Festakt und verordnete Fröhlichkeit: So wird das nichts mit dem 3. Oktober

ARCHIV - Eine deutsche Flagge weht im Berliner Bezirk Alt-Moabit. Foto: Lisa Ducret/dpa
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von KLAUS KELLE

BERLIN – In Erfurt wird heute der 32. Jahrestag der Deutschen Einheit mit einem Festakt gefeiert. Das melden nahezu alle Medien seit dem frühen Morgen und offenbaren damit unwillkürlich, was das größte grundsätzliche Problem in unserem Land ist. Da kommen Politiker in dunklen Anzügen zusammen, werden vorgefahren in dunklen Limousinen, abgeschirmt von grimmig blickenden Herren in dunklen Anzügen mit Knopf im Ohr und Bundesadler am Revers. Dann ein paar Reden, Nationalhymne und ab ans Buffet. Das nennt man bei uns Nationalfeiertag.

Ja, ich weiß, in Erfurt gibt es dann auch ein staatlich organisiertes und finanziertes Straßenfest. Und das war es denn wieder einmal.

Wir sind leider immer noch unfähig, uns und unser großartiges Land zu feiern. Jahrzehntelang hat man uns beigebracht, dass wir nicht stolz auf Deutschland sein dürfen. Wegen der Nazi-Barbarei zwischen 1933 und 1945, wegen des Weltkrieges mit 55 Millionen Toten und ungezählten Schwerverletzten und Verkrüppelten. Wegen des industriell organisierten millionenfachen Massenmordes an Juden und anderen Gruppen, die ins Visier der Nazis geraten waren: Kommunisten, Christen, Homosexuelle usw.

Die Nazi-Zeit wird den Namen unseres Landes auch in 1000 Jahren noch beschmutzen. Die Entmenschlichung von „Volksschädlingen“, der gewaltsame Griff nach „Lebensraum im Osten“, die Empathielosigkeit großer Teile der Bevölkerung, als in Deutschland die Synagogen brannten.

Aber darf man deshalb sein Vaterland nicht mehr lieben? Darf man nicht stolz sein auf den großen Dichter Heinrich Heine, die Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard oder Ausnahmefußballer wie Franz Beckenbauer? Nicht auf unsere Kultur? Nicht auf die besten Autos der Welt, die hier gebaut werden? Nicht auf Thüringer Bratwurst und Oktoberfest?

Ich denke, wir dürfen das nicht nur, wir müssen es sogar. Und wir müssen so schnell wie möglich damit anfangen.

Haben Sie mal miterlebt, wie in anderen Ländern der Nationalfeiertag begangen wird? Wie die Briten ihre Monarchie zelebrieren, das macht ihnen keiner nach. Die Franzosen sind kurz vorm Durchdrehen, wenn am Nationalfeiertag Kampfflugzeuge mit den blau-weiß-roten Farben der Trikolore über den l’arc de triomphe donnern. Und die Amis?

Vor zehn, vielleicht 15 Jahren waren wir mal zufällig über den 4. Juli, dem Independence Day, in Florida in Urlaub. Wir gingen in Clearwater in einen großen Park, direkt am Meer. Da war eine große Bühne aufgebaut, Sternenbanner flatterten vor blauem Himmel, bestimmt 10.000 Menschen da, keine Honoratioren, keine Politiker, einfach Decken auf dem Rasen, Picknickkörbe, ein Budweiser-LKW mit Zapfhähnen außen direkt am Fahrzeug. Auf der Bühne der örtliche Schulchor. Sie sangen u. a. Lieder der US-Marines, und als Lee Greenwoods Al-Time-Song „God bless the USA“ angestimmt wurden, standen sie zu Tausenden auf und sangen vollen Inbrunst mit: „From the lakes of Minnesota to the hills of Tennesee…“ Und wir: Festakt in Erfurt. Na, bravo.

Vor einigen Jahren war ich mal zu einem Gespräch mit einem Generalsekretär der CDU in Berlin, zu zweit, einfach mal zwanglos Meinungsaustausch, Politiker und Journalist. Ich fragte, warum macht ihr als Partei, die die Deutsche Einheit mitgestalten durfte, nicht am 3. Oktober überall Bürgerfeste? Schwarz-Rot-Gold aufziehen, Grill mit Bratwürsten an, kaltes Bier ranschaffen, Spielmannszug vom Schützenverein engagieren oder – warum denn nicht? – einen Schulchor? Es müssen ja nicht Lieder von der KSK und den Kampfschwimmern gesungen werden, wir fangen erstmal locker an. Mundorgel, Sie wissen, was ich meine. „Frischauf ins weite Feld“ und sowas, „Hoch auf dem gelben Wagen“, „Schwarz-Braun ist die Haselnuss“ lassen wir dann vielleicht weg. Der oberste Parteifunktionär belehtre mich, dass diese zeit vorbei sei. Wir seien jetzt Europa, und unbändiger Patriotismus führe dann zum Nationalismus, und das wollten wir nicht. Stimmt, Nationalismus will ich auch nicht, aber ganz normalen, gesunden Patriotismus – das will ich.

Nicht vom Staat vorgegeben, nicht organisierte Fröhlichkeit, sondern aus der Bevölkerung selbst heraus. Gartenfeste, Turnhallen-Feten, Vereine, meinetwegen auch Parteien – macht etwas!

Wenigstens einmal im Jahr. Lasst uns Deutschland feiern, denen etwas Starkes entgegensetzen, die unser Land für ein „mieses Stück Scheiße“ halten und dafür von uns allen großzügig bezahlt werden (müssen)!

Wenn andere es nicht machen, dann fangen wir damit an, nächstes Jahr. Sie, unsere Leser, und wir, diese Zeitung. Wir rufen öffentlich dazu auf, Deutschland-Feste privat zu organisieren, und sie laden Freunde und Nachbarn ein am 3. Oktober! Und dann schicken Sie uns Fotos mit Ihren Partys drauf als Anregung für die anderen, die auf dem Sofa hocken und auf Facebook schreiben: Eigentlich müsste man mal… Ich will, dass wir als Deutsche endlich rauskommen aus dieser bräsigen Lethargie.

Bildquelle:

  • Deutsche Flagge: dpa
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