von BERNHARD KNAPSTEIN
Der Wald hat in Deutschland seit jeher eine besondere Karriere gemacht. Er ist mehr als eine Ansammlung von Bäumen. Er ist Gemütszustand, Erinnerungsort und gelegentlich auch Zufluchtsstätte für alles, was sich der nüchternen Vernunft entziehen möchte. Wo andernorts das Meer die Fantasie beschäftigt, beginnt hierzulande oft schon zwischen Buchen und Tannen das Reich der Sehnsucht. Dort wandern Märchengestalten, dort irren Liebende umher, dort vernimmt der Romantiker noch das Wispern einer Welt, die größer ist als der Alltag.
Es war kein Zufall, dass die deutsche Romantik gerade diesen Wald zu ihrem bevorzugten Schauplatz erhob. In ihm begegnen sich Licht und Schatten, Geborgenheit und Gefahr, Heimat und Geheimnis.
Wer verstehen will, wie tief diese Vorstellung in das kulturelle Gedächtnis eingesunken ist, der muss nur den Namen Carl Maria von Weber nennen.
Denn Weber hat den Wald nicht beschrieben, er hat ihn hörbar gemacht
Wenn im Freischütz die Hörner über die Bühne rufen, wenn die Dorfgesellschaft singt und die Nacht ihre Schatten ausbreitet, dann entsteht jene eigentümliche Mischung aus Volkskultur und Geheimnis, die der deutschen Romantik ihren unverwechselbaren Ton gab.
Der Wald ist dabei kein Hintergrund – er handelt mit. Er lockt, bedroht und tröstet. Die berühmte Wolfsschlucht gehört zu jenen Szenen, die selbst heute noch etwas von ihrer verstörenden Kraft bewahrt haben. Man spürt darin das Vergnügen einer Zeit, die sich gern am Schauer erwärmte. Und da der Wolf heuer wieder durch deutsche Wälder streift, passt auch das ins Bild.
Weber war kein Revolutionär im lärmenden Sinne. Er gehörte zu jenen Künstlern, die eine Epoche nicht durch große Gesten verändern, sondern sie ihr die passende Stimme verleihen und so die Sinneserfahrung erweiterten.
Am 20. November 1786 in Eutin geboren, führte ihn sein Weg über verschiedene Stationen nach Dresden, wo er als Kapellmeister wirkte und mit Beharrlichkeit für die deutsche Oper eintrat. Das mag heute selbstverständlich erscheinen; damals war es ein Unternehmen von einiger Kühnheit. Die italienische Oper beherrschte die Bühnen, und die deutsche musste sich ihren Platz erst erkämpfen.
Mit dem Freischütz gelang Weber, was vielen vor ihm versagt geblieben war. Er schuf ein Werk, in dem das Publikum sich selbst wiedererkannte. Nicht Fürsten und antike Helden stehen im Mittelpunkt, sondern Jäger und Bauern, Wälder und Dörfer. Das Stück spricht die Sprache seiner Zeit und traf damit früh einen Nerv, dessen Schwingungen weit über das 19. Jahrhundert hinausreichen sollten.
Dass Richard Wagner ohne Weber kaum denkbar ist, gehört zu den Gemeinplätzen der Musikgeschichte. Vieles von dem, was später als typisch deutschromantisch gelten sollte – die Bedeutung des Orchesters, die Verbindung von Naturbild und Seelenzustand, das Streben nach einem musikalischen Gesamtausdruck –, findet sich bereits bei Weber angelegt.
Und dennoch ist er nicht bloß eine Vorstufe
Wer ihn lediglich als Wegbereiter betrachtet, tut ihm Unrecht. Seine Musik besitzt eine eigene Eleganz, Leichtigkeit und Beweglichkeit, die sich von der Schwere mancher Nachfolger wohltuend unterscheidet. Sie erzählt, ohne zu dozieren, und sie berührt, ohne sich aufzudrängen.
Vielleicht erklärt gerade das ihre heutige Wirkung. Die Gegenwart begegnet Weber mit anderen Fragen als seine Zeitgenossen. Wo das 19. Jahrhundert nationale Identität suchte, interessieren uns heute die psychologischen und gesellschaftlichen Untertöne seiner Werke. Der Jäger Max erscheint als Mensch unter Leistungsdruck, die Wolfsschlucht als Bild innerer Abgründe, die Natur als Gegenwelt zu einer zunehmend technisierten Existenz. Moderne Inszenierungen – nicht immer gelungen – greifen solche Lesarten auf und zeigen, wie wandlungsfähig diese Oper geblieben ist.
Die romantische Natursehnsucht, die Weber einst in Noten goß, bleibt aktuell. In einer Zeit, die den Wald nicht mehr als unerschöpfliche Kulisse, sondern als von Windrädern bedrohten Lebensraum wahrnimmt, klingen seine Waldhörner anders als vor zweihundert Jahren. Weber darf uns mahnen, uns vor unsere Heimat zu stellen, sie als unser natürliches Umfeld zu verteidigen.
So steht Carl Maria von Weber heute an einer eigentümlichen Schwelle. Der Ruf aus der fernen Epoche wirkt noch heute nah. Seine Musik führt zurück in jene Welt der Romantik, die uns noch heute im Walde badend ausmacht und uns immer wieder einholt – auf Wanderwegen, in Gedichten, in Gemälden und eben in den Klängen des Freischütz.
Am 5. Juni jährt sich sein Todestag zum 200. Mal. Oh Weber, mein Weber: Führ´ uns alte Germanen zurück in den deutschen Wald.
Bildquelle:
- Elbpromenade_Dresden: adobe.stock/powell83
