Krieg gegen die Ukraine: Das ist die Lage am Mittag

Auf der Flucht vor russischen Angriffen überqueren diese Ukrainer den Fluss Irpin unter einer zerstörten Brücke. Foto: Felipe Dana/AP/dpa
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KIEW – Die Ukraine hat der Einrichtung von sechs Fluchtkorridoren für die Rettung von Zivilisten aus belagerten Städten zugestimmt.

Menschen aus Enerhodar und Mariupol sollten heute nach Saporischschja im Südosten der Ukraine gebracht werden, sagt Vizeregierungschefin Iryna Wereschtschuk. Menschen aus Wolnowacha sollen demnach in Pokrowsk in Sicherheit gebracht werden, Einwohner aus Sumy nach Poltawa. So genannte Fluchtkorridore seien auch für die Stadt Isjum im Osten sowie für mehrere Kleinstädte nördlich von Kiew vorgesehen, sagte Wereschtschuk weiter.

Fluchtkorridore mit Russland koordiniert

Der Waffenstillstand soll demnach bis 20.00 Uhr MEZ gelten. Das Militär habe zugestimmt, dass in dieser Zeit nicht geschossen werde, sagte Wereschtschuk. Die Fluchtrouten seien mit Russland koordiniert und der entsprechende Brief ans Internationale Rote Kreuz geschickt worden. Zuvor hatte auch das russische Verteidigungsministerium eine Feuerpause für mehrere Regionen angekündigt. Zunächst war unklar, ob diese auch halten würde.

Zuvor wurde bereits über einen Plan zur Evakuierung von Zivilisten aus der nordostukrainischen Großstadt Sumy berichtet. Der Fluchtkorridor in Richtung der zentralukrainischen Stadt Poltawa sei bis 21.00 Uhr Ortszeit (20.00 Uhr MEZ) geöffnet, schrieb der Chef der Gebietsverwaltung, Dmytro Schywyzkyj, am Morgen im Nachrichtenkanal Telegram. Das Verhandlungsteam habe die ganze Nacht daran gearbeitet. Die Evakuierungen sollten um 8.00 Uhr MEZ starten. Die Menschen können Schywyzkyj zufolge die Stadt mit eigenen Autos oder mit 22 Bussen verlassen. Dabei werde mit dem Roten Kreuz zusammengearbeitet.

Russland kündigt Feuerpause an

Auch das russische Verteidigungsministerium kündigte am Vormittag eine Feuerpause ab 8.00 Uhr (MEZ) an, um die sichere Flucht für Zivilisten aus Sumy und anderen Städten zu gewährleisten. Aus Kiew etwa sollte es diesen Angaben zufolge Korridore über Belarus nach Russland geben. Aus der ostukrainischen Großstadt Charkiw sei eine Fluchtroute in die russische Stadt Belgorod geplant, aus der Hafenstadt Mariupol nach Rostow am Don.

Nach Angaben der ukrainischen Regierung wurden bereits 6700 Menschen aus Sumy gerettet. Es war bislang der einzige von fünf vereinbarten Fluchtkorridoren, der auch wirklich zu funktionieren schien.

Tote bei Luftangriffen

Bei neuen Luftangriffen auf Städte in der Ukraine sollen 22 Menschen getötet worden sein, mehrere wurden verletzt. Darunter seien drei Kinder, so der Chef der Gebietsverwaltung Sumy, Dmytro Schywyzkyj. Die Leiche eines Jungen sei am Dienstag unter den Trümmern gefunden worden. Eine Bombe habe ein Privathaus getroffen und dort neun Menschen getötet, schrieb der Chef. Er veröffentlichte Fotos von völlig zerstörten Häusern und Trümmern auf den Straßen.

Die russische Armee habe zwei Stunden lang die zivile Infrastruktur des Ortes Sumy beschossen, so Schywyzkyj. Die Angaben sind nicht unabhängig zu prüfen.

In der Nähe der Großstadt Charkiw starben zwei Menschen, darunter ein sieben Jahre altes Kind, dem Zivilschutz zufolge beim Einschlag eines Geschosses in ein Wohnhaus. Seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine am 24. Februar seien bei Kämpfen in Charkiw 170 Zivilisten getötet worden, darunter fünf Kinder, sagte ein Behördensprecher der Agentur Unian zufolge. Russland beharrt darauf, die Truppen griffen keine zivilen, sondern nur militärische Ziele an. In der Nähe der Stadt Schytomyr zerstörten Luftangriffe nach Angaben von Bürgermeister Serhij Suchomlyn ein Werk für Mineralwolle.

Rotes Kreuz: Lage in Mariupol «katastrophal»

Für das umkämpfte Mariupol fordere die Ukraine von Russland einen Fluchtkorridor nach Saporischschja, sagte Wereschtschuk. Seit Tagen werde vergeblich versucht, Hilfslieferungen in die Hafenstadt zu bringen. In Mariupol warten nach Angaben des Roten Kreuzes 200 000 Menschen darauf, aus der Stadt zu kommen. Nach Angaben des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz ist die Lage katastrophal.

Nach Angaben aus Moskau sind prorussische Einheiten in der Stadt weiter auf dem Vormarsch. Kämpfer der selbst ernannten Volksrepublik Donezk seien seit dem Ende einer Waffenruhe bereits knapp einen Kilometer weit vorgedrungen, teilte das russische Verteidigungsministerium mit. Die Angaben konnten nicht unabhängig überprüft werden.

«Waffenruhe verletzt! Russische Streitkräfte beschießen jetzt den humanitären Korridor von Saporischschja nach Mariupol», schrieb der Sprecher des ukrainischen Außenministeriums, Oleg Nikolenko, bei Twitter.

Tweet Nikolenko

Acht Lastwagen und 30 Busse stünden bereit, um humanitäre Hilfe nach Mariupol zu liefern und Zivilisten nach Saporischschja zu bringen. «Der Druck auf Russland MUSS erhöht werden, damit es seine Verpflichtungen einhält», schrieb Nikolenko weiter. Von russischer Seite gab es zunächst keine Angaben dazu. Am Morgen hatte der Sprecher der prorussischen Kräfte im Gebiet Donezk, Eduard Bassurin, behauptet, ukrainische «Nationalisten» blockierten die Evakuierung.

Separatisten räumen eigene Verluste ein

Erstmals räumten die Separatisten eigene Verluste ein. Seit Beginn der «Spezialoperation», wie Russland den Krieg in der Ukraine nennt, seien 47 Kämpfer der «Volksrepublik Donezk» getötet und 179 verletzt worden, sagte der Sprecher der prorussischen Kräfte im Gebiet Donezk, Eduard Bassurin, örtlichen Medien zufolge.

Das russische Verteidigungsministerium machte zu eigenen Verlusten erneut keine neuen Angaben. Zuletzt wurde die Zahl von fast 500 getöteten Soldaten genannt. Bisher seien 2581 militärische Ziele zerstört worden, sagte Ministeriumssprecher Igor Konaschenkow. Darunter seien zahlreiche Raketenabwehrsysteme, Kontrollposten und Radarstationen, Hunderte Panzer und gepanzerte Fahrzeuge sowie 84 Kampfdrohnen.

Fast 3000 Menschen aus Irpin evakuiert

Die Evakuierung der Bevölkerung in Irpin, nordwestlich von Kiew, scheint zu funktionieren. Aus der umkämpften Stadt sind nach Behördenangaben bisher etwa 3000 Menschen in Sicherheit gebracht worden. «Die Evakuierung der Bevölkerung aus der Stadt Irpin nach Kiew geht weiter», teilte der ukrainische Katastrophenschutz mit. Einwohner haben der Agentur Unian zufolge weder Wasser noch elektrischen Strom.

Um Irpin wird seit Tagen erbittert gekämpft. Russische Truppen halten einen Teil der Stadt besetzt, die in Friedenszeiten etwa 45.000 Einwohner zählte. Zuletzt hatten Bilder aus Irpin gezeigt, wie Hunderte Zivilisten unter einer zerstörten Brücke zusammengekauert Schutz suchen und von ukrainischen Soldaten über Behelfsstege geleitet werden.

Am Sonntag waren mindestens acht Menschen getötet worden, als russische Truppen nach Angaben aus Kiew die Fluchtroute beschossen. Die Nato geht davon aus, dass Angaben über russische Angriffe auf flüchtende Menschen der Wahrheit entsprechen. «Zivilisten ins Visier zu nehmen, ist ein Kriegsverbrechen, und es ist vollkommen inakzeptabel», sagte Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg.

Bürgermeister von Charkiw: Angriffe auf zivile Infrastruktur

Der Bürgermeister der ebenfalls umkämpften Metropole Charkiw warf den angreifenden russischen Truppen den vorsätzlichen Beschuss ziviler Infrastruktur vor. «Kindergärten, Schulen, Entbindungsstationen, Kliniken werden beschossen», sagte Bürgermeister Ihor Terechow dem US-Fernsehsender CNN laut Übersetzung. «Wenn es um Hunderte zivile Gebäude geht, dann ist das kein Versehen. Das ist ein gezielter Angriff.» Terechow fügte hinzu: «Ich betrachte dies als einen Akt des Völkermordes an der Stadt Charkiw.»

Charkiw ist die zweitgrößte Stadt der Ukraine. Terechow sagte, die Metropole mit ihren rund 1,5 Millionen Einwohnern sei unter konstantem Beschuss.

Lwiw: Brauchen Unterstützung für Flüchtlinge

Die westukrainische Stadt Lwiw bittet internationale Organisationen um Unterstützung bei der Unterbringung von Kriegsflüchtlingen. Die Stadt sei zu einem Zufluchtsort für etwa 200.000 Menschen geworden, die vor Bombeneinschlägen und Raketenangriffen geflohen seien, sagte Bürgermeister Andrij Sadowyj einer Mitteilung zufolge. Die Menschen bekämen warmes Essen und alles Nötige. «Dies ist eine extrem schwere Belastung für die Stadt, und heute stehen wir am Rande unserer Fähigkeiten», warnte er.

Bildquelle:

  • Zerstörte Brücke: dpa
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