Lasst uns in Ruhe mit Eurer schlechten Laune! Jetzt ist Fußball und jetzt ist Deutschland…

Deutscher Fußballfan.

von KLAUS KELLE

BERLIN/TORONTO – Waren Sie gestern Abend auch raus, um das Spiel der deutschen Nationalmannschaft in Gemeinschaft zu schauen? Bei einem Public Viewing? Wir natürlich! Weil wir immer wissen wollen, wie Deutschland abschneidet und sich in der Welt präsentiert, und nirgendwo beäugt man uns so intensiv wie bei einer Fußball-Weltmeisterschaft.

Vorweg: Wir sind noch nicht in einem „Sommermärchen“

Wie auch, das fand damals in Deutschland statt, und alle Welt war begeistert, wie nett und sympathisch wir Volk von Jammerern und Schwurblern sein können, wenn wir Gäste haben (die sich ordentlich benehmen).

Und wie leicht es ist, Parallelen zu anderen Staaten zu ziehen, wenn die in der Fremde unterwegs sind.

Vor zwei Jahren waren die Schotten, war die „Tartan Army“ zu Gast in Deutschland. Und es waren tolle Gäste, die in Schottenröcken (Kilts) zu Tausenden friedlich und stimmgewaltig durch unsere Städte zogen und mit ihren Dudelsäcken und ihren leidenschaftlichen Gesängen überall große Volksfeste feierten, wo sie auftauchten. Die BILD titelte, dass Münchner Bierhäuser schließen mussten, weil die Schotten alle Vorräte leergesoffen hatten.

Und, was soll ich sagen: Das Gleiche jetzt in Boston!

Lokale Brauereien wie die Boston Beer Co. meldeten, dass die Schotten innerhalb weniger Tage viermal so viel Bier getrunken haben, wie sonst am gesamten US-Feiertagswochenende zum 4. Juli vorrätig ist. Pubs im Zentrum der Stadt (wie das bekannte Hennessy’s oder die The White Bull Tavern) mussten Notlieferungen anfordern. Am Abend nach dem ersten Sieg war in vielen Kneipen schlichtweg jede Biermarke ausverkauft.

Ach, ich liebe diese großen friedlichen Sportturniere auf der Weltbühne – friedlich und multikulti, wie es sein könnte.

Am Nachmittag waren wir im Norden Berlins zu einem Straßenfest, um uns einzustimmen. Eine Bühne mit einem Elvis-Imitator, Rostbratwurst und Pommes Majo mit frischen Zwiebeln drüber. War das eigentlich früher auch so, dass mehr Stände da standen, wo für Thermomix und „Häusliche Pflege“ geworben wird, als für Lebkuchenherzen?

Der Deutsche braucht eine Weile Anlauf, bis er in die Ekstase gleitet

Das bemerkten wir dann gegen 22 Uhr, als wir uns im Biergarten einer Kneipe in Reinickendorf mit 200 Landsleuten wiederfanden, die fast alle Deutschland-Trikots trugen oder – die Damen – wenigstens schwarz-rot-goldene Haarkränze. Kristallweizen bestellt und los geht’s!

Als im allgemeinen Gequatsche auf dem Großbildschirm die deutsche Nationalhymne begann, nahm kaum einer Notiz davon, nur in der ersten Stuhlreihe stand ein einzelner Mann auf. Einer!

So stand ich auch auf, rechte Hand aufs Herz: „…fü-ür das deu-eutsche Vaterland…“. Rechts erhoben sich drei Frauen, links an einem Stehtisch entdeckte ich den CDU-Politiker gleichen Namens mit dem Deutschland-Trikot und dem Schriftzug „Dregger“, der sowieso schon stand und begann, zu singen. Jetzt standen alle, und bei „lasst uns alle strehe-ben“ sangen alle, zunehmend lauter werdend. Ich bin sicher, nach der Vorrunde stehen beim Public Viewing in Deutschland alle und singen ab der ersten Sekunde inbrünstig mit.

Haben sie uns ja auch ausgetrieben, stolz auf unser Land und unsere Farben zu sein. Ich bin es jedenfalls immer.

Das Spiel, die meisten von Ihnen werden es wissen, lief über weite Strecken eher zäh. Es war nicht schlecht, aber es war auch kein Spaziergang.

Und nach dem Ausscheiden unserer Nationalmannschaft bei den Turnieren in Russland und Katar wächst die Anspannung deutscher Fußballfreunde, wenn die Mitte der zweiten Halbzeit fast erreicht ist und der Gegner von der Elfenbeinküste immer noch 1:0 führt.

In der 68. Minute erlöste Deniz Undav die deutsche Fußballnation mit dem wichtigen 1:1, in der Nachspielzeit legte er noch einen nach – aus, aus, aus… das Spiel ist aus. Deutschland ist … im Sechzehntelfinale.

„Eine Reise von 1000 Meilen beginnt mit einem Schritt“, soll der altchinesische Laotse im sechsten Jahrhundert vor Christus gesagt haben. Es gibt aber irgendwie kein Kurzvideo davon. Schauen wir also nach, und da isses:

Im 64. Kapitel des Buchs von Tao Te King heißt es: „Eine Reise von tausend Meilen beginnt unter deinen Füßen.“ Das muss es also sein. Wer auch immer – richtig ist es auf jeden Fall.

Als wir gegen ein Uhr nach Hause kamen, zogen junge Menschen singend durch unseren Stadtteil, Trikots an, schwarz-rot-goldene Fahnen schwenkend. Das wird den Grünen und Linken nicht gefallen, ebenso wie die Bilder heute Morgen im Fernsehen von Autokorsos vergangene Nacht auf dem Kurfürstendamm.

Ich verspreche Ihnen: Das ist erst der Anfang

Die Zahl der Fahnen an Hauswänden und Autos ist exponentiell gestiegen. Wir haben auch geflaggt, natürlich. Jetzt ist Fußball und jetzt ist Deutschland.

Ob das den Miesmachern in den sozialen Netzwerken gefällt, die uns jeden Tag wissen lassen, dass sie aber nicht gucken und hoffen, dass Deutschland verliert, weil – bitte ankreuzen – der falsche Trainer, Spieler mit falscher Hautfarbe, Spieler, die beten, oder was sonst noch. Setzt euch in den Keller und schaut alte „Lindenstraßen“-Folgen auf YouTube! Und lasst uns in Ruhe mit eurem Gemecker!

Bildquelle:

  • Fußball-Fan_Deutschland: adobe.stock/udi

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.