„Конечно, нет“ – und dann rollten die Panzer los

Einsatzkräfte der Feuerwehr stehen vor einem Logistikzentrum, das nach Beschuss in Brand geraten ist. Foto: Efrem Lukatsky/AP/dpa
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von STEFFEN KÖNIGER

ST. PETERSBURG – Es ist noch kein Jahr her, dass ich ein Kurzreise nach St. Petersburg unternommen habe. Dort konnte ich Freiheiten genießen, die hier in Deutschland unvorstellbar waren. Kino, Restaurant, Diskothek, Fitnessstudio. Und da auch der 9. Mai mittendrin lag, konnte ich ohne Maske mit zehntausenden Russen vor der Eremitage die Siegesparade beobachten. Mit allen Streitkräften feierten die Russen wie jedes Jahr ihren Sieg gegen Nazideutschland. Schon ein bißchen neidisch auf eine richtig zackig agierende Armee. Und heute?

Erschüttert von den Ereignissen der vergangenen Tage werfe ich einen Blick in meinen Pass. „Jahresvisum russische Förderation“ steht dort. Gültig bis Juli 2022. Nach Moskau wollte ich in diesem Frühjahr. Und Jekaterinenburg. Vorbei! Ein anscheinend verrückt gewordener Präsident bricht einfach einen Krieg vom Zaum.

Nichtmal zehn Tage vorher beantwortete Putin im Beisein des deutschen Bundeskanzlers Scholz die Frage nach einer geplanten Invasion, ohne dass für mich ein Dolmetscher notwendig gewesen wäre, mit einem „Конечно, нет“ – natürlich nicht. Keine Woche später stehen russische Panzer kurz vor Kiew. Nächtliche Explosionen erhellen den Himmel. Wie immer in solchen unsäglichen Kriegen ist meine Symphatie bei dem Schwächeren. Auch wenn ich im Grunde ein Pazifist bin, wünsche ich mir, daß David dem Goliath mit dem Stein eins auf die zwölf gibt.

Auge um Auge, Zahn um Zahn: Das war mein Gefühl beim ersten Golfkrieg, das war mein Gefühl beim zweiten Golfkrieg. 2022 macht Wladimir Putin exakt dasselbe, was nicht nur er zurecht beim zweiten Golfkrieg Georg W. Bush vorwarf: mit erdachten, hahnebüchenen Geschichten ohne irgendwelche Beweise in ein souveränes Land einfallen, alles kaputtbomben und ohne Rücksicht auf zivile Opfer einen Regimechange durchführen. Das lässt einem das Blut in den Adern gefrieren. Aus, vorbei. Dieser Herr im Kreml ist jetzt dafür verantwortlich, daß der bislang vor Dekadenz triefende und dem Ende entgegentaumelnde Moloch „EU“ plötzlich wieder Leben eingehaucht bekommt. Und ein windelweicher Kanzler zu einem beinharten Militaristen mutiert, welcher der Bundeswehr 100 Milliarden in die Uniformen pumpt. Obendrein eine unfähige Kommissionschefin von der Leyen dazu bringt, die Ukraine am besten gestern in die EU aufzunehmen. Gott sein bei uns, das kann nur schiefgehen!

Nichtsdestotrotz kleben immer noch etliche Deutsche an Putin, sehen in ihm den Retter der Welt und erwarten ernsthaft, dass er sie hier vom Joch befreien möge. Ist das eigentlich der Führerverlustschmerz? Wie soll denn dieser Herr in Moskau seine fünfte Kolonne hier befreien – vielleicht mit einem Druck auf den Atomknopf? Ein sehr enge Bekannte von mir, die den Kremlchef regelrecht anbetet, hätte bei dieser Art von Befreiung einen guten Logenplatz. Drei Kilometer weiter Richtung Potsdam liegt in Sichtweite eine Kommandozentrale der NATO. Vielleicht kann man sich ja dann zwischen Atomblitz und Verdampfung für eine Millisekunde befreit fühlen. Eine Erfahrung, die niemand mehr auf diesem Planeten machen darf!

Bildquelle:

  • Ukraine-Konflikt – Kiew: dpa
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