Taiwans Plan für den Tag einer chinesischen Invasion: Durchhalten, bis die Amerikaner kommen

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von T. STRINGER, Taipeh

TAIPEH – Ist Taiwan das nächste Opfer? Nachdem die Pekinger Führung mit Hongkong weitgehend „fertig“ ist –  die Fesseln sitzen und können nach Belieben festgezogen werden – verschärft sich kontinuierlich der Ton gegenüber Taiwan. Säbelrasseln gegenüber dem kleinen, aber selbstbewussten Taiwan sind nichts Neues, aber Stil und Umfang der Provokationen gegen den Inselstaat haben sich seit Monaten kontinuierlich verschlimmert. Die Kalkulationen darüber, was das bedeutet, gehen noch auseinander. Rotchinas Staatschef Xi Jingping will anscheinend unbedingt als der Herrscher in die Geschichte eingehen, der das erfolgreiche Experiment chinesischer Demokratie auf der Insel (auf Taiwan lebt rein rechtlich die 1912 gegründete „Republik China“ fort) ausgelöscht und sie „heim ins Reich“ gezwungen hat. Aber wird er dafür tatsächlich Krieg führen?

Taiwan ist nicht Hongkong, sondern ein recht großer Brocken, an dem sich auch die Volksrepublik China gefährlich verschlucken kann. Die Kalkulationen, wann Peking rein militärisch die volle „Invasionsfähigkeit“ erreicht haben wird,  gehen auseinander. Realistisch scheint ein Datum in der Mitte der zwanziger Jahre, aber nur, wenn Taiwan stillhält. Gewiss kann der kleine, demokratische Inselstaat nicht im entferntesten militärisch mithalten; aber sein eigenes Verteidigungspotential sollte traditionell ohnehin nur dazu dienen, die Invasoren aufzuhalten „bis die Amerikaner kommen“. Insofern entscheidet sich die Zukunft des kleinen freien Landes und seiner 23 Millionen Einwohner weiterhin vor allem in Washington.

Die in Taiwan seit vielen Jahren – besonders bei jedem Wechsel im Präsidentenamt in Washington – heiß diskutierte Preisfrage lautet deshalb auch weniger wann Peking mit seinen Kriegsvorbereitungen fertig ist, sondern ob die USA zu ihrem Hilfeversprechen stehen werden. In der Hinsicht war die Obama-Zeit für Taiwan eher eine Zitterpartie. Trump und bisher auch Biden zeigen sich härter gegen Pekings Säbelrasseln. Die regelmäßige Präsenz amerikanischer Flugzeugträgergruppen in der Region, aber auch die auf ihre Bekämpfung zielenden speziellen chinesischen Rüstungsanstrengungen sprechen dafür, dass jedenfalls die entscheidenden „Player“ in diesen Spiel die amerikanischen Unterstützungszusage nicht einfach als leeres Versprechen ansehen. Dass sie nicht in der Art eines Bündnisautomatismus formuliert ist, steht dem nicht entgegen. Sogar der Artikel 5 der NATO-Charta lässt Raum für Interpretationen.

Doch selbst wenn auf die Hilfe der USA kein Verlass wäre, bliebe das militärische Risiko einer Invasion für Peking extrem hoch. Die penetranten Verletzungen des taiwanischen Luftraums durch chinesische Kampfflugzeuge mögen den doppelten Zweck haben zugleich psychologisch den Durchhaltewillen der Taiwaner und ihre  begrenzte militärische Hardware durch Dauerbeanspruchung abzunutzen. Der ungewollte Effekt der Drohgebärden ist aber auch eine Verhärtung der Stimmung in Taiwan gegen China – und ein sehr hoher Klarstand der taiwanischen Luftwaffe sowie ein ebenso beneidenswerter Trainingstand ihrer Piloten.

Ein taiwanischer F-16-Kampfpilot, mit einem „Cougar“-Maskottchen auf der Jacke, ein Typ wie aus einem „Top Gun“-Remake entsprungen, zeigte sich jedenfalls im Gespräch unerschrocken und war stolz auf die kurzen Reaktionszeiten seiner Staffel und den großen Erfahrungsschatz aus Abfangeinsätzen.

Stets zu Beginn und zum Ende einer Präsidentschaft genehmigen die Amerikaner Taiwan ein paar zusätzliche militärische Einkäufe bei Onkel Sam. In der Schlussphase der Trump-Administration lag der Schwerpunkt auf Luftwaffenausrüstung. Damit wird die chinesische Abnutzungsstrategie zumindest teilweise konterkariert. Daher die besonders wütenden Reaktionen aus Peking.

Die Regierung der taiwanischen Präsidentin Tsai Ingwen setzt zudem seit nunmehr fünf Jahren auf Wiederbelebung der eigenen, durchaus beachtlichen Rüstungsindustrie. Die Entwicklung eines eigenen Strahltrainers gehört dazu, ebenso wie die weitere Verbesserung leistungsfähiger Lenkwaffen. Taiwan ist eines der zwei oder drei Länder auf der Welt, die über einsatzfähige und erprobte überschallschnelle Anti-Schiffs-Flugkörper verfügen. Man setzt auf asymmetrische Verteidigung, mit Lenkwaffen, schnellen Stealth-Korvetten und potenter Cyber-Defense.

Natürlich könnte die chinesische „Volksbefreiungsarmee“ mit ihren 1600 auf Taiwan gerichteten Mittelstreckenraketen die vermeintlichen „Landsleute“ auf der anderen Seite der Taiwanstraße auslöschen und die Insel in eine Wüste verwandeln. Aber eine erfolgreiche Invasion samt anschließendem Anschluss der Insel ist deutlich schwieriger. Das Risiko einer „blutigen Nase“ beim Invasionsversuch ist unverhältnismäßig hoch. Noch ist das unmittelbare Risiko eine großen Krieges gering, falls nicht bei Xi Jingping plötzlich alle Sicherungen durchbrennen. Groß ist dagegen das Risiko der hybriden, wirtschaftlichen, Cyber- und Propaganda-Kriegführung. Und dieser „lauwarme“ Krieg ist bereits im Gange.

Bildquelle:

  • Taiwan_Luftwaffe: taiwan airforce
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