MÜNCHEN – Als Thomas Weikert, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), den Umschlag öffnete, war die Spannung im Saal des Kurhauses von Baden-Baden mit Händen zu greifen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verkündete dann: Die bayerische Metropole München wird Deutschland im internationalen Rennen um die Ausrichtung der Olympischen und Paralympischen Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044 vertreten.
In einer geheimen Abstimmung setzten sich die Münchner gegen die Metropolregion „KölnRheinRuhr“, durch. Die Bundeshauptstadt Berlin hatte sich zur Entscheidung gar nicht mehr präsentiert, sondern die Bewerbung vorher zurückgezogen. In der Vier-Millionen-Metropole sind gute Laune und Investitionen in die Zukunft der Stadt scheinbar nicht so wichtig. Jedenfalls fehlte die notwendige positive Grundstimmung in der Bevölkerung.
Dass München am Ende die Nase vorn hatte, ist das Ergebnis einer hochentwickelten Bewerbungsstrategie, die auf die modernen Anforderungen des internationalen Sports zugeschnitten ist. Die DOSB-Evaluierungskommission hatte der bayerischen Metropole bereits im Vorfeld der Wahl mit 87,03 Punkten die beste Bewertung aller drei Bewerber bescheinigt.
Der größte Trumpf der Münchner war das Prinzip der „kurzen Wege“
Während internationale Großevents in der Vergangenheit oft unter den gigantischen Distanzen zwischen den Sportstätten litten, verspricht das Münchner Konzept ein hocheffizientes, kompaktes Erlebnis: Vom geplanten Olympischen Dorf bis zu den Wettkampfstätten benötigen die Athleten im Schnitt gerade einmal 15 Minuten und 36 Sekunden.
Da diese Fachverbände mit jeweils drei Stimmen das absolute Übergewicht bei der Wahl einnahmen – sie stellten 126 der insgesamt 141 stimmberechtigten Delegierten –, war dieser logistische Vorteil anscheinend der entscheidende Hebel für den Durchmarsch bereits im ersten Wahlgang.
Und dann ist da ja auch das historische Erbe
Mit dem ikonischen Olympiapark aus dem Jahr 1972 hat München ein weltbekanntes und nach wie vor voll funktionstüchtiges Fundament. In einer Ära, in der das Internationale Olympische Komitee (IOC) im Rahmen seiner „Agenda 2020+5“ maximalen Wert auf Nachhaltigkeit und die Nutzung bestehender Infrastruktur legt, war dieser historische Standort ein unschätzbarer Vorteil. Gepaart mit dem frischen Zuschlag für die Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2031 unterstrich München seine sofortige Einsatzbereitschaft für solche globalen Großevents.
Anders als bei früheren gescheiterten Anläufen stimmte dieses Mal auch der Rückhalt in der Bevölkerung: Bei einer Bürgerbefragung im Oktober 2025 sprachen sich komfortable 66,4 Prozent der Münchner für das Projekt Olympia dahoam aus. Die politische Achse zwischen dem grünen Oberbürgermeister Dominik Krause und dem CSU-Ministerpräsidenten Markus Söder stand bei diesem Thema wie eine Eins.
Die Metropolregion KölnRheinRuhr hatte zuvor ein durchaus visionäres Konzept vorgelegt, das mit 85,02 Punkten in der DOSB-Evaluierung nur hauchdünn hinter München lag.
Nordrhein-Westfalen punktete dabei mit einem gigantischen Ticketpotenzial von über 17 Millionen Karten und spektakulären Austragungsorten wie einer Schwimmstätte in der Arena auf Schalke. Am Ende erwies sich jedoch ausgerechnet die größte Stärke des NRW-Konzepts – die Dezentralität – als seine größte Schwäche.
Die Verteilung der Sportstätten über das gesamte Bundesland schürte bei den Fachverbänden massive Zweifel an der Logistik. In einer Region, die für chronisch überlastete Autobahnen und eine kriselnde Schieneninfrastruktur bekannt ist, wurden die kalkulierten Reisezeiten als unrealistisch bewertet.
Fahrplan zu Olympia: Der eigentliche Marathon beginnt jetzt
Mit dem nationalen Mandat in der Tasche hat München das Vorschaltverfahren gemeistert, doch der eigentliche, zähe Marathon auf internationalem Parkett beginnt erst heute.
Das Vergabeverfahren des IOC wurde in den vergangenen Jahren grundlegend reformiert. Es gibt keine klassischen, starren Bewerbungsphasen mit anschließender pompöser Präsentation mehr, sondern einen flexiblen, strategischen Auswahlprozess.
Das DOSB und die Stadt München werden nun in einem ständigen Dialog das IOC bespaßen, Detailfragen klären und das rechtliche und finanzielle Fundament gießen. Ohne milliardenschwere Finanzgarantien des Bundes und des Freistaats Bayern wird das IOC nämlich gleich abwinken.
Bis März kommenden Jahres wird das IOC die weltweiten Interessenten sichten und eine erste formelle Vorauswahl treffen.
Und nur wer diese Hürde nimmt, steigt ins Rennen um den offiziellen „bevorzugten Gastgeber“ (Preferred Host) ein. Die endgültige Vergabe der Olympischen Spiele für das Jahr 2036 soll dann auf der IOC-Session im Sommer 2029 erfolgen.
Und damit wir uns nicht schon jetzt zu sehr freuen
Die internationale Konkurrenz, die auf München wartet, ist gigantisch und finanziell extrem potent.
Für das Jahr 2036 haben finanzstarke Metropolen wie Ahmedabad (Indien), Doha (Katar) und Istanbul (Türkei) ihren Hut in den Ring geworfen. Indien gilt dabei derzeit als Topfavorit.
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