Meine Woche in Berlin: „Wir befassen uns nur noch mit Mist, der uns nicht voranbringt“

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

im politischen Berlin ist immer etwas los, und deshalb berichte ich Ihnen heute mal ein bisschen darüber, was ich hier so gerade erlebt habe.

Vor ein paar Tagen hatte ich schon mal darüber erzählt, wie das mit den Hintergrundgesprächen und Lobbyisten-Partys hier so ist. Vielleicht sollte ich erwähnen, dass ich als Journalist 1988 in Berlin begonnen habe, und mit den Ereignissen von 1989 war klar, dass fortan nur noch Politik meine Aufgabe sein würde, also das Beobachten und Aufschreiben all dessen, was hier so passiert.

Wenn Sie politisch in Berlin unterwegs sind und als Journalist ein bisschen bekannt, dann müssen Sie eigentlich nicht mehr einkaufen für zu Hause. Sie werden dauernd eingeladen, und immer gibt es zumindest „Häppchen“.

Übrigens nicht immer auf Kosten der Steuerzahler, oft finanziert von Verbänden und Sponsoren. Selbst wenn eine Bundestagsfraktion ein Sommerfest veranstaltet, bezahlen das in den meisten Fällen nicht die Steuerzahler, sondern man bemüht sich vorher um Unternehmen, die die Sause übernehmen. Man will ja nicht in der BILD stehen mit so etwas …

Gestern habe ich etwas erlebt, das ich in meinen jetzt weit über 40 Jahren noch nie erlebt habe.

Ich wurde von einer solchen Veranstaltung direkt AUSGELADEN

Also explizit zur unerwünschten Person, zur Persona non grata, erklärt.

Das ist natürlich grundsätzlich ok, wenn mich jemand nicht mag. Aber in diesem Fall war es die Begründung, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte. Man habe – es war keine Partei oder Fraktion, sondern Privatwirtschaft – festgestellt, dass ich als Publizist gegen die „Brandmauer“ zur AfD sei. Und deshalb sei ich offiziell ausgeladen. Wow, oder?

Also es ging nicht darum, dass ich immer Unsinn schreibe oder ein Extremist bin, zum gewaltsamen Umsturz aufrufe oder mit Drogen handele. Ich bin gegen die „Brandmauer“, und ja, das bin ich wirklich und aus voller Überzeugung. Und das bleibe ich auch. Esst Eure Häppchen alleine in Eurer Gutmenschen-Blase. Ich habe immer eine Tiefkühl-Pizza zu Hause.

Am Mittwoch traf ich einen alten Freund aus den USA, der früher Diplomat war und heute für einen der großen und wichtigen Republikaner-nahen Thinktanks in Washington D.C. arbeitet.

Zwei- bis dreimal pro Jahr fliegt er ins alte Europa, um Kontakte zu pflegen und auf Podien oder an Rednerpulten klug zu begründen, warum die Vereinigten Staaten eine gute Erfindung für die Menschheit sind, was ich persönlich aber schon weiß, seit mir als kleiner Junge ein GI aus seinem Militärjeep eine Packung Kaugummis schenkte.

Beim Lunch fragte ich meinen alten Buddy also vorgestern, warum er – der aktive US-Diplomat in der ersten Amtszeit des Präsidenten Trump mit mehreren Auslandsstationen war – nicht jetzt wieder in Diensten des US-Außenministeriums stehe. Und seine Begründung gefiel mir sehr.

Er würde das auch heute gerne tun, aber er könne sich nicht mit der aktuellen Außenpolitik der Trump-Administration identifizieren, auch wenn Secretary of State Marco Rubio ein guter Mann sei.

Aber wie sich Trump gegenüber der Ukraine verhalte und der offenbar wenig durchdachte Krieg gegen den Iran – da wolle er nicht dabei sein. Bezüglich der NATO sollten wir uns in Deutschland und Europa übrigens keine Sorgen machen. Die Dems und die große Mehrheit der Republikaner in Kongress und Senat seien klar für das transatlantische Bündnis und wüssten, dass Russland kein Freund, sondern eine Bedrohung sei.

Gestern hatte ich dann das Vergnügen, an einer politischen Veranstaltung im Umfeld der CDU in Ostdeutschland teilzunehmen. Ich war einer von vielleicht drei oder vier „Wessis“ im Raum, die große Mehrheit waren Ostdeutsche, viele selbstständige Unternehmer.

Wenn man die Diskussion über das real existierende Deutschland heimlich gefilmt hätte, das würde heute viral gehen, glauben Sie mir! Wenn es das dort gegeben hätte, ich hätte mir eine Tüte, ach, was rede ich: Ich hätte mir einen Korb Popcorn besorgt.

Besonders der Wortbeitrag eines älteren Teilnehmers begeisterte mich richtig, weil Ostdeutsche immer noch zu unverblümter Aussprache neigen.

Was habe man für große Hoffnungen gehabt 1990, als er sich zusammen mit seiner Frau selbstständig gemacht habe. „Und am Anfang war ja alles auch schön“, setzte er hinzu. Aber heute?

„Wir befassen uns in diesem Land nur noch mit Mist, der uns nicht voranbringt“, schimpfte er und nannte als Beispiel die Datenschutzregeln, mit denen Firmen und Bürger malträtiert würden, Bürokratie ohne Ende, in den meisten Fällen sinnfrei.

Und ich dachte sofort an meine Besuche in Arztpraxen, wo jeder beim ersten Mal in einer Praxis irgendwas unterschreiben muss. Die Arzthelferinnen verdrehen selbst die Augen und entschuldigen sich, dass sie uns Patienten das vorlegen müssen.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich habe das noch nie gelesen, ich unterschreibe einfach, weil ich Zahnschmerzen habe und schnell behandelt werden möchte. Würden sie mir da einen Wisch hinlegen, in dem ich meine alleinige Schuld am Zweiten Weltkrieg mit meiner Unterschrift bestätige, ich würde es tun. Und ich bin sicher, die meisten von Ihnen auch.

Der Bürokratismus in Deutschland ist unerträglich

Städtische Bauämter seien nicht mehr dazu da, dass schnell gebaut werden könne, sondern verhinderten genau das. Mit Vorschriften, Auflagen und monatelangen Bearbeitungszeiten. Ein Bauunternehmer in der Runde erzählte von der Aufstellung eines Bebauungsplanes in einer Kommune. 27 Jahre habe das gedauert, bis alle Genehmigungen da waren.

So traurig es auch alles ist, manchmal mussten wir laut lachen, wenn es im Gespräch um völlig überforderte Amtsleiter oder auch Bürgermeister in Kommunen ging. Und um Finanzämter. Wenn jeder nur aus seinem persönlichen Bereich weitererzählt hätte, wir würden heute noch da beisammensitzen.

Deutschland ist in keinem guten Zustand, da waren wir uns einig.

Und das, obwohl wir alle Deutschland mögen, vielleicht sogar lieben. In diesem Saal waren gestern sicher die meisten Wähler der CDU, aber kaum einer aus Begeisterung. Und ALLE, wirklich alle, die sich äußerten, waren eindeutig gegen die „Brandmauer“ zur AfD. Dort gestern war das noch möglich, anderswo wäre ich des Saales verwiesen worden, wenn ich sowas sage…

Schönes Wochenende Ihnen allen!

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.