von KLAUS KELLE
BERLIN/PARIS/BRÜSSEL – Was haben Sie uns alles erzählt vom Europa, das die Dinge nun selbst tatkräftig in die Hand nehmen muss und vom Europa, dass seine Verteidigung unabhängig von den Amerikanern schlagkräftig organisieren wird. Gestern konnte die ganze Welt sehen, dass wir noch sehr weit von solchen Visionen entfernt sind.
Denn das Projekt eines deutsch-französischen Kampfjets ist endgültig gescheitert.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und der französische Präsident Emmanuel Macron seien zu einer „gemeinsamen Einschätzung gekommen, dass die Unternehmen Dassault und Airbus beim Bau eines gemeinsamen Kampfflugzeuges nicht zusammenfinden“.
Das ist in vielerlei Hinsicht ein Desaster
Und es ist die Schuld der französischen Partner, die eindrucksvoll dokumentieren, warum Europa immer wieder an nationalen Eitelkeiten scheitert. Und auch in Zukunft scheitern wird, denn das eilte Gebalze Mancher nicht aufhört.
Entweder machen wir Europa richtig, oder wir lassen es sein. Das Future Combat Air System (FCAS) ist technologisch absolut top. Nicht nur ein schnelles Kampfflugzeug mit Tarnkappenfähigkeit, das können andere auch.
Future Combat Air System (FCAS) ist nicht ein einzelnes Flugzeug, es ist ein hochkomplexes, vernetztes „System der Systeme“, dessen Fähigkeiten weit über bisherige Kampfjets hinausgehen. Das geradezu Revolutionäre an FCAS ist zum einen die Combat Cloud-KI-gestützte Echtzeit-Vernetzung, die das Kampfflugzeug in Echtzeit mit Satelliten, Tankflugzeugen, Kriegsschiffen, Bodenstationen und Drohnenschwärmen verbindet. Das ist Star Wars in echt.
Künstliche Intelligenz wertet gigantische Datenmengen innerhalb von Sekunden aus. Und bietet dem Piloten die beste Taktik an, noch bevor er selbst eine Bedrohung wahrnehmen kann.
Und: Der Kampfjet fliegt nicht mehr allein, er wird von einem Schwarm unbemannter Drohnen begleitet, die vor dem Jet fliegen, um feindliche Radaranlagen zu täuschen oder auch Luftabwehrraketen des Gegners auf sich zu ziehen.
Nicht zuletzt ist das Flugzeug, besser das System, in der Lage, gegnerische Elektronik und Netzwerke bereits aus großer Distanz durch gezielte Cyber-Angriffe und elektronische Kampfführung zu lähmen.
Luka Skywalkers Flugmaschinen in „Star Wars“ sind ein Dreck gegen das, was sich deutsche, französische und übrigens auch spanische Techniker da ausgetüftelt haben, absolut konkurrenzfähig mit den Amerikanern, Chinas Fliegern überlegen und Russland…haben die überhaupt noch eine einsatzfähige Luftwaffe?
Aber nun ist es vorbei
Weil man – neun Jahre nach Beginn der Entwicklung (Merkel und Macron im Juli 2017) – festgestellt hat, dass Frankreich und Deutschland unterschiedliche Anforderungen und Erwartungen haben.
Paris möchte ein Kampfflugzeug, das atomar bewaffnet werden und auf Flugzeugträgern starten und landen kann.
Deutschland hat keinen Flugzeugträger (warum eigentlich nicht?) und verfügt über keine eigenen Atomwaffen.
Die deutsche Luftwaffe braucht einen großen, zweimotorigen Jagdbomber mit enormer Reichweite und hoher digitaler Vernetzung, um den Luftraum Mitteleuropas und der NATO-Ostflanke abdecken zu können. Es wäre hilfreich gewesen, wenn man mal vorher darüber gesprochen hätte.
Der Dominanzanspruch der Franzosen zerstörte schließlich alles
Was einmal als europäisches Vorzeigeprojekt gedacht war, artete auf industrieller Ebene zwischen den deutschen und französischen „Partnern“ zu einem zunächst atmosphärische Konflikt bis zu einer erbitterten Gegnerschaft aus.
Dassault-Chef Éric Trappier ließ von Anfang an keinen Zweifel daran, dass er die uneingeschränkte Führung beim Bau des Kampfjets für sich beansprucht, Airbus also nur eine Art Zulieferer werden sollte. Bei einer Bilanz-Pressekonferenz verstieg sich Trappier sogar zu der Aussage, man müsse anerkennen, dass auch in einer Kooperation der eine besser als der andere sei. Eine Unverschämtheit…
Kein Wunder, dass Airbus und Berlin immer verärgerter wurden.
Aber der Zwist ging noch tiefer
Denn irgendwann gab es nicht nur Spannungen zwischen den Unternehmen (und ihren Regierungen), das Ganze entwickelte sich zu einer emotional geführten Fehde, was im Geschäftsleben immer schlecht ist.
Während Trappier stets betonte, mit dem deutschen Airbus-Defence-Chef Michael Schöllhorn gut klarzukommen, lieferte er sich mit dem Airbus-Gesamt-CEO Guillaume Faury (ein Franzose !) monatelang öffentliche Schlammschlachten. So warf Trappier Faury öffentlich eine „Blockadehaltung“ und mangelndes Verständnis für den Kampfjetbau vor. Faury konterte im Herbst 2025 in ungewohnt scharfem Ton und sagte öffentlich, Dassault könne das FCAS-Programm ja gerne verlassen, wenn das Unternehmen unzufrieden sei.
So wird Europa nie funktionieren, liebe Freunde…
Bildquelle:
- FCAS-Kampfsystem_Fighter_2: airbus industries
