden eigentlich kaufen? Gelingt es dem US-Präsidenten, einen der komplexesten Konflikte der Welt durch ein gigantisches Immobilienprojekt zu lösen – genau an dem Platz, an dem die Diplomatie seit 70 Jahren versagt?
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