Heftiger Streit in der Berliner Zahnärztekammer: Wie können Millioneninvestments in Hotels plötzlich nichts wert sein?

Ist diese malerische Ressort tatsächlich null Euro wert?

von KLAUS KELLE

BERLIN – Die Erzählung ist so alt wie verlockend: Wer als Arzt, Apotheker, Anwalt oder Architekt arbeitet, hat das Privileg, nicht in die kriselnde gesetzliche Rentenversicherung einzahlen zu müssen. Stattdessen vertrauen die Freiberufler ihre Altersvorsorge den berufsständischen Versorgungswerken an. Dort, so das Versprechen, wird das Geld gewinnbringend am Kapitalmarkt angelegt, fernab der demografischen Zwänge, die das staatliche Umlagesystem belasten. Die Renten seien sicher, lukrativ und vor allem: mit tatsächlichen Werten hinterlegt.

Doch die Realität sieht zunehmend anders aus. Ein genauerer Blick auf die jüngsten Entwicklungen beim Versorgungswerk der Zahnärztekammer Berlin (VZB) offenbart angeblich ein System, das durch möglichrweise riskante Spekulationen, mangelnde Aufsicht und eklatantes Managementversagen in seinen Grundfesten erschüttert wird.

Der Mythos der kapitalgedeckten Nachhaltigkeit

Befürworter der Versorgungswerke argumentieren gerne mit der Nachhaltigkeit ihres Modells. Im Gegensatz zum Generationenvertrag der gesetzlichen Rente, bei dem die aktuellen Beitragszahler die Renten der aktuellen Ruheständler finanzieren (ein System, das oft als „von der Hand in den Mund leben“ kritisiert wird), basieren die Versorgungswerke auf dem Kapitaldeckungsverfahren. Die eingezahlten Beiträge werden investiert, und aus den Erträgen sollen die späteren Renten finanziert werden. Selbst wenn es hier an der einen oder anderen Stelle zu größeren Abschreibungen kommt, so die These, sind die Renten immer noch mit tatsächlichen Werten hinterlegt. Das sei nachhaltiger als ein System, das darauf angewiesen ist, dass es in Zukunft ausreichend Beitragszahler gibt, um die Renten abzusichern.

Doch diese vermeintliche Sicherheit entpuppt sich zunehmend als Illusion

Die jahrelange Niedrigzinsphase hat viele Versorgungswerke dazu gezwungen, von sicheren, aber unrentablen Anleihen in riskantere Anlageklassen wie Immobilien, Private Equity und Start-ups umzuschichten. Wenn diese Wetten nicht aufgehen, sind die Folgen verheerend. Im Gegensatz zur gesetzlichen Rente, hinter der letztlich die Steuerkraft des Staates steht, gibt es für die Versorgungswerke keinen Rettungsschirm und keinen Sicherungsfonds. Das volle Risiko tragen die Versicherten – und dieses Risiko materialisiert sich derzeit in erschreckendem Ausmaß.

Null Euro – und niemand stellt die Frage

Das Versorgungswerk der Zahnärztekammer Berlin-Brandenburg ist kein Opfer der Märkte. Es ist dabei, sich selbst zu zerlegen – und die Spur führt direkt in den eigenen Verwaltungsausschuss.

Seit Monaten zeichnet das von Thomas Schieritz und Alexander Klutke geführte Gremium ein Bild des wirtschaftlichen Zusammenbruchs: Milliardenverluste, ein entwertetes Portfolio, Hotels ohne Wert. Es ist eine Erzählung maximaler Dramatik – und sie kommt nicht von außen, sondern aus dem Inneren der Institution. Während andere Versorgungswerke versuchen, Verluste zu erklären, produziert das VZB Schlagzeilen. Und das mit verheerenden Folgen für Bonität und Vertrauen.

Dabei beginnt der Zweifel genau dort, wo die Gewissheit am lautesten behauptet wird. Ein uns namentlich bekannter Vertreter des VZB widerspricht offen der offiziellen Linie. Es gebe „Zweifel an der … öffentlich publizierten und die Mitglieder verängstigenden Abschreibungssumme“. Ein bemerkenswerter Satz – weil er nicht die Verluste bestreitet, sondern nur deren Darstellung.

Noch deutlicher wird er bei der Kommunikation selbst: Es sei „nicht nachvollziehbar, wie man unser Versorgungswerk, ohne belastbare Jahresabschlüsse … derart in der Öffentlichkeit desavouieren kann“.

Ein Gutachten ohne Autorität, Milliardenwerte auf dem Spiel

Im Zentrum dieser Eskalation steht ein Gutachten, das die drastischen Abwertungen legitimieren soll. Doch schon seine Entstehung wirft fundamentale Fragen auf. Intransparent beauftragt, ohne erkennbare Ausschreibung, ohne klare fachliche Autorität. Der Vertreter des VZB formuliert es nüchtern – und gerade deshalb vernichtend: „Ob man das als ‚Gutachten‘ … bezeichnen kann, weiß ich nicht.“

Auf dieser fragwürdigen Grundlage werden derzeit Milliardenwerte neu definiert …und vernichtet.

Besonders drastisch zeigt sich ein Managementversagen bei den Hotelimmobilien. Ibiza, Sardinien, Schottland – reale Assets, gebaut und finanziert. In den aktuellen Bewertungen tauchen sie teilweise mit null Euro auf. Null.

Als hätten diese Objekte keine Substanz. Natürlich: Die Häuser werden derzeit offenbar schlecht gemanagt, die Lindner-Gruppe als Betreiber ist selbst durch eine Insolvenz gegangen. Aber selbst defizitäre Hotels sind normalerweise keine wertlosen Objekte.

Grundstücke verschwinden nicht, Gebäude lösen sich nicht auf. Eine Nullbewertung ist hier eine radikale und zerstörerische Interpretation.

Der fatale Widerspruch des Thomas Schieritz

Genau hier beginnt der Widerspruch, der sich durch das gesamte Handeln des aktuellen Verwaltungsausschusses zieht. Denn während diese Assets bilanziell auf null gesetzt werden, verkauft das VZB unter der Ägide von Thomas Schieritz und Alexander Klutke gleichzeitig festverzinsliche Wertpapiere im Volumen von über 80 Millionen Euro, um Kredite auf genau diese angeblich wertlosen Immobilien zu bedienen.

Hier liegt der Kern des Problems. Wer etwas rettet, glaubt, dass es noch einen Wert hat. Wer es auf null setzt, behauptet das Gegenteil. Beides gleichzeitig zu tun, ist ein Eingeständnis, dass die eigene Logik nicht trägt.

Auch operativ setzt sich dieses Muster fort. Die Hotels werden weiterhin von der Lindner-Gruppe geführt, trotz ihrer wirtschaftlichen Schieflage. Lindner verdient Managementgebühren in Millionenhöhe, während das Versorgungswerk die durch schlechtes Management anfallenden Verluste tragen muss. Ein professioneller Investor würde eingreifen: Betreiber wechseln, Strukturen anpassen, Verluste begrenzen. Doch hier passiert genau das Gegenteil.

Das VZB bleibt gebunden an Strukturen, die offenkundig keinen positiven Beitrag leisten. Denn: Wer diese Hebel nicht kontrolliert, kontrolliert sein Investment nicht.

Die nächste Inkonsistenz folgt auf dem Fuß: Während sichere Anleihen verkauft werden, um Liquidität zu schaffen, wird ein möglicher Verkauf der Fleesensee-Gruppe – offenbar im dreistelligen Millionenbereich – durch Thomas Schieritz auf Anweisung von Alexander Klutke persönlich verhindert. Das widerspricht jeder Logik der Kapitalallokation und zeigt Defizite im aktuellen Management.

Wer trägt die Verantwortung?

Parallel dazu wird die Verantwortung systematisch verschoben. Laut Berichten prüft das VZB rechtliche Schritte gegen frühere Verantwortliche. Die Vergangenheit wird zum zentralen Bezugspunkt. Doch das ändert nichts an der Gegenwart. Denn die Entscheidungen, die den tatsächlichen Schaden bestimmen, werden heute getroffen. Und sie tragen eine klare Handschrift.

Der aktuelle Verwaltungsausschuss ist der zentrale Akteur der Krise. Seine Kommunikation und Entscheidungen prägen das Bild des Versorgungswerks. Wenn dabei ein Portfolio innerhalb kürzester Zeit entwertet wird, ohne dass belastbare, geprüfte Grundlagen vorliegen, dann ist das nicht nur ein bilanzieller Vorgang. Es ist ein Eingriff in die Substanz der Institution.

Am Ende bleibt eine Frage, die sich durch alle Widersprüche zieht und die bislang niemand überzeugend beantwortet hat: Handelt der Verwaltungsausschuss im Interesse der Versicherten – oder erzeugt er gerade den Schaden, den er vorgibt zu beheben?

Um die internen Vorgänge und die Stimmung an der Basis besser zu verstehen, haben wir mit einem Vertreter des VZB gesprochen. Er ist Zahnarzt und Mitglied der Vertreterversammlung des VZB, dem obersten Kontrollorgan des Versorgungswerks.

Denn die Befürworter der Versorgungswerke argumentieren ja, dass das kapitalgedeckte System trotz der aktuellen Abschreibungen nachhaltiger sei als die gesetzliche Rente, da die Renten mit tatsächlichen Werten hinterlegt seien.

Unser Gesprächspartner, der seinen Namen nicht genannt haben möchte, dazu:

„Es gibt mittlerweile eine Reihe von Anknüpfungspunkten, die dafür sprechen, dass Zweifel an der schon sehr früh vom aktuellen Verwaltungsausschuss öffentlich publizierten und die Mitglieder verängstigenden Abschreibungssumme angebracht sein dürften. Es ist für mich nicht nachvollziehbar, wie man unser Versorgungswerk, ohne belastbare Jahresabschlüsse – der für 2024 liegt noch immer nicht vor – und ohne gerichtsfeste Belege derart in der Öffentlichkeit desavouieren kann. Damit richtet man die Bonität des Versorgungswerks zugrunde.“

Auch ein weiterer Aspekt birgt hohe Sprengkraft für die VZB. Es geht um Vorwürfe, dass die aktuelle Führung möglicherweise eigene Interessen verfolgen könnte. So gibt es Berichte, unter anderem im „Capital“, dass das neue Management des Verwaltungsausschusses, das offensichtlich wenig Erfahrung hat, in kürzester Zeit einen größeren Schaden angerichtet haben könnte als das alte Management in den vergangenen 20 Jahren.

Unser Informant bestätigt, dass in dieser Thematik eine Menge offener Fragen im Raum stünden, und es solle ehemalige Geschäftspartner des VZB geben, die diese Aussage stützen könnten.

Fakt ist, dass der neue Verwaltungsausschuss in einem für unseren Informanten intransparenten Verfahren eine Beratungsfirma beauftragt habe, die Bewertungen erstellen soll. Der Federführende gab in einer Vertreterversammlung zu, dass er kein Wirtschaftsprüfer sei.

Und weiter: „Die Qualität dieser sogenannten Bewertungen der Kapitalanlagen des VZB durch eine Firma CFRV Center for Financial Reporting and Valuation GmbH, Herrn Prof. Holger Wassermann, kann ich nicht beurteilen, das werden die späteren Wirtschaftsprüfer tun müssen.“

Es bleibt also unbedingt jetzt zu klären, ob aufgrund eines intransparenten Gutachtens alle Hotelinvestitionen – die Immobilien auf Ibiza, in Porto Cervo und das Schloss in Schottland – radikal auf null Euro abgeschrieben wurden?

Unser Gesprächspartner: „Nach meiner Kenntnis ist das so. Und es entbehrt jeder kaufmännischen Logik. Reale Assets, Gebäude, Grundstücke in Bestlagen lösen sich nicht in Luft auf. Dass man solche Substanzwerte auf null setzt, ist keine seriöse Bilanzierung, das ist eine destruktive Interpretation. Man muss sich ernsthaft fragen, wem eine derart drastische Entwertung eigentlich nutzt. Den Versicherten jedenfalls nicht .

Der vorherige Verwaltungsausschuss habe wegen Erfolglosigkeit und zu hoher Kosten eine andere Managementgesellschaft beauftragt. Und Jörg Lindner habe diese Verträge – möglicherweise – gegen den Willen des alten Verwaltungsausschusses unrechtmäßig an die Lindner AG übertragen. Er habe diese Verträge anscheinend dazu benutzt, seine in die Insolvenz geratene Lindner Hotel AG auf Kosten unserer Versicherten zu sanieren.

Das sind harte Vorwürfe

Der neue Verwaltungsausschuss hat die Entscheidung, den Betrieb der Hotels von der defizitären 12.18/Lindner-Gruppe wegzunehmen, rückgängig gemacht?

Und nun werden Millionen an Managementgebühren an Lindner gezahlt, während gleichzeitig festverzinsliche Papiere im Wert von über 80 Millionen Euro verkauft wurden, um Darlehen für diese angeblich wertlosen Immobilien zu bedienen?

„Genau hier zeigt sich das eklatante Managementversagen der aktuellen Führung“, sagt unser Informant.

Einerseits bewerte der Verwaltungsausschuss unter Herrn Schieritz diese Immobilien mit null, andererseits verschleudere er 80 Millionen Euro an sicheren, festverzinslichen Papieren, um Darlehen bei der Apollo Bank in London für genau diese Immobilien abzulösen: „Das ist absurd.“ Man rette nichts, das angeblich nichts wert sei

Ohne die Unterstützung des VZB hätte Lindner vermutlich längst Insolvenz anmelden müssen. Das VZB blute also aus, um die Lindner AG zu stützen. Und das stehe im krassen Widerspruch zu allem, „was Herr Schieritz und Herr Klutke öffentlich predigen“.

Was aber ist mit den Gerüchten über ein Schreiben, in dem bestätigt werde, dass die Fleesensee-Gruppe für über 160 Millionen Euro hätte verkauft werden können?

Damit hätte man das Darlehen ja ablösen können, ohne die festverzinslichen Papiere zu veräußern, und wäre so die Millionenverluste losgeworden. Stimmt es, dass diese Transaktion durch den neuen Vorsitzenden Thomas Schieritz auf Anweisung von Alexander Klutke persönlich verhindert wurde?

„Nach meiner Kenntnis ist das exakt so abgelaufen. Es gab ein werthaltiges Angebot, das uns von massiven Verlusten befreit und die Liquidität gesichert hätte. „Dass Herr Schieritz und Herr Klutke diesen Verkauf verhindert haben, ist durch nichts zu rechtfertigen“, sagt der Insider.

Warum könnte aber der Verwaltungsausschuss Interesse daran haben, die Geschäfte derart fragwürdig zu führen?

„Das kann ich mit Bestimmtheit nicht sagen. Es drängt sich jedoch der Verdacht auf, dass hier nicht im Interesse der Zahnärzte gehandelt wird. Es ist nicht auszuschließen, dass diese Entwicklung Teil einer extern initiierten Kampagne ist, die das System der Versorgungswerke insgesamt in Misskredit bringen will.“

Zum Schluss unseres ungewöhnlichen Gesprächs kommt unser Gast zum Schluss, dass nur mit konsequenter und transparenten Aufklärung unter Miteinbezug der Vertreterversammlung und der Mitglieder, Ordnung in den Verband gebracht werden könne.

Da die Gremien satzungsgemäß durch ehrenamtliche Zahnärzte besetzt werden, müsse sichergestellt sein, dass dieses Ehrenamt leistbar ist. Sie müssten fachlich geschult und versicherungstechnisch (D&O-Versicherung) ausreichend abgesichert werden, um das private Haftungsrisiko zu minimieren. Sonst fände sich bald niemand mehr für diese Aufgaben.

Vor allem aber müsse das rechtsstaatliche Prinzip der Unschuldsvermutung gelten. Vorschnelle Vorverurteilungen von Kollegen könnten zu Entwicklungen führen, die niemand im VZB wollen kann.

Bildquelle:

  • 7Pines_Ressort_Ibiza: booking.com

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.