26. Mai 1940: Das Wunder von Dünkirchen – heute vor 86 Jahren retteten sie 330.000 Soldaten

In Hunderten kleinen Booten und Schiffen retteten die Briten 330.000 Soldaten

DÜNKIRCHEN – Der Westfeldzug im Frühjahr 1940 veränderte den Verlauf des Zweiten Weltkriegs radikal. Was als Verteidigung der westeuropäischen Demokratien geplant war, entwickelte sich innerhalb weniger Wochen zu einem militärischen Desaster für die Alliierten. Im Zentrum: die nordfranzösische Hafenstadt Dünkirchen.

Die deutsche Blitztaktik und das Operationsgebiet

Am 10. Mai 1940 begann die Deutsche Wehrmacht den Angriff auf die Niederlande, Belgien und Luxemburg. Hauptziel dieses Vorstoßes war die Umgehung der stark befestigten französischen Grenzanlage, der Maginot-Linie. Die alliierten Generäle rechneten mit einem deutschen Hauptangriff durch die belgische Ebene und verlegten ihre besten motorisierten Verbände nach Norden.

Doch das erwies sich als fataler Fehler, denn die Wehrmacht setzte auf die neuartige Taktik, die Historiker und britische Boulevardzeitungen später „Blitzkrieg“ nennen sollten.

Das enge, koordinierte Zusammenwirken massierter Panzerdivisionen und Sturzkampfbomber („Stukas“) aus der Luft, die ohne Rücksicht auf offene Flanken tief in feindliches Gebiet vorstießen, zeigte schnell ihre verheerende Wirkung. Der entscheidende Durchbruch gelang dann der Heeresgruppe A unter Generalfeldmarschall Gerd von Rundstedt in den angeblich unpassierbaren Ardennen.

Deutsche Panzerverbände überquerten bei Sedan die Maas und rasten in einer rasanten Sichelbewegung westwärts bis zur Mündung der Somme bei Abbeville. In nur zehn Tagen erreichten die Deutschen die Kanalküste und isolierten so das Operationsgebiet im Nordwesten Frankreichs und Belgiens. Das britische Expeditionskorps (BEF) und Teile der 1. französischen Armee und der belgischen Streitkräfte waren durch diesen Schachzug komplett von der französischen Hauptarmee im Süden abgeschnitten. Binnen Tagen blieb den Alliierten nur der schmale Korridor rund um die Hafenstadt Dünkirchen und die angrenzenden Sandstrände an der Grenze zu Belgien.

Kräfteverhältnis und konkrete Ziele

In diesem gigantischen Kessel standen sich enorme Massen von Soldaten gegenüber. Die Wehrmacht bot für den gesamten Westfeldzug Millionen Soldaten auf. Im direkten Umfeld des Kessels von Dünkirchen operierten so etwa 800.000 deutsche Soldaten der Heeresgruppen A und B. Ihnen gegenüber standen 400.000 alliierte Soldaten, die von Lebensmittel- und Munitionsnachschub abgeschnitten waren.

Das Ziel der deutschen Führung war die vollständige Vernichtung oder bedingungslose Kapitulation des britischen Expeditionskorps und der französischen Nordarmee.

Adolf Hitler und das Oberkommando der Wehrmacht wollten den Krieg im Westen mit einem einzigen, „vernichtenden Schlag“ beenden. Ohne das BEF aber wäre Großbritannien seiner militärischen Elite beraubt worden, was den Weg für Friedensverhandlungen zu deutschen Bedingungen oder eine anschließende Invasion der britischen Inseln geebnet hätte.

Als die deutschen Panzer am 24. Mai nur noch 15 Kilometer vor Dünkirchen standen, geschah etwas Unerwartetes.

Ein von Hitler bestätigter Haltebefehl stoppte die Panzer für knapp drei Tage. Die Generäle wollten ihre wertvollen Panzer für die darauffolgende Offensive im Süden Frankreichs schonen und das sumpfige Gelände meiden. Zudem versprach Luftwaffenchef Hermann Göring, die eingekesselten Truppen allein aus der Luft zu vernichten.

Dieses Zeitfenster rettete die Alliierten

In London erkannte der britische Premierminister Winston Churchill rasch, dass eine militärische Verteidigung des Kessels unmöglich war. Bereits am 20. Mai hatte er die Vorbereitungen einer Evakuierung angewiesen. Am 26. Mai 1940 gab er dann offiziell den Befehl zum Start der „Operation Dynamo„. Mit der Leitung wurde Vizeadmiral Bertram Ramsay im Hauptquartier in Dover beauftragt. Die politische Führung in London ging davon aus, dass man so wenigstens 45.000 Männer würde retten können.

Die Evakuierung gestaltete sich logistisch als Albtraum.

Der Hafen von Dünkirchen war durch deutsche Luftangriffe weitgehend zerstört. Schiffe konnten fast nur noch an der hölzernen Ostmole anlegen. Zudem machten die flachen Sandstrände es großen Kriegsschiffen unmöglich, nah genug an das Ufer heranzufahren.

Um dieses Problem zu lösen, requirierte die britische Admiralität Hunderte zivile Seefahrzeuge. Es entstand die legendäre Flotte der „Little Ships“: Rund 700 bis 800 private Fischerboote, Freizeitjachten, Rettungsboote, Schlepper und Themse-Fähren fuhren freiwillig unter extremen Gefahren über den Ärmelkanal. Ihre Aufgabe war es, die Soldaten direkt aus dem seichten Wasser am Strand aufzunehmen und zu den größeren Zerstörern und Transportschiffen auf offener See zu bringen.

Der Ablauf war von Chaos, Todesangst und ununterbrochenen Angriffen geprägt

Die deutsche Luftwaffe bombardierte die Strände und schoss auf die wehrlosen Soldaten, die oft stundenlang bis zum Hals im kalten Wasser ausharrten. Am Himmel lieferte sich die britische Royal Air Force erbitterte Luftkämpfe mit den deutschen Bombern, um den Evakuierungsraum zu schützen.

Währenddessen leistete die französische Nachhut im südlichen Verteidigungsring von Dünkirchen heroischen Widerstand. Rund 40.000 französische Soldaten hielten die deutschen Infanteriedivisionen tagelang auf und opferten sich, um ihren Kameraden die Flucht zu ermöglichen.

Als die Operation Dynamo am 4. Juni offiziell endete, grenzte das Ergebnis an ein Wunder: Insgesamt 338.226 alliierte Soldaten erreichten Großbritannien lebend, 140.000 französische und belgische Truppen.
Militärisch blieb Dünkirchen trotzdem eine schwere Niederlage.

Das BEF verlor fast seine gesamte schwere Ausrüstung – zehntausende Fahrzeuge, Panzer, Artilleriegeschütze und Tonnen an Munition fielen in deutsche Hände. Rund 68.000 britische Soldaten wurden getötet, verwundet oder mussten in Kriegsgefangenschaft.

Dennoch war der psychologische Effekt unbezahlbar. Churchill warnte das Unterhaus am 4. Juni zwar mit den Worten, dass man „Kriege nicht mit Rückzügen gewinnt“, doch das gerettete Berufsheer bildete das personelle Fundament für den späteren Wiederaufbau der britischen Armee. Der „Geist von Dünkirchen“ (Dunkirk Spirit) schweißte die britische Zivilbevölkerung zusammen und stärkte den Entschluss, dem Nationalsozialismus notfalls bis zum bitteren Ende die Stirn zu bieten.

Bildquelle:

  • 26. Mai 1944_Dünkirchen: britain documentary

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