von JOSEF KRAUS
MÜNCHEN – Endlich? Endlich! Ja, endlich hat auch der Freistaat Bayern als letztes der 16 deutschen Länder regierungsamtlich einen „Aktionsplan QUEER“. In Bayern gehen die Uhren eben doch nicht immer anders. Beim „Aktionsplan QUEER“ ließ man sich zwischen Alpen und Main allerdings Zeit. Auftakt war am 26. Juli 2023 ein Runder Tisch, bei dem sich inkl. Staatsministerin Insider trafen und – bei so etwas üblich – Flipcharts mit vielerlei Visionen auf farbigen Papierschnipseln füllten. Die Niederschrift dazu samt Bildchen gibt es im Netz.
Wenige Wochen später schaltete sich Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) symbolträchtig ein. Im September 2023 besuchte er „überraschend“ die „Deutsche Eiche“ in der Münchner Altstadt, nahe am Viktualienmarkt. Das ist eine Art Stammlokal der „queeren“ und “kulturschaffenden“ Szene. Auf der Dachterrasse diskutierte Söder mit LSBTIQ*-Repräsentanten. LSBTIQ* meint alle lesbischen, schwulen, bisexuellen, transgeschlechtlichen, intergeschlechtlichen und queeren Menschen.
Mit diesem Besuch Söders war klar: Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Das Ergebnis von drei Jahren harter Arbeit kann sich nun sehen lassen. Seit 15. Juni 2026 gibt es – von Söders Kabinett verabschiedet – den 29 Seiten starken „Bayerischen Aktionsplan QUEER“ – eine „Agenda für Vielfalt und gegen Ausgrenzung“.
Federführend war bzw. ist das Bayerisches Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales (StMAS) – seit Februar 2022 unter Leitung von Staatsministerin Ulrike Scharf (CSU).
Man muss sich die 29 Seiten nicht antun
Selbst nach einer nur flüchtigen Durchsicht verfestigt sich der Eindruck: Hier wird eine Lobby bedient, auf dass diese zukünftig nicht mehr nörgeln kann. Und auf dass die Organisationen dieser Lobby Betätigungsfelder eröffnet bekommen: in Schulen, in Beratungsstellen, Meldestellen.
Interessant: Es bedurfte der 29 Seiten gar nicht. Denn die „queer“ orientierten Unterstützungs- und Beratungsstrukturen stehen längst. Von fünf bayerischen Fördersäulen ist die Rede: Fortbildungen für Fachkräfte, anonymisierte Online- und Telefonberatung, Regionale Beratung und Anlaufstellen, (Online-)Informationsmöglichkeiten und Vernetzung bayernweiter und regionaler Akteurinnen und Akteure, Modellprojekte.
Nicht kleckern, klotzen ist angesagt. Und die Exekutoren stehen bereits Gewehr bei Fuß. Beispiele:
- „Strong! LGBTIQ* Fachstelle gegen Diskriminierung und Gewalt“ & Gewalttelefon bayernweit (sub e.V.). mit Unterstützung für LSBTIQ bei Diskriminierung und Gewalt; Meldeverfahren bei LSBTIQ-bezogener Hate Speech im Netz
- Plattform „Queeres Netzwerk Bayern“ (BJR mit LSVD Bayern e.V. und dgti e.V.).
- „QueerStart“ – Queere Jugendgruppen für Bayerns ländliche Regionen (Jugendnetzwerk Lambda Bayern e.V.)
- „Queer-Beratung“ in Nürnberg (Fliederlich e.V.)
- „ Leben. Lieben. Selbstbestimmt.“ in Niederbayern (pro familia Niederbayern e.V. und Queer in Niederbayern e.V.)
- „lebis“ – Beratungsstelle für lesbische und bisexuelle Frauen inklusive Trans-Frauen in Augsburg (Frauenzentrum Augsburg e.V.) und „SchwubiS“ –
- Psychosoziale Beratungsstelle für schwule und bisexuelle Männer (cis, trans, inter, nb) in Schwaben (AWO Bezirksverband Schwaben e.V.)
- Regenbogenbüro Unterfranken (Stadt Würzburg)
- „LGBTIQ+ Beratungsstelle Oberbayern“ in Garmisch-Partenkirchen (Caritasverband der Erzdiözese München und Freising e.V.)
- „Queerbeet Oberfranken“(Kreisverband Wunsiedel des Bayerischen Rotes Kreuzes, K.d.ö.R.)
Die Schulen sollen auch nicht zu kurz kommen. Dafür gibt es im Angebot die Kabarett-Show „Homologie Malte Anders“ (Art Q e.V.) des Frankfurter „Theaterpädagogen und Kabarettisten“ Timo Schweitzer als „Schulprogramm über Homosexualität, Vielfalt und das Anders-Sein“ für Schüler ab der achten Jahrgangsstufe. Es ist dies eine 60-minütige „Comedy-Show“ mit „viel Hintergrundwissen über sexuelle Vielfalt, Toleranz, Selbstbewusstsein und Mobbing“ und mit Tipps rund ums Thema „Coming Out“.
Ab 2026 fördert Bayern zudem kreisfreie Städte und die Freie Wohlfahrtspflege bei der Entwicklung eigener LSBTIQ-Konzepte (erste Partnerin: Stadt Augsburg), bringt für einen Fachtag des StMAS Kommunen, Verbände und das LSBTIQ‑Netzwerk zusammen und fördert via PROUT AT WORK eine digitale Wissensplattform mit Leitfäden, Trainings und Best-Practice-Beispielen. Gelder stehen dafür in den Jahren 2026 und 2027 zur Verfügung: von ca. 2,8 Millionen Euro ist die Rede.
Ja, darauf haben die Freistaatler gewartet
Vielleicht finden sich dann endlich mehr Menschen, die das seit 1. November 2024 geltende „Ampel“-Selbstbestimmungsgesetz nutzen und gegebenenfalls einmal pro Jahr beim Standesamt ihre sexuelle Identität ändern lassen. Eine große staatliche Behörde kann da helfen: die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb). Sie hat im vorauseilenden Gehorsam bereits 2018 ein LSBTIQ-Lexikon mit mehr als 60 sexuellen Identitäten aufgelegt. Sechzig! Da muss man ganz schön alt werden, um alle durchzuprobieren.
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- Vater, Mutter, Kind_Bayern: adobe.stock/oksanatrautwein
