von KLAUS KELLE
KALKUTTA/ROM – Wie so oft beginnt eine recherchierte Geschichte mit einer Kritik oder einem Zweifel, die jemand zu äußern wagt. Heute Morgen fand ich im Forum dieses Blogs eine Diskussion über die Bewertung des Wirkens der katholischen Heiligen Mutter Teresa. Die wird weltweit von Katholiken und großen Teilen der hinduistischen Bevölkerung Indiens verehrt, aber Enthüllungen über den Umgang des von ihr gegründeten Ordens (Missionarinnen der Nächstenliebe) mit den Spendengeldern in dreistelliger Millionenhöhe lassen drängende Fragen bis heute offen.
Tatsächliche ist Mutter Teresa eine der faszinierendsten und gleichzeitig umstrittensten Ikonen der Moderne
Wer heute nach Indien reist, spürt sofort, dass Mutter Teresa weit mehr war als eine bekannte katholische Ordensschwester.
In einem Land, in dem Christen eine kleine Minderheit von gerade einmal zwei Prozent ausmachen, ist sie fest im kollektiven Gedächtnis und Alltag verankert. Die indische Kultur hat sie geradezu adoptiert, an ihrem Grab in Kalkutta sieht man täglich hunderte Hindus, die Blumen niederlegen und beten – Rituale, die direkt aus hinduistischen Tempeln stammen.
Viele Menschen halten Mother T. für so etwas wie eine lokale Schutzgöttin mit heilenden Kräften. Ihre Popularität ist so tief verwurzelt, dass sie in repräsentativen Umfragen großer indischer Magazine wie India Today zur „größten Inderin aller Zeiten“ gewählt wurde – noch vor historischen Nationalhelden des Landes.
Die indische Staatsbahn widmete ihr einen eigenen Zug, den „Mother Express“, und staatliche Universitäten tragen ihren Namen. Dass sie die traditionelle europäische Ordenstracht ablegte und stattdessen den einfachen, weißen Baumwollsari mit blauem Rand wählte – die typische Kleidung armer bengalischer Frauen –, machte sie für die Menschen zu eine der ihren.
Eine Frau, die im öffentlichen Bewusstsein auch fast 30 Jahre nach ihrem Tod dermaßen präsent ist, kann nicht alles falsch gemacht haben.
Ich erinnere mich an eine Filmaufnahme aus einem der Sterbehäuser in Kalkutta, wo todgeweihte Menschen, am Straßenrand eingesammelt, gewaschen wurden, die Nonnen gaben ihnen ein Dach über dem Kopf und zu Essen und eine liebende Hand. Wie hätten diese Menschen sonst die letzten Wochen ihres kümmerlichen Daseins verbracht?
„Anstatt das Leid der Menschen dort zu lindern, hat sie es glorifiziert um Spendengelder in dreistelliger Millionenhöhe einzusammeln. Die Spenden kamen jedoch nie vor Ort an, sondern wurden auf geheimen Konten geparkt und sogar zweckentfremdet“, so schreibt einer im Forum von Denken Erwünscht.
Und er greift damit die schwerwiegende Kritik von Intransparenz und mutmaßlicher Veruntreuung von Spendengeldern auf. Wobei niemand ernsthaft behauptet hat, die zerbrechlich wirkende, asketisch lebende Ordensfrau habe sich an Spendengelder jemals persönlich bereichert.
Eine umfassende Studie der Universitäten Montréal und Ottawa kam jedoch zu dem Schluss, dass der Orden gewaltige Summen auf „Geheimkonten“ hortete oder direkt an die Vatikanbank weiterleitete, um die weltweite Kirchenarbeit und den Bau neuer Klöster zu finanzieren.
5076 Nonnen gehören heute in 130 Ländern zu den Schwestern der Nächstenliebe, die 760 Armenhäuser und Einrichtungen betreiben.
Warum aber war es trotz astronomischer Spendeneingänge hygienisch und medizinisch so schlecht bestellt in den Häusern?
Medizinische Fachleute, die die Einrichtungen in Kalkutta und anderen Orten besuchten oder auch als Freiwillige dort arbeiteten, dokumentierten katastrophale Hygienemängel.
Der damalige Chefredakteur der renommierten britischen Medizinzeitschrift The Lancet, Dr. Robin Fox, zeigte sich nach einem Besuch des berühmten Sterbehauses Nirmal Hriday entsetzt. Er berichtete von unhaltbaren Zuständen: Einwegspritzen und medizinische Nadeln wurden mehrfach verwendet und lediglich unter kaltem Leitungswasser ausgespült. Es fehlte an grundlegender medizinischer Diagnostik. Weil es kaum ausgebildete Ärzte oder Pfleger vor Ort gab, sondern meist ungeschulte Nonnen, wurden hochinfektiöse Tuberkulosepatienten nicht isoliert, sondern direkt neben Menschen mit leicht heilbaren Krankheiten untergebracht. Dies führte zu zahlreichen vermeidbaren Infektionen und auch Todesfällen.
Daraus resultiert der tiefste ethische Konflikt um Mutter Teresa
Kritiker werfen ihr „unterlassenen Hilfeleistung“ vor, das eine systematische Diagnose in den Armenhäusern fehlte. Menschen, die Malaria oder Magen-Darm-Infektionen bekamen, hätten leicht geheilt werden können. Obwohl Geld eigentlich reichlich vorhanden war, erhielten selbst Krebspatienten im Endstadium keine starken Analgetika wie Morphin, sondern wurden mit Aspirin abgespeist.
Wie man heute weiß, basierte dieses Vorgehen auf Teresas theologischer Ideologie, die sie selbst einmal als „Kult des Leidens“ bezeichnete. Mutter Teresa vertrat die Ansicht, dass das Erleiden von körperlichem Schmerz eine spirituelle Nähe zu Jesus Christus am Kreuz erzeuge. Sie sagte einmal, das Leiden der Armen sei wunderschön, weil die Welt dadurch bereichert werde.
Ihr Fokus lag nie auf moderner Schmerztherapie, Heilung oder sozialer Nachhaltigkeit, sondern auf dem Seelenheil und der Taufe der Sterbenden. Sie verstand ihre Arbeit nicht als Sozialarbeit oder Krankenpflege, sondern als rein religiösen Dienst.
Diese theologische Kompromisslosigkeit stieß bei Kritikern auch deshalb auf den Vorwurf der Doppelmoral, weil Mutter Teresa selbst bei eigenen schweren Erkrankungen nicht auf die spartanische Fügung ihrer Heime vertraute, sondern sich in hochmodernen Spezialkliniken in den USA und Europa von Spitzenmedizinern behandeln ließ.
Mutter Teresa bleibt wohl für immer eine polarisierende Gestalt der Kirchengeschichte: Für die einen der Engel, der den ausgestoßenen Ärmsten am Straßenrand eine helfende Hand reichte, ihre menschliche Würde bis zum letzten Atemzug verteidigte und ihnen mit Liebe entgegentrat. Für die anderen eine dogmatische Ordensfrau, ausgezeichnet mit dem Friedensnobelpreis 1979.
Bei der Preisverleihung in Oslo bestand die Hochgeehrte darauf, dass das geplante Festbankett abgesagt wurde und die eingeplanten Kosten dafür von 7.000 Dollar für die Versorgung der Armen in Kalkutta gespendet wurden.
Zum Gesamtbild gehören Teresas Glaubenszweifel
Zehn Jahre nach ihrem Tod wurden im Gesamtzusammenhang mit dem Heiligsprechungsverfahren Teresas vertrauliche Briefe an ihre Beichtväter veröffentlicht, die von einer dramatischen inneren Zerrissenheit dieser beeindruckenden Frau zeugten.
„In meiner Seele ist so viel Widerspruch. Ein tiefes Sehnen nach Gott […] und das Gefühl, dass ich nicht gewollt bin, weggestoßen, leer, kein Glaube, keine Liebe, kein Eifer“, so schreibt die Ordensfrau in einem dieser Briefe.
Sie zweifelte nicht an der Existenz Gottes, sie hatte das tiefe Gefühl, dass er nicht mehr auf ihr Tun und Gebet reagierte. Ähnlich, wie es Jesus Christus am Kreuz formulierte: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“
Bildquelle:
- Gedenkstein für Mutter Teresa: adobe.stock
