„Sinn und Sinnlichkeit“: Ganz großes Kino – wie man ohne Sex & Crime und Hollywood-Klischees einen wirklich guten Film macht.  

Romantik und Leidenschaft, brillant gepaart.

von MARTIN EBERTS

BERLIN – Was für ein Kino-Nachmittag! Im Berliner Zoopalast: ein Film, der für mich die Kino-Sensation des Jahres ist: „Sinn und Sinnlichkeit“, eine Literaturverfilmung, nach dem Roman von Jane Austen. Regie: Georgia Oakley.

Da geht es um zwei Schwestern im England des frühen 19. Jahrhunderts, deren schwierige Lebenslage nur durch eine gute Heirat zu lösen ist, wobei sie aber beide größten Wert auf echtes Gefühl und persönliche Freiheit legen. Was wie die Quadratur des Kreises erscheint, entmutigt die beiden klugen, gebildeten und selbstbewussten Frauen nicht. Wobei sie aber ganz verschiedenen Charakters sind; die eine vernunftorientiert und zurückhaltend, die andere stürmisch und voller romantischer Empfindsamkeit. Daher der Titel…

Das ist keine aus der Zeit gefallene Geschichte aus einer anderen Welt, sondern ein packendes Panorama von menschlicher Größe und Leidenschaft.

Die beiden Hauptdarstellerinnen – Daisy Edgar-Jones und Esme Creed-Miles – wachsen über sich hinaus. Der Zuschauer wird regelrecht in jene zunächst fern und fremd wirkende Zeit hineingesogen und nimmt schnell Anteil an den Nöten und Sorgen der Protagonistinnen.

Die Übersetzung des Originaltitels Sense and Sensibility (veröffentlicht 1811!) ist ein wenig gezwungen. Man wollte die Alliteration erhalten, und mit dem Stichwort „Sinnlichkeit“ vielleicht sogar ein wenig Reklame machen, frei nach dem Motto sex sells. Aber schon die Altersfreigabe (ab 6 Jahre) sollte jedem klarmachen: das ist hier nichts für Voyeure! Eigentlich müsste es ja heißen „Einsicht und Empfindsamkeit“ oder vielleicht „Vernunft und Leidenschaftlichkeit“ oder „Vernunft und Gefühl“ – aber wie klingt das als Filmtitel…? Also keine Kritikasterei was den Titel betrifft!

Auch die Synchronisation ist genial. Herrliche Sprache, passend zur Zeit im Drama, behutsam angepasst.

Wie auch sonst auf bewundernswerte Weise alles stimmt an diesem Film, von der Kameraführung über die Besetzung und die faszinierende Bildsprache: Wunderbare Genrebilder, glaubwürdige Charaktere, werkgetreue Verfilmung. Die Regisseurin hat der Versuchung widerstanden, Jane Austen als Projektionsfläche eigener Ideen zu nutzen, sondern ihrem literarischen Genie den Raum gegeben, den sie verdient.

Nach Verlassen des Kinos war ich noch lange ganz gefangen in der Atmosphäre des Filmes. Und dann war da noch etwas, wovon ich nicht weiß, ob es im Sinne der Regisseurin war, sicher aber im Sinne der Jane Austen: Die Protagonisten leben alle nach ethischen Grundsätzen, die sie nicht einengen, sondern die ihnen offensichtlich Sicherheit geben.

Sie sind alles andere als verklemmt, sondern leidenschaftlich und voller Lebensfreude. Aber sie haben unausgesprochen klare moralische Grundsätze, die sich als sehr hilfreich erweisen. Wo hat man das zuletzt auf der Leinwand gesehen? Erste stürmische Liebe führt nicht zu sofortigem gedankenlosem Geschlechtsverkehr; Romantik ist keine Chiffre für ungehemmten Sex. Auch komplizierte Charaktere bekommen Zeit und Raum zur Entfaltung.

Man fühlt einfach  mit – mit richtigen Menschen, mit Gefühl und Verstand. Nicht ohne Konflikte, aber ohne die exzessiven Ausbrüche und Aberrationen, mit denen wir in tausend Hollywood-Streifen überschüttet werden. Dass man solche Filme heute noch (wieder?) machen kann! Ohne die immer gleichen Hollywood-Klischees, ohne Übertreibung, ohne Sex & Crime, ohne woken Unfug! Eine kinematographische Wohltat!

Bildquelle:

  • sinn-und-sinnlichkeit: columbia tristar

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