von RALF GRENGEL
CHICAGO – Deutschland hat eine leichte WM-Gruppe erwischt. Genau wie 2018 und 2022. Damals wurde vor dem ersten Spiel fleißig ausgerechnet, auf wen Jogis oder Hansis Jungs als Gruppensieger im Achtelfinale treffen könnten. Als der Spielplan für die erste K.O.-Runde dann gedruckt war, suchte man Schwarz-Rot-Gold vergeblich.
Kann diesmal nicht passieren, bei den Exoten, die wir zugelost bekommen haben. Das hört man fast überall landauf, landab.
Exot Nummer 1: Die Elfenbeinküste. Die Ivorer waren zum Zeitpunkt der WM-Auslosung schließlich nur amtierender Afrikameister. Und wäre das nicht exotisch genug, haben sie am vergangenen Donnerstag 2:1 in Nantes gewonnen. Gegen Frankreich! Beim Vize-Weltmeister von 2022!
Exot Nummer 2: Ecuador. Da denken viele deutsche Fans zunächst an Bananen, die Galápagos-Inseln oder bestenfalls an die Hauptstadt Quito. Aber denken sie auch an die zweitbeste Mannschaft der südamerikanischen WM-Quali? Vor Brasilien?
Oder an die Defensivspezialisten, die in 18 Qualifikationsspielen ganze fünf Gegentore kassiert haben? Fünf! Das sind nicht einmal 0,3 Gegentreffer pro Partie. Da kommt selbst so mancher italienische Catenaccio-Romantiker ins Schwärmen. Und als kleine Zugabe war Ecuador auch noch die einzige Mannschaft, die Argentinien in der Quali bezwingen konnte. Den Weltmeister!
Also, wer solche Exoten in seiner Gruppe weiß, kann wirklich froh sein, keine Gegner auf Augenhöhe zugelost bekommen zu haben.
Bleibt Curaçao. Auf dem Papier der Exot unter den Exoten. So eine Art Karibik-Kegelclub, der allerdings von Dick Advocaat betreut wird. Einer der erfahrensten Fußballlehrer Europas. Der Niederländer trainierte bereits seinen ersten Profiklub, als Deutschlands Chef-Taktiker Nagelsmann noch in den Windeln lag.
Und dann wäre da noch die Hitze. Ein Faktor, den viele bei ihren Gruppentabellen offenbar vergessen. Natürlich spielen auch deutsche Nationalspieler nicht zum ersten Mal bei 30 Grad Fußball. Aber die Elfenbeinküste kommt aus Westafrika, Curaçao aus der Karibik, Ecuador aus den Anden. Mit klimatischen Extremen kennen sie sich bestens aus, während der eine oder andere deutsche Profi möglicherweise feststellen wird, dass sich ein Fußballplatz plötzlich doppelt so groß anfühlt, wenn einem eine Trainingswoche bei 35 Grad in den Knochen steckt.
Das eigentliche Glück Deutschlands liegt deshalb wohl eher nicht bei den Gegnern oder den äußeren Bedingungen, sondern beim Spielplan. Anders als 2018 gegen Mexiko oder 2022 gegen Japan startet die DFB-Elf diesmal gegen den nominell schwächsten Gegner. Nach den beiden Fehlstarts der vergangenen Turniere ist das fast schon ein Geschenk des Fußballgottes.
Ohne Advocaats Lieblingen zu nahe treten zu wollen: Das erste Spiel fällt in die Kategorie Pflichtsieg. Sind die drei Punkte verbucht, gerät der Verlierer der Partie Elfenbeinküste gegen Ecuador unmittelbar unter Druck. Selbst bei einem Unentschieden würden beide Mannschaften bereits wissen, dass sie sich gegen Deutschland kaum noch einen Ausrutscher erlauben dürfen – wenn sie um den Gruppensieg spielen wollen. Klarer psychologischer Vorteil gegenüber den Desastern vor vier und acht Jahren. Damals saß der Schock der Auftaktpleiten so tief, dass das deutsche Team keinen Weg mehr in die K.O.-Runde fand.
Aus meiner Sicht ging das Aus 2022 übrigens klar auf die Kappe von Manuel Neuer
1:2 gegen Japan – seine Torwartecke. Zum Glück wird der Heilsbringer sicher vor dem ersten WM-Spiel wieder fit. Zwei Jahre lang kein Spiel für die DFB-Elf gemacht, aber zurück in den Kasten, wenn es ernst wird. Sicher eine Superidee.
Neben der Ansetzung gibt es noch einen zweiten WM-Trumpf für das deutsche Team: und zwar das neue WM-Format. 48 Mannschaften spielen eine Vorrunde – und gerade einmal 16 fliegen raus. Anders gesagt: Die FIFA hat ein Turnier erfunden, bei dem zwei Drittel aller Teilnehmer die Gruppenphase überleben. Die eigentliche Weltmeisterschaft beginnt gefühlt erst danach. Erstmals wird ein Sechzehntelfinale gespielt. Und diesmal wird Schwarz-Rot-Gold wohl nach achtjähriger Abstinenz wieder vertreten sein, wenn der K.O.-Spielplan gedruckt wird.
Aber wer diese Gruppe für einen Spaziergang hält, hat entweder die Elfenbeinküste nicht gesehen, Ecuador nicht verfolgt oder die letzten beiden Weltmeisterschaften verdrängt.
Bildquelle:
- Fußbälle_Deutschland_Elfenbeinküste: adobe.stock/ zampra studio's
