Zurück von dem Ort, wo Berlin und unser Gesundheitssystem perfekt funktionieren

Bypass-Operation

von KLAUS KELLE

BERLIN – Die Tür meines Zimmers wurde überpünktlich um 6 Uhr morgens geöffnet. „Guten Morgen, Herr Kelle. Es geht jetzt los …“ Dann schob man mich durch LED-beleuchtete und Gott sei Dank bestens klimatisierte Gänge bei 40 Grad draußen in einen OP-Raum im Herzzentrum der Berliner Charité. Ich erzähle Ihnen heute davon, weil mich dieser fünfstündige Eingriff am offenen Herzen und alles Drumherum nachhaltig beeindruckt und mir viele neue positive Eindrücke beschert hat.

Einige von Ihnen werden sich an Ende Januar 2016 erinnern, als ich einen schweren Herzinfarkt hatte.

Niemand konnte damals eine sichere Vorhersage treffen, ob ich nach dem künstlichen Koma überhaupt wieder aufwachen würde und – falls ja – ob ich in der Lage sein würde, danach meine Kinder noch zu erkennen.

Die Chirurgen in Mönchengladbach damals und der Liebe Gott leisteten Spitzenarbeit. Alles ging gut aus: 20 Kilo abgenommen, gesünder leben, nicht mehr rauchen, nur wenig Alkohol. Es hätte gemütlich bis zum letzten Tag meines Daseins so weitergehen können.

Aber so ist es eben nicht, das Leben

Druck auf der Brust beim Rumtollen mit dem Hund, Schnellcheck bei der Hausärztin, Überweisung zum Kardiologen, Herzkatheter Untersuchung – und plötzlich sind sie alle wieder da, die Dämonen von 2016. Nur bedrohlicher.

Dieses Mal werde es mit einem neuen Stent nicht mehr getan sein, eröffnete man mir mit ernster Miene. Dieses Mal müsse eine Bypass-Operation her, also wenn Sie so wollen, eine Umleitung um fest verstopfte Herzkranzgefäße mittels vorher aus dem Unter- und Oberschenkel entnommener Beinvenen. „Heutzutage ein Routineeingriff, Herr Kelle“, versicherte man mir. Und für einen Mediziner, der jeden Tag nur mit solchen Dingen zu tun hat, ist es das sicher.

Für mich, einen alten weißen Mann aus der ostwestfälischen Provinz, ist es allerdings ein knapp fünfstündiger operativer Eingriff am offenen Herzen. So richtig locker war ich jedenfalls nicht.

Schon am Tag nach der Herzkatheter Untersuchung rief mich die Charité an, um mir meinen OP-Termin kommende Woche zu bestätigen. Hä? Wat?

Ich hatte noch gar nicht eingewilligt, das überhaupt machen zu wollen

Also Versuch eines Anrufs beim Kardiologen meines Vertrauens in Berlin, den ich nicht erreichen konnte. Am späten Freitagnachmittag rief er mich zurück, aus seinem Auto, auf dem Weg nach Hause. Und er erklärte mir ausführlich, warum es keine Alternative gibt, wenn ich den Jahreswechsel noch erleben wolle. Ich müsse nicht nach den Sommerferien oder in vier Wochen ins Krankenhaus, sondern jetzt. Jetzt und schnell.

Am 22. Juni fuhr ich ein, am nächsten Morgen OP

Ich erzähle Ihnen so ausführlich davon, weil ja immer wieder von Berlin als „failed State“ gesprochen wird, von einer Hauptstadt, in der nichts funktioniert, und von schießwütigen Araber-Clans in der Notfallambulanz. Und Sie und ich wissen, dass an all dem ein wahrer Kern dran ist. Aber es ist nicht die alltägliche Lebenswirklichkeit, es ist nicht das ganze Berlin. Und unser Gesundheitssystem funktioniert auch, selbst wenn es zu den teuersten der Welt gehört und das System der Refinanzierung und die Vielfalt an Krankenkassen in Deutschland kaum hilfreich sind.

Aber ich, Kassenpatient Kelle, hätte nicht für möglich gehalten, wie perfekt der Eingriff verlief

In meinem ganzen Leben habe ich kein Krankenhaus gesehen wie dieses: so modern, so perfekt organisiert und – ich muss es so sagen – auch so multikulti. Mindestens die Hälfte der Ärzte und Pflegekräfte, mit denen ich zu tun hatte in diesen 13 Tagen in zwei Berliner Krankenhäusern, hatte „Migrationshintergrund“. Alle sprachen fließend und gut verständlich Deutsch. Und als ich da so ziemlich unbekleidet auf dem Tisch lag und mich ein Mohammad (hieß wirklich so) auf die OP vorbereitete, zweifelte ich tatsächlich kurz, ob ihm meine Kreuzritter-Tätowierung auf dem rechten Oberarm gefällt.

Aber tatsächlich verlief alles perfekt. Und immer wieder in den Tagen danach, wenn mich die Pflegerin aus Polen oder die aus Sri Lanka durch die Gegend rollten und mir halfen, wieder gehen zu lernen, wenn die Auszubildende irgendwo aus Nordafrika kam, um mich zu waschen oder zu rasieren – wer würde all diese Arbeit hier und überall in Deutschland machen, wenn wir nicht Fachkräfte aus aller Welt hätten, die dafür sorgen, dass der deutsche Laden läuft?

Wir alle kennen die negativen Auswirkungen der Merkelschen „Flüchtlingspolitik“, wir kennen die erschütternden Fälle von Gewalt, Messerstechern, Gruppenvergewaltigern. Wir regen uns zu Recht auf über Hunderttausende Illegale und die Unfähigkeit der Regierung, diese Leute konsequent abzuschieben, auf.

Aber wir reden nie über die andere Seite

Über die vielen Beispiele, bei denen es mit der Zuwanderung bestens funktioniert – zum Nutzen dieser Leute, aber auch besonders von uns.

Ich bin inzwischen wieder zu Hause, mein Akku ist vielleicht auf 25 Prozent, höchstens.

Es wird noch vier bis sechs Wochen dauern, bis ich wieder der Alte bin und mich nicht nach einem Gespräch erst einmal zwei Stunden zum Ausruhen hinlegen muss, wie jetzt noch.

Aber ich habe in meinen wachen Momenten in der Klinik immer wieder daran gedacht, dass zum ganzen Bild, über das wir berichten, unbedingt neben dem Dauergejammer und wüster Kritik auch die Dinge vorkommen müssen, die gut funktionieren und die mir Hoffnung auf eine positive Zukunft Deutschlands machen.

 

Bildquelle:

  • Bypass_Operation: adobe.stock/vadim

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.