Wölfe griffen Achtjährige in Brandenburg an: Wann begreift die Politik, dass wir nicht über Kuscheltiere reden?

Wolf in einem bayerischen Nationalpark
BARUTH – Nach einem Wolfsangriff auf ein achtjähriges Mädchen im Wildpark Johannismühle (Teltow-Fläming, Brandenburg) hat die Staatsanwaltschaft Ermittlungen wegen fahrlässiger Körperverletzung gegen eine Tierpflegerin aufgenommen. Als Ferienerlebnis zum „Tierpflegertag für Kinder“ gedacht endete der Tag in einer Tragödie und lässt die langanhaltende Debatte über die Rückkehr des Raubtierts in Deutschland heftig aufleben.
Die Tierpflegerin hatte gestern am frühen Morgen – noch vor offizieller Eröffnung des privaten Widparks – die Achtjährige und zwei weitere Kinder in das Gehege mit den Polarwölfen genommen, wo sie die Raubtiere  tränken und füttern wollte. Ohne Anlass griffen die Wölfe das kleine Mädchen plötzlich an, wobei das Kind besonders im Bereich ihres Kopfes schwer verletzt wurde. Mit dem Rettungshubschrauber „Christoph 31“ wurde sie ins Berliner Unfallkrankenhaus in Marzahn geflogen, wo sie immer noch auf der Intensivstation behandelt wird.
Der Vorfall hat sich in einem Gehege abgespielt, doch er lenkt die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit wieder auf das Thema und die Frage, ob unsere Gesellschaft gut daran tut, den Wolf zu verharmlosen oder gar zu romantisieren.
Denn Wölfe werden in weiten Teilen der Öffentlichkeit fälschlicherweise als scheue, friedliche Waldtier dargestellt
Wolfsversteher behaupten sogar, Wölfe würden Menschen bei Begegnungen aus dem Weg gehen. Doch Kritiker halten das für Unsinn.
Wölfe sind hochintelligente, und anpassungsfähige Spitzenprädatoren. Die Annahme, dass Wölfe seien per se keine Gefahr für Menschen, ist historisch und biologisch längst widerlegt. Wenn die natürliche Scheu schwindet – sei es durch Gewöhnung in Gehegen oder durch die schiere Masse an Wölfen in unserer dicht besiedelten Kulturlandschaft –, steigt das Konfliktpotenzial drastisch. Der aktuelle Angriff in Brandenburg ist beispielhaft, wie so eine Situation eskalieren kann.
Experten erwarten, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis es in freier Wildbahn häufiger zu gefährlichen Begegnungen kommt.
Nach offiziellen Zahlen der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW) wurden bis heute 219 Rudel, 43 Paare und 14 territoriale Einzeltiere amtlich registriert, die in Hunderten von Revieren in Deutschland leben. Der Deutsche Jagdverband (DJV) schätzt die Gesamtzahl der Wölfe in Deutschland – inklusive der Welpen und Jungtiere – mittlerweile auf weit über 1.500 bis 1.600 Tiere
Die deutlich wachsende Wolfspopulationen konzentrieren sich bisher auf mehrere Kernregionen:
    • Brandenburg und Niedersachsen: Die beiden absoluten Spitzenreiter mit jeweils etwa 54 bestätigten Rudeln. Allein in diesen Bundesländern ziehen schätzungsweise jeweils rund 400 Wölfe durch die Reviere.
    • Sachsen und Sachsen-Anhalt: Hier liegen die historischen und aktuellen Zentren der Ausbreitung mit jeweils über 30 Rudeln und weit über 200 Individuen.
    • Mecklenburg-Vorpommern: Auch im Nordosten wächst die Population stetig an.
    • Süden und Westen: In Bundesländern wie Bayern, Baden-Württemberg, Hessen oder Nordrhein-Westfalen etablieren sich zunehmend sesshafte Paare und Einzeltiere, wodurch sich auch dort die Rudelbildung entwickelt.

Und die unkontrollierte Ausbreitung hinterlässt bei den Weidtierhaltern inzwischen verheerende Schäden
Innerhalb von zehn Jahren haben sich die Wolfsrisse an Nutztieren in Deutschland verfünffacht. Wurden im Jahr 2015 noch 737 Tiere als getötet, verletzt oder vermisst gemeldet, so lag diese Zahl im vergangenen Jahr bei 3.783. Die Statistik der gerissenen Tiere schlüsselt sich dabei wie folgt auf:
    • Schafe: 3.167 getötete Tieren (86 Prozent) – das Hauptziel der Angriffe.
    • Gehegewild: Mit 303 Opfern stehen Hirsch- und Damwildhaltungen an zweiter Stelle.
    • Rinder (166) und Ziegen (110): Auch größere Nutztiere sind zunehmend betroffen. Zwar sind Rinder wehrhafter, doch Wölfe lernen zunehmend, gezielt Kälber oder Jungtiere zu attackieren.
    • Pferde und Alpakas (37): Sogar vor Pferden und Fohlen machen die Raubtiere nicht mehr halt.

Immer mehr Politiker in Deutschland sehen die wachsende Problematik, doch ihnen sind die Hände gebunden. Denn der strenge Schutzstatus des Wolfes nach europäischem Recht (FFH-Richtlinie) schränkt die Möglichkeiten, auf nationaler Ebene konsequent zu agieren, ein. Die Bundesregierung hat Erleichterungen für den Abschuss sogenannter „Problemtiere“ auf den Weg gebracht und Bundesländer dürfen in begründeten Ausnahmefällen Abschüsse anordnen. Aber all das reicht nicht.
Mehrere Bundesländer und Jagdverbände fordern inzwischen vehement die Aufnahme des Wolfes in das Jagdrecht, um eine reguläre, bestandsregulierende Bejagung („Bestandsmanagement“) zu ermöglichen, wie es in anderen europäischen Ländern bereits Praxis ist.

Bildquelle:

  • Wolf_2: adobe.stock/lazlo

Unterstützen Sie unsere Arbeit mit einer Spende

Jetzt spenden (per PayPal)

Jetzt abonnieren