von KLAUS KELLE
SOFIA – Wie gewonnen, so zerronnen… kennen Sie das alte Sprichwort? Erst vor acht Tagen knallten in Brüssel und Berlin die Sektkorken, und die Medien überschlugen sich nach dem mitreißenden Wahlerfolg von Peter Magyar in Ungarn. Das freiheitsliebende ungarische Volk hat sich weiter für „Rechts“ entschieden in der Migrations- und Familienpolitik. Aber es wollte weniger Korruption, es wollte wieder Geschlossenheit mit Europa und der NATO, und vor allem wollte es keine Anbiederung des Landes an Russland. Wer die ungarische leidvolle Geschichte mit dem „großen Bruder“ kennt, versteht das nur zu gut.
Doch jetzt, im Schatten all des Trubels von Budapest, bahnt sich in Bulgarien – ebenfalls EU- und NATO-Mitglied – ein radikaler Richtungswechsel an.
Denn die Hochrechnungen zur Parlamentswahl in Bulgarien deuten das genaue Gegenteil an. Die Wahlallianz von Ex-Staatschef Rumen Radew kann mit dem Bündnis Progressives Bulgarien (PB) des als russlandfreundlich geltenden Ex-Generals auf bis zu 45 Prozent der Stimmen kommen. Dies würde Demoskopen zufolge für eine absolute Mehrheit von etwa 140 Abgeordneten im 240 Sitze umfassenden Parlament reichen.
Von nix kommt nix
Auch in Bulgarien war das Thema Korruption der diesmal pro-westlichen Vorgängerregierung ein beherrschendes Thema. Und Rumen Radew war genau die richtige Leitfigur der Opposition.
Der ehemalige Luftwaffengeneral und langjährige Präsident trat im Januar 2026 überraschend zurück, um den Weg für eine aktive politische Rolle an der Spitze einer eigenen Partei frei zu machen. Seine Unterstützer waren vielfach enttäuschte Wähler der Sozialisten, nationalistische Strömungen und Teile der ländlichen Bevölkerung.
„Frieden, Souveränität und nationale Würde“ hießen Radews Themen, konkret: die Abkehr von der bisherigen bedingungslosen Unterstützung für die Ukraine und eine Rückbesinnung auf die traditionell engen kulturellen und historischen Bande zu Russland. Sein Wahlsieg markiert das Ende der politischen Dominanz der bürgerlichen GERB-Partei und des Reformbündnisses PP-DB.
Der Sturz der pro-westlichen Regierung unter Rossen Scheljaskow (GERB) im Dezember war dabei der Wendepunkt.
Trotz zahlreicher Reformversprechen der Koalition aus GERB und PP-DB empfanden viele Bulgaren die Korruptionsbekämpfung als rein kosmetisch. Die Proteste im Winter entzündeten sich an einem Haushalt, der Steuererhöhungen vorsah, während im öffentlichen Sektor weiterhin Bestechlichkeit grassierte.
Bulgarien ist am 1. Januar der Eurozone beigetreten, und die begleitenden Preissteigerungen bei Lebensmitteln trafen die einkommensschwachen Schichten hart. Radew nutzte die Angst vor dem Kaufkraftverlust geschickt und kritisierte die Vorgängerregierung als „Brüsseler Marionetten“, die die nationale Währung (Lew) geopfert hätten.
Und natürlich spielte die Unterstützung der Ukraine eine starke Rolle
Während Scheljaskow Bulgarien als verlässlichen Munitionslieferanten für die Ukraine positionierte, schürte Radew die Angst, das Land könne direkt in den Konflikt hineingezogen werden. Sein Versprechen, Bulgarien aus dem „Stellvertreterkrieg“ herauszuhalten, verfing bei einer Bevölkerung, die historisch weniger russlandkritisch eingestellt ist als etwa Ungarn, Polen oder Balten.
Was hat der Westen nun zu erwarten?
In Brüssel und im NATO-Hauptquartier in Mons herrscht Katerstimmung. Bulgarien, das unter Scheljaskow als sichere Bank für die ukrainische Verteidigung galt, könnte jetzt zum Wackelkandidaten werden.
So hat Radew bereits angekündigt, Waffenexporte und die finanzielle Unterstützung für Kiew einzustellen. Es wird erwartet, dass die neue Regierung versuchen wird, die Gaslieferverträge mit Gazprom neu zu verhandeln und die unter den Vorgängern forcierte Diversifizierung teilweise rückgängig zu machen.
Für die NATO bedeutet der Kurswechsel eine Schwächung der Südostflanke
Bulgariens Häfen am Schwarzen Meer sind strategisch bedeutend. Von hier aus finden viele logistische Operationen des Bündnisses statt.
Von Radew ist zu erwarten, dass er zunächst austestet, was innerhalb von EU und NATO möglich ist. Eine so starke Position, wie sie Viktor Orbán in Ungarn hatte, hat Radew allerdings noch lange nicht. Und auch wenn er keine Waffen und kein direktes Geld mehr nach Kiew schicken wird, hat er bereits bekräftigt, er werde nicht wie Ungarn zuletzt Beschlüsse der EU zur Unterstützung der Ukraine blockieren. Das ist wenigstens eine gute Nachricht.
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