Wo die Sehnsucht nach Eleganz Wirklichkeit wird: Unterwegs mit dem Orient-Express – dem Luxus-Hotel auf Schienen

Ein Hauch von Eleganz. Bahnsteig vor dem Start der nächsten Reise mit dem Orient Express.
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von ULRIKE TREBESIUS

ISTANBUL – Zu Zeiten, als das Reisen noch aufwändig und vor allem unbequem war, gründete der Belgier Georges Nackelmackers im Jahre 1872 die Compagnie de Wagons-Lits und legte damit den Grundstein für den legendären Orient Express. Seine Inspiration verdankte er den Pullmann Luxuszügen, die er auf seinen Reisen in die USA kennengelernt hatte.

Züge mit Schlaf- oder gar einem Speisewagen waren für Europa in den 1880iger Jahren ein absolutes Novum und sicherlich eine wichtige Grundlage des Erfolgs von Nackelmackers Idee. Denn aus anstrengenden Zugfahrten wurde nun ein besonderes Erlebnis: der Orient-Express war ein Nobel-Hotel auf Schienen. Hinzu kamen die ausgewählten Ziele, denn der Orient-Express fuhr neben Destinationen in Europa wie Paris, Wien, Bukarest, Sofia und Belgrad auch nach Konstantinopel, das 1930 in Istanbul umbenannt wurde und das damals sicherlich der Inbegriff von Exotik bzw. dem Orient war. Und dem der Zug seinen Namen zu verdanken hat.

Zwei Weltkriege hatten dem Zug schwer zugesetzt, der teilweise während des Ersten Weltkrieges zwischen die Fronten geriet und im Zweiten Weltkrieg seinen Betrieb ab 1941 komplett einstellen musste. Nach 1945 nahm der Zug einige seiner ursprünglichen Routen wieder auf, hatte allerdings mit zerstörten Schienen und Brücken sowie mit einem Mangel an Kohle zu kämpfen. Er verkehrte deshalb zunächst als normaler Schnellzug mit Sitzwagen. Die Errichtung des Eisernen Vorhangs war ein weiterer schwerer Schlag, denn viele der einstigen Ziele konnten nun nicht mehr angefahren werden. Zwischen 1962 und 2009 fuhr der Zug deshalb hauptsächlich zwischen München, Straßburg, Wien und Paris als Nachtzug.

Mittlerweile wurde der Orient-Express aufwändig restauriert, viele der alten Waggons wurden komplett restauriert und knüpfen damit wieder an die alten Zeiten an. Die Schlafwagen mit Suiten und Kabinen wurden im ursprünglichen Stil aufgearbeitet und empfangen die Gäste mit plüschig–nostalgischer Ausstattung. Im Salonwagen sorgt ein Pianist für musikalische Unterhaltung und der Speisewagen kommt so elegant daher wie ein Spitzen-Restaurant.

Wer heute eine Fahrt im berühmtesten Zug der Welt bucht, bekommt vor allem eins: Genuss! Der Zug nimmt seine Passagiere mit auf eine Reise durch Europa und in eine andere Zeit. Der Weg ist das Ziel und Entschleunigung das Sahnehäubchen obendrauf. Der Hauch der goldenen Zwanziger weht durch die Gänge und man meint, Josephine Baker singen zu hören, wenn der Maître zum Champagner–Empfang ruft. Schon die Reiserouten des Orient-Expresses sind fantastisch: Berlin – Paris, Venedig – Budapest – Prag – London – Wien, so lauten die klangvollen Städtenamen, die immer noch bzw. wieder angefahren werden. Wer in den Zug einsteigt, der erlebt ein paar Tage des gehobenen Luxus und wohl auch etwas Abenteuer, während er die großen Metropolen des europäischen Kontinents erfährt. Die Städte, die sonst hauptsächlich per Flugzeug oder Auto angereist und erkundet werden, sind nun vom Bahnhof aus zu entdecken.

Der Gast steigt ohne lästige Parkplatzsuche mitten in der Stadt aus und erlebt die Metropolen direkt in ihren Stadtzentren. Auf dem Weg von einem Stopp zum nächsten lässt man die Landschaft vorüberziehen und genießt den einzigartigen Service. Denn im Orient-Express werden die Passagiere aufs Beste versorgt. Wer den nicht ganz geringen Betrag für ein Zugticket investiert hat, der fährt nicht nur wegen der liebevollen und detailverliebten Ausstattung der Schlafwagen oder des Speisewagens mit dem wohl berühmtesten Zug der Welt. In erster Linie diniert man vom Allerfeinsten, während man über die Schienen dahin rollt.

Der Maître des Orient-Expresses vermutet, dass einem Eintrag der Bordküche in den berühmten Gault Millau nur entgegensteht, dass der Zug keine feste Adresse hat. Die Qualität und Zubereitung der Speisen würden dem Anspruch des Restaurant-Guides ganz sicher gerecht werden. An jeder Station wird der Zug mit den besten Speisen versorgt, die der regionale Markt hergibt und die vom Küchenchef selbst ausgewählt und gekauft werden. Frischer Fisch steht ebenso auf der Menu-Karte wie regionales Gemüse, bester Käse und frisches Baguette. Trüffel und Kaviar gehören selbstverständlich auf die Karte. Steak in Champagnersauce, geröstetes Lamm mit orientalischen Gewürzen, Gedämpftes Gemüse, Tabbouleh mit frischen Kräutern und als süßer Höhepunkt Mont-Blanc–Kuchen mit kandierten Walnüssen. So und so ähnlich klingen die einzelnen Gänge der Menüs, die ständig aktualisiert und überarbeitet werden. Immer serviert mit den besten Weinen, die der Sommelier finden konnte. Herz – oder vielmehr Gaumen – was willst Du mehr?

Von den Uniformen der Stewarts über die liebevolle Innenausstattung bis zu den vorzüglichen Speisen ist alles authentisch stilvoll und elegant. Ein Luxus-Hotel auf Schienen. Wer in diesen Zug einsteigt erwartet einen Hauch Agatha Christie und Hercule Poirot, erwartet das Gegenteil einer Last-Minute-Reise mit Massentourismus. Es muss nicht gleich ein Mord sein und das Ambiente nicht schwarz-weiß, um etwas nostalgisch zu werden. Es ist der Glanz einer Zeit, in der man in Frack und Abendkleid ein Essen zu etwas stilvoll Eleganten machte.

Die Sehnsucht nach Klasse und chic, wie es heute kaum noch vorkommt. Vom Stewart zum Dinner abgeholt zu werden, die Betten aufgeschüttelt zu bekommen und dabei behaglich quer durchs Land zu rattern: wo kann man das schon noch erwarten? Man bekommt es im Zug der Könige, wie der Orient-Express auch genannt wurde. Er hatte viele berühmte Gäste wie König Ferdinand I. von Bulgarien, König Konstantin I. von Griechenland, Kalif Abdülmecit II., um nur einige zu nennen. Mit ihm reisten Vertreter des europäischen Hochadels ebenso wie indische Maharadschas. An Bord waren Politiker, Künstler, Diplomaten, Adlige, Banker und Industrielle. Sie alle haben die Legende mitbegründet.

Heute kann ein jeder, der bereit ist ein paar tausend Euro (ab 2500 aufwärts) für ein Ticket zu bezahlen, mit dem berühmten Zug fahren. Eventuell trifft man auch noch in diesen Tagen den einen oder anderen prominenten Zeitgenossen. Doch das ist nicht der Grund, um eine Fahrt mit dem Orient–Express zu buchen. Es ist die Gewissheit, etwas Besonderes zu erleben, ein Solitär des Reisens in einer Zeit, in der Schnelligkeit vor Genuss kommt.

Bildquelle:

  • Orient_Express: cntraveler
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