Freiheit der Lehre? Universitäre Taschenspielertricks gegen Professor Lucke an der Uni in Hamburg

Das Hauptgebäude der Universität in Hamburg.
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von KLAUS KELLE

HAMBURG – Die Universität Hamburg nennt sich Exzellenz-Universität. Besser hieße sie wohl Inkompetenz-Universität. Wobei die Inkompetenz ganz oben anfängt: Bei Wissenschaftsbehörde und Hochschulleitung.

Wir erinnern uns: 2019 hatte ein Mob aus AStA, Autonomen und „Omas gegen rechts“ eine Vorlesung des aus der AfD ausgetretenen Hamburger Volkswirtschaftsprofessor Bernd Lucke gesprengt. Anderthalb Stunden lang wurde Lucke im Hörsaal niedergebrüllt und als Nazi-Schwein“ beschimpft, ohne dass die Hochschulleitung eingriff. Statt dessen veröffentlichten Universitätspräsident Lenzen und die glücklose Wissenschaftssenatorin Fegebank eine seltsame Stellungnahme, in der sie die Störungen als „diskursive Auseinandersetzungen“ verklärten, die Lucke aushalten müsse.

Nur, dass von Diskurs keine Rede war. Sprechchöre und Trillerpfeifen hatten verhindert, dass Lucke überhaupt zu Wort kam. Der Professor blieb ungeachtet aller Pöbeleien standhaft. Er ignorierte die Aufforderung der Randalierer, den Hörsaal zu verlassen und blieb bei den vielen Studenten, die anwesend waren, um genau bei Professor Lucke die Vorlesung zu hören.

Die Hochschulleitung schien verwundert, dass da ihr Professor ungerührt in einer hitzigen Situation für die Freiheit der Lehre einstand. Sie beschuldigte ihn sogar öffentlich des Ungehorsams, weil er den Hörsaal nicht fluchtartig verlassen hatte. Erst als Lucke vor Gericht zog und Recht erhielt, nahm die Universität den bizarren Vorwurf kleinlaut zurück.

Nach zwei Jahren Corona lehrt Lucke nun wieder präsent. Es gibt keine Störungen, es gibt keine Proteste. Aber der Wissenschaftssenatorin und dem Universitätspräsidenten scheint zu missfallen, dass Lucke lehren wieder lehren kann wie jeder andere Professor auch. Wenige Tage vor Semesterbeginn veranlassten sie, dass ein Lehrbeauftragter eine Vorlesung gleichen Namens in Konkurrenz zu Lucke anbietet. Eine eigentümliche, wenn nicht sogar einzigartige Maßnahme.

Gegen Konkurrenz ist nichts zu sagen. Es sei denn, sie führt zu niedrigeren Standards. Luckes Vorlesung gilt bei den Studenten als schwer, anspruchsvoll, arbeitsintensiv. Die Vorlesung des Lehrbeauftragten sei vergleichsweise einfach, behaupten Studenten. Angeblich vergebe er bessere Noten und die Durchfallquote sei geringer. Bei den Partystudenten werden die Sektkorken geknallt haben.

Aber kommt es sonst vor, dass zur Pflichtvorlesung eines Professors eine Ausweichmöglichkeit durch jemanden angeboten wird, der nur Lehrbeauftragter ist?

Niemand kann sich an einen solchen Fall erinnern. Die Unileitung lässt eine entsprechende Anfrage von mir unbeantwortet.

Allerdings gab es 2019 eine Ausnahme nach der anfänglichen Störung der Lucke-Vorlesung. Da organisierte der Fachbereich ebenfalls eine Konkurrenzveranstaltung. Angeblich um den Studenten „angstfreies Lernen“ zu ermöglichen. Lucke wurde in einen entlegenen Hörsaal verbannt, während eine junge Professorin die gleiche Veranstaltung vor Ort las. Doch die Sache floppte: Der größere Teil der Studenten scheute einen viertelstündigen Fußweg nicht und pilgerte wöchentlich in die Lucke-Vorlesung.

Denn, auch heute noch: Viele Studenten kommen an die Uni, weil sie etwas lernen wollen. Auch wenn die vorgebliche Exzellenz-Uni es ihnen schwer macht.

Natürlich hat das Ganze eine politische Dimension: Wäre eine dunkelhäutige Professorin, die über Gender-Forschung und Rassismus lehrt, Opfer von Störungen durch rechtsradikale Studenten geworden, so hätten Wissenschaftssenatorin und Hochschulleitung dies zweifellos schärfstens zurückgewiesen. Nicht im Traum hätten sie daran gedacht, für solche Lehre eine Ausweichmöglichkeit zu schaffen. Aber linksradikale Störungen sind wohl etwas Anderes und Luckes Themen ebenso: Er lehrt über Staatsverschuldung, über Inflation und über die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank. Das sind wahrscheinlich nicht die Fragen, die bei einer grünen Wissenschaftssenatorin im Vordergrund stehen.

Eine Exzellenzuniversität sollte aber lehren, was wichtig ist, egal aus welcher Ecke der politische Wind weht. Gerade die aktuelle Entwicklung der Inflation bestätigt Luckes früh geäußerte Kritik an der ultralockeren Geldpolitik der EZB. Außer dem ehemaligen ifo-Chef Hans-Werner Sinn gab es wohl niemanden, der ähnlich hellsichtig das Unheil heraufziehen sah – und öffentlich davor warnte. Lucke siegte sogar vor dem Bundesverfassungsgericht gegen die EZB – ein schlagzeilenträchtiger Erfolg ihres Professors, den die Universitätsleitung übrigens keiner Erwähnung wert fand.

Heute explodieren die Staatsschulden und es explodiert die Inflation. Wer kompetent darüber urteilen möchte, täte gut daran, sich mit Luckes Einsichten zu befassen. Und zum Glück predigt Lucke nicht vor leeren Bänken – allen Anstrengungen der Universitätsleitung zum Trotz. Aber die Universität fördert den weichen Weg des geringsten Widerstandes. Das ist unwürdig, denn mit dem erneuten Versuch, den Besuch der Lucke-Veranstaltungen unattraktiv zu machen, wird nicht die Exzellenz gefördert, sondern die Inkompetenz. Leider scheint es sich um einen Top-Down-Prozess zu handeln.

Bildquelle:

  • Universität_Hamburg: dpa
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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.