Rübermachen… Welche Konsequenzen es hat, das Richtige zu tun

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Liebe Leserinnen und Leser,

im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ stand vor einigen Tagen die Geschichte eines Linksextremisten, der die Seiten gewechselt hat. Also nicht auf die rechte Seite des politischen Spektrums, sondern auf unsere Seite, zum Staat. Johannes D., so nennt sich der heute 30 Jahre alte Erzieher mit langer Vergangenheit in der linksradikalen Szene Ostdeutschlands. Um sich ein ziviles, also unauffälliges, Leben für die Zukunft aufzubauen, war er nach Warschau gezogen und hatte dort eine Anstellung in einem Kindergarten gefunden. Und vor dem standen eines Tages mehrere Besucher aus Deutschland, Beamte des Bundesamtes für Verfassungsschutz, des deutschen Inlandsgeheimdienstes.

Nach einigem hin und her, gingen sie alle ein wenig spazieren zusammen, nach zwei weiteren Tagen erklärte sich D. bereit, über die linksradikale Szene auszupacken. Inzwischen ist er Kronzeuge im Prozess gegen Lina E. und drei Mitangeklagte vor dem Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts Dresden. Die 27-jährige Frau ist angeklagt, mit ihrem untergetauchten Verlobten, Johann G., und anderen eine Vereinigung gebildet zu haben, die in den Jahren 2018 bis 2020 in Leipzig, Wurzen und Eisenach Rechtsradikale ausgespäht, überfallen und brutal zusammengeschlagen hat. Johannes D. ist bereit, alles über seine früheren Genossen auszupacken und reinen Tisch zu machen. Auch für sich selber das Richtige zu tun. Fanatisierte Gewalttäter aus der antifa-Szene ihrer gerechten Strafe zuzuführen.

So ein Schritt ist nicht einfach. Ich hatte mehrfach in meinem Leben die Gelegenheit, längere Gespräche mit Aussteigern aus der Neonazi-Szene zu führen. Ein solcher Schritt, das bedeutet nicht nur einfach ein neues Leben in einem Zeugenschutzprogramm und zur Gerichtsverhandlung mit acht Personenschützern zu erscheinen. Das bedeutet Aufgabe des ganzen sozialen Umfeldes, zumindest für längere Zeit auch des familiären Umfeldes. Umziehen, nie alleine zu sein, immer von der Angst begleitet zu werden, dass doch jemand herausfindet, wo er (oder sie) sich befindet.

Und die alten Genossen oder auch die Kameraden auf der andere Seite, das sind nicht alles nette Leute. Aber es waren mal Freunde, man hat gemeinsam einiges erlebt, man hatte gemeinsam einen Feind, die „Zecken“ oder das ihnen verhasste System. Und plötzlich sind sie selbst das System. Die Verräter.

Ich habe bei Gesprächen mit solchen Menschen – es dauert ein wenig, bis man dann wirklich offen miteinander spricht – immer wieder festgestellt, dass es nicht die Angst vor der Rache der früheren Kampfgefährten ist, die sie beschäftigt, sondern das schlechte Gewissen. Die anderen verraten zu haben, nun für den Staat zu arbeiten, den sie so intensiv bekämpft haben. Und der ihnen letztlich doch als die bessere Alternative, als all der Hass und die blinde Wut aus vergangenen Zeiten, erschien.

Deutschland und seine Bürger erleben turbulente Zeiten

Es gab immer Herausforderungen unserer Rechtsordnung durch gewalttätige Fanatiker. Es gab den linken Terror der Baader-Meinhof-Bande und der späteren Rote-Armee-Fraktion, es gab Palästinenserkommandos, die israelische Sportler in München bei den Olympischen Spielen umgebracht haben. Es gab und gibt islamistische Terrorzellen in Deutschland, Terroranschläge. Es gibt Reichsbürger, die Polizisten erschießen und Polizei-Hasser, die bei einer zufälligen Polizeikontrolle auch Polizisten erschießen. Es gibt die linksextreme antifa, es gibt Rassisten und Judenfeinde, die andere Menschen auf offener Straße oder in der Straßenbahn angreifen. Und es gibt Organisationen wie zum Beispiel Scientology, die Einfluss auf Staat und Politik gewinnen wollen, es gibt Araber-Clans und andere Organisierte Kriminalität.

Je mehr man darüber nachdenkt, was in unserem Land los ist, je verzweifelter könnte man werden. Weg, bloß raus hier! Doch wohin? Nach Ungarn? Gute Idee, aber wenn demnächst halb Deutschland in Ungarn lebt, wird sich Orbans Land auch verändern. Sie kennen das Zitat von Peter Scholl-Latour über Kalkutta…

Wir müssen unseren eigenen Laden hier in Ordnung bringen. Und das ist umso schwieriger, je weniger Bündnisparter wir Bürgerlichen in Deutschland heute noch haben. Oder wissen Sie, wen sie am Sonntag wählen würden, wenn zu den Wahlurnen gerufen wird? Menschen wie ich und viele von Ihnen haben sowieso nur wenige Alternativen, aber selbst da müsste ich konzentriert nachdenken, was ich mache.

Es ist gut, wenn sich Leute besinnen und bereit sind, für unser Land auch etwas zu riskieren. Denn bei allem, was uns jeden Tag aufregt, was uns zur Wut treibt in Politik, Gesellschat und Medien, glauben Sie mir: Was danach kommt, wird nicht besser sein.

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.