von KLAUS KELLE
BAD KROZINGEN – Die deutsche Provinz ist wirklich nicht schlecht. Eine Binsenweisheit, werden manche von Ihnen denken, aber wenn ich mal rauskomme aus dem Moloch Berlin, und dann wirklich ein paar Tage zum Runterkommen in den Schwarzwald eingeladen werde von langjährigen sehr guten Freunden, dann schärft das den Blick ungemein.
Dazu müssen Sie wissen, dass ich vor mehr als 25 Jahren schon einmal im Badischen gelebt habe. Der Beruf, was sonst? Ein spannendes Engagement für die traditionsreiche Badische Zeitung in Freiburg, Unterkunft in einem kleinen Dorf in der Nähe von Kenzingen, falls Ihnen das etwas sagt.
Ich liebe das Badische, ehrlich
Nach meiner Ansicht gibt es in dieser Ecke hier im Südwesten auch das beste Essen in Deutschland.
Ich weiß, das ist immer so eine Sache mit Superlativen, und natürlich ist die bayerische Küche auf Augenhöhe, und das Saarland hat viel zu bieten, und Fisch schmeckt in einem Restaurant an der Ostsee ganz anders als in Thüringen. Ja, weiß ich alles. Aber Baden ist besonders.
Am Wochenede war ich – im Rahmen meiner gesundheitlichen Möglichkeiten – ein paar Schritte wandern, vorwiegend bergauf. Nach eineinhalb Kilometern ging mir die Puste aus, und da war sie plötzlich – die Berghütte aus Holz mit Bänken und Tischen unter Sonnenschirmen. Mineralwasser, Viertele und einen Elsässer Wurstsalat, verfeinert mit angebratenen Blutwurstscheiben … ich hatte noch nie vorher so etwas gegessen, aber glauben Sie mir: es war herrlich. Wäre es nach mir gegangen, ich säße da jetzt noch …
Nein, es ist sauschön im Badischen, die Landschaft, die Weinberge, die Schwarzwaldhäusle mit den üppig bepflanzten Blumenkäschtle und dann an jeder Ecke eine „Straußi“, eine „Straußenwirtschaft. Knapp 200 davon soll es geben am Kaiserstuhl, im Markgräflerland, dem Breisgau und der Ortenau, wo Winzer saisonal begrenzt ihre Produkte ausschenken und dazu beliebte Kleinspeisen der Region reichen. Mehr Gemütlichkeit geht nicht, kann ich Ihnen versichern.
Ich könnte Ihnen noch eine Stunde kleine Beispiele und Anekdoten aus meiner Zeit hier erzählen. Vorwiegend schöne, ein paar seltsame auch.
Nur hier habe ich damals alte Frauen im Kittel gesehen, die an einem heißen Sonnentag im Dorf die trockene Straße fegten, weil ja „Kehrwoche“ isch und man das dann machen muss, auch wenn es gar nichts zu kehren gibt.
Oder, unvergessen, drei ältere Damen, sicher mindestens 70 Jahre jung, die mich an einem Sonntag in meinen Vorgarten entdeckten, stehenblieben und dann ansprachen: „Wohnet Si au hier?“ Und ich antwortete freundlich: Ja, ich sei seit drei Jahren ihr direkter Nachbar. Ach, Sternstunden…
Es war eine sehr schöne Woche hier
Am Freitag gab es sogar Kultur pur, ein Open Air-Konzert in Bad Krozingen mit den Altrockern von „The Lords“ („Gloryland“, Platz 5 der deutschen Charts) und „Sweet“ („Ballroom Blitz“, Platz 1 in D und Platz 2 in GB). Und die Jungs gaben alles – so wie ihr Publikum natürlich im Alter von 50 plus, das waren allerdings die Jüngeren. Andy Scott heißt der Gitarrist mit den langen weißen Haaren, der einzige der ursprünglichen Bandmitglieder. 77 Jahre als ist er, und während der lauten Show und dem ausflippenden Publikum ging es auch mal für zwei Songs hinter die Bühne, um zu verschnaufen und eine kalte Cola zu trinken.
Ehrlich, ist liebe das, auch wenn es einen ein bisschen die eigene Endlichkeit vor Augen führt. Vor zwei Wochen haben die „Rolling Stones“ ihr neues Album vorgestellt und eine weitere globale Stadiontour angekündigt. Mich Jagger, Keith Richards & Co. sind über 80, und sie haben einfach noch Bock auf das, was sie tun.
Das Badnerland ist wunderschön, die Eingeborenen brauchen ein bisschen, um mit Zugezogenen warm zu werden. Aber das ist in Ordnung, und das habe ich auch in Hamburg nichts anders erlebt – aber ohne Grauburgunder in der „Straußi“
Was ich Ihnen erzählen will: Ich liege gern am Strand irgendwo am Mittelmeer oder in Clearwater Beach etwas weiter entfernt. Aber Deutschland ist ein wunderbares und schönes Land, bei all den Problemen des Alltags und bei offenkundig überforderten politischen Verantwortungsträgern. Und schön ist es nicht nur auf Sylt oder Rügen, sondern auch in der sogenannten Provinz. Zwischen der offenkundigen Idylle hier tummeln sich in dieser Region im deutschen Südwesten globale Tech-Giganten und extrem erfolgreiche Familienunternehmen. Und den SC Freiburg gibt es auch, mehr muss ich dazu wohl nicht sagen. Davon können viele sogenannte urbane Regionen nur träumen…
Bildquelle:
- Baden_Schwarzwald_Schiltach: adobe.stock/tichr
