von KLAUS KELLE
ANKARA – Seit Donald Trump Chef im Oval Office ist, wiederholt sich bei jedem NATO-Gipfel das gleiche Spiel. Die Staats- und Regierungschefs des Bündnisses kommen irgendwo zusammen, es werden schöne Fotos geschossen, es wird im netten Ambiente bestens gespeist und es gibt viele bilaterale Gespräche.
Doch im Grunde geht es immer nur um eins: den mächtigsten Mann der Welt irgendwie bei Laune zu halten. Man schmeichelt Trump für nahezu alles, was er sagt und tut. Nach den Militärschlägen der USA vergangene Nacht gegen den verlogenen Iran war es am Morgen als Erster NATO-Generalsekretär Mark Rutte, der in Ankara vor die Kameras der Welt trat, um zu bekräftigen, dass die Militärschläge der USA „absolut gerechtfertigt“ seien.
Die Art und Weise, wie sich die ganze Welt mehr oder weniger verbiegt und verbeugt, um Trump zu gefallen, hat etwas Faszinierendes. Der Mann ist unberechenbar, und niemand will es sich mit ihm verscherzen.
Trotzdem sind die Ergebnisse von Trumps Schachzügen überschaubar
So kann der Präsident der Vereinigten Staaten mit seinen 8.000 Atomsprengköpfen zwar FIFA-Chef Gianni Infantino anrufen und die verhängte Rotsperre gegen US-Nationalstürmer Folarin Balogun rückgängig machen, wie einst Frau Merkel die Wahlen in Thüringen. Aber Belgien kann dann wenige Tage später eben auch die US-Boys mit 4:1 aus der Fußball-WM im eigenen Land kicken.
So kann Donald Trump – in Dauerschleife – mit dem Abzug der amerikanischen Soldaten aus Europa drohen. Aber jeder weiß, was für ein zahnloser Tiger er in Wirklichkeit ist.
Denn solch eine historische Fehlentscheidung kann er nicht im Alleingang treffen. Die klare Mehrheit in den Parlamenten in Washington, D.C., steht zur NATO und übrigens auch zur weiteren Unterstützung der Ukraine gegen den russischen Aggressor.
Und wo sollen amerikanische Bombenflugzeuge in Europa zwischenlanden, wenn sie unterwegs sind, Teheran zu bombardieren? Wer koordiniert Zielidentifizierung und Einsätze, wenn die Amis nicht mehr in Ramstein sitzen, das deren große Drehscheibe zum Nahen Osten und nach Afrika ist?
Es ist doch gar keine Frage, dass die Vereinigten Staaten die gewaltigste Militärmacht auf diesem Planeten sind. Aber gerade der aktuelle Irankonflikt zeigt doch, dass sie alleine auch nicht machen können, was sie wollen.
Die NATO ist nur im Team unbesiegbar
Dann allerdings ist sie das wirklich. Das weiß auch China, und das sieht der Psychopath im Kreml jeden Tag im Fernsehen. Aber es geht halt nur, wenn der Westen an einem Strang zieht.
Verschiedentlich habe ich über Trumps disruptives Handeln philosphiert, dem ich durchaus etwas abgewinnen kann, wenn er seine Gegner im Ungewissen halten will.
Sogar ein Stück weit die eigenen Freunde und Partner. Seine ständigen Drohungen mit Liebesentzug haben in Europa viel bewirkt. Der alte Kontinent – Franzosen, Briten, Italiener und Deutsche, Polen sowieso, die Balten und Skandinavien – wir sind so stark aufgestellt wie noch nie in der Geschichte des Bündnisses.
Konventionell können die europäischen Staaten einer russischen Aggression gegen das Bündnis auch ohne die Amerikaner Paroli bieten. Vor dieser russischen Armee hat niemand mehr Angst, seit die Panzer im Morast ohne Treibstoff stecken, weil die Ukrainer deren ganze Logistik Tag für Tag zerschießen.
Aber die USA haben halt Fähigkeiten, die wir allein nicht haben
Das beginnt beim atomaren Schutzschirm und endet bei der globalen Informationsbeschaffung und Tankflugzeugen, um die Jets der Verbündeten in der Luft zu halten. All das können wir in Europa nicht mal eben in drei Jahren selbst auf die Beine stellen.
Ein bisschen Verständnis für Trumps Ego, ein bisschen Schmeichelei – alles nützlich und okay.
Aber dass er jetzt wieder mit dem absurden Grönland-Thema um die Ecke kommt, das ist kontraproduktiv und in diesen Zeiten absolut überflüssig. Denn die USA haben Militär auf Grönland, und wenn sie höflich fragen, werden Dänemark und die NATO nicht verweigern, das aufzustocken. Grönland ist eminent wichtig für den Schutz der westlichen Schiffsrouten – militärisch wie zivil. Und alle haben ein Interesse daran, dass die USA dort hervorragend präsent sind. Aber dazu muss man Grönland nicht „haben“.
Nachher werden Trump und Ukraines Präsident Wolodymyr Selenskyj in Ankara unter vier Augen reden. Danach ruft der Amerikaner im Kreml an. Man darf gespannt sein, was da herauskommt. Meine Erwartung ist null.
Aber festzuhalten bleibt jetzt schon: Trump nervt einfach nur noch…
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