Cui Bono: Ein neues Inflationstrauma für Deutschland

Die Inflation steigt weiter an - alles wird teurer. Foto: Marijan Murat/dpa
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von MICHAEL STING

BERLIN – Ein altes deutsches Sprichwort lautet: „Iss und trink, solang dir’s schmeckt, schon zweimal ist uns‘ Geld verreckt.“

Es ist wirklich erstaunlich, dass die klügsten Ökonomen der Regierung, der EU-Kommission und der Europäischen Zentralbank bis vor Kurzem noch das Mantra vertraten: Die Inflation wird nur temporär etwas höher sein und sich wieder der Marke von zwei prozen nähern. Vielleicht habe ich damals in der Grundschule nicht aufgepasst. Doch der Abstand zwischen zwei Prozent und 7,4 Prozent (Stand 28. April 2022) ist doch ein klein wenig signifikanter, als es „knapp daneben“ zu benennen.

Korrekterweise muss man zugeben, dass im vergangenen Jahr eine russische Invasion in die Ukraine und ein damit verbundener Anstieg von Öl- und Gaspreisen nicht absehbar waren. Doch ist dies wirklich der entscheidende Faktor für die Inflation? Geht es nach dem Ökonomen und ehemaligen Präsidenten des Ifo-Institutes Hans Werner Sinn, liegt der Ursprung in den abgerissenen Lieferketten, ausgelöst durch die Corona-Pandemie, die Konjunkturprogramme in Deutschland und die Geldschwemme der Zentralbanken. Denn wenn die „Spezialoperationen“ Russlands in der Ukraine erst im Jahr 2022 begonnen wurden, wie konnten dann die Erzeugerpreise in Deutschland im Oktober 2021 laut Statistischem Bundesamtes um 18,4 Prozent steigen?

Man muss kein Volkswirtschaftler oder Wirtschaftsexperte sein um zu wissen, dass ein Anstieg der Produktionskosten in der Regel an den Kunden weitergegeben wird. Anders ausgedrückt: Steigende Erzeugerpreise sind Vorbote für steigende Verbraucherpreise.

Wir haben also sowohl die Preisanstiege aus dem vergangenen Jahr als auch die Preisanstiege durch die Energiekosten aus diesem Jahr. Angenommen, dass sich der Preisanstieg nicht weiter fortsetzt und bei ca. sieben Prozent einpendelt, gibt es noch lange keinen Grund zur Entwarnung.

Denn es besteht noch das hohe Risiko einer Lohnpreisspirale. Dabei versuchen die Gewerkschaften und Arbeitnehmer Lohnerhöhungen durchzusetzen, die sich in der Regel an der letzten Jahresinflation plus einem Zuschlag orientieren. Gestützt wird die Verhandlungsbasis durch den Fachkräftemangel, der durch den demographischen Wandel verstärkt wird. Als Folge von steigenden Lohnkosten, werden die Unternehmen diese wiederum wie im o.g. Fall ebenfalls auf die Verbraucher übertragen. Die dann wiederum höhere Löhne fordern werden, um auf die steigenden Preise zu reagieren. Und so geht es immer weiter. Wie im Hamsterrad.

Als letzter Einflussfaktor auf die Inflation gilt die zurückhaltende Zinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Denn eine Inflation wird nicht nur durch die Arbeitskosten im eigenen Land oder den Preisanstieg der Vorprodukte und Rohstoffe beeinflusst. Sondern auch, mit welcher Währung diese Rohstoffe und Vorprodukte, in der Regel US-Dollar, bezahlt werden. Es ist zwar korrekt, dass eine schwächere Währung den Export erleichtert, weil die Endprodukte dann günstiger auf dem Weltmarkt angeboten werden können. Es verteuert aber umgekehrt die Anfangskosten bei der Beschaffung der Rohstoffe. Anhand des unten angezeigten Charts ist eindeutig zu erkennen, dass aufgrund der abweichenden Zinspolitik zwischen der amerikanischen Notenbank FED und der europäischen Zentralbank EZB der Euro gegenüber dem US-Dollar innerhalb eines Jahres um 13 Prozent abgewertet hat. Oder anders ausgedrückt: An Wert verloren hat. Dadurch verteuert sich wiederum die Beschaffung der Rohstoffe für die Unternehmen.

Warum ist die Inflation so gefährlich – und wer profitiert davon?

Im Grunde ist eine Inflation vergleichbar mit einer Vermögenssteuer für den Mittelstand, da dort in der Regel die höchsten Bar-Ersparnisse liegen. Während Bürger, die von Sozialhilfe leben und deren Stütze an die Inflation angepasst wird relativ wenig betroffen sind (was auch auf die nicht vorhanden Ersparnisse zurückzuführen ist), können vermögende Bürger einer Inflation durch die Flucht in Sachwerte (Immobilien, Aktien, Autos, Edelmetalle, Kryptowährungen) in der Regel entkommen.

Rentner und Mittelständler, die eher auf Ersparnisse setzen, werden hart getroffen.

Ein Rentner, der nach einem harten Arbeitsleben mühevoll 100.000 Euro auf die Seite legen konnte, verliert mit der aktuellen Inflation und der Null-Zins-Politik der EZB derzeit rund 7400 Euro in diesem Jahr. Für meine Verständnisse ist das keine Form der Gerechtigkeit.

Doch daraus ergeben sich auch volkswirtschaftliche Schäden. Denn steigende Lebenshaltungskosten führen dazu, dass weniger freies Kapital für Konsum, Unterhaltung und Reisen zur Verfügung steht. Dies wiederum gefährdet Arbeitsplätze in diesen Branchen.

Kommen wir nun zu der Frage des Cui Bono und warum von Seiten der Politik kaum mit Hilfe zu rechnen ist.

Um von einer Inflation zu profitieren, müssen grundsätzlich folgende Bedingungen herrschen.

1. Es muss ein hoher Grad an Verschuldung vorliegen, der allerdings immer kontrollierbar ist.
2. Steigende Kosten müssen auf jemand anderen übertragen werden können. Die gestiegenen Einnahmen erleichtern die Rückzahlung der Schulden.
3. Man benötigt Zugang zu Kapitalmärkten und starken Fremdwährungen. Einnahmen in harter Währung ermöglichen die Rückzahlung von Schulden in weicher Währung.

Und wer ist das?

Zum einen sind das die internationalen Großkonzerne. Zum anderen die Staaten der Europäischen Union.

Durch die Einnahmen in US-Dollar können internationale Unternehmen günstig Schulden in Euro tilgen und gewinnen dadurch einen Wettbewerbsvorteil gegenüber ihren mittelständischen Konkurrenten, die in der Regel in ihrer heimischen Währung verschuldet sind.

Noch stärker profitieren die Staaten in der EU, insbesondere die Südstaaten..

Wir haben zum dritten Quartal 2021 eine Staatsverschuldung in Griechenland in Relation zum BIP in Höhe von 200,7 Prozent. (Trotz eines Schuldenschnittes im Jahr 2012). Darauf folgen Italien mit 155,3, Portugal mit 130,5, Spanien mit 121,8 sowie Frankreich mit 116 Prozent. Damit sind diese Staaten weit entfernt von dem Maastricht-Vertrag aus 1992, der eine Begrenzung der Neuverschuldung von 3 Prozent sowie eine maximale Verschuldung in Höhe von 60 Prozent des BIP vorschreibt.

Es liegt also im Interesse dieser Staaten, dass die Inflation hoch und die Zinsen niedrig ausfallen, um sich auf diese Art günstig zu entschulden. Dies trifft insbesondere Geberländer wie Deutschland.

So liegen die Forderungen an Target 2-Salden (das sind einfach gesagt finanzielle Forderungen, die letztendlich von der Bundesbank an die EZB gestellt werden ) zum 31. März 2022 bei ca. 1,17 Billionen Euro. Diese Forderungen orientieren sich am Leitzinssatz der EZB, der wiederum bei 0 liegt.

Das führt uns zu folgender Problematik: Die festgelegte Aufgabe der EZB ist die „Preisstabilität“ zu sichern. Um dies zu gewähren, müsste die EZB den Zinssatz in etwa an die Höhe der Inflation anpassen. Doch dies hätte zur Folge, dass die Zinsen für die o.g. Länder derart explodieren, dass eine neue Staatsschuldenkrise ausgelöst werden könnte. Zur Erinnerung: Durch die verabschiedeten Rettungsschirme würde die Bundesrepublik für einen Großteil dieser Forderungen haften.

Dazu stehen derzeit Rezessions-Risiken im Europa im Raum. Eine Anhebung von Zinsen bei fallender Wirtschaftskraft verstärkt die Rezession zusätzlich.

Die Zögerlichkeit der EZB hat uns in diese Zwickmühle geführt.

Und was können, was sollten Sie in dieser Situation selbst tun?

1. Seien Sie skeptisch, wenn von der EZB oder der Regierung behauptet wird, die Inflation wäre nur temporär auf hohem Niveau. Denn wie oben geschildert liegt es im Interesse dieser Institutionen, dass die Inflation hoch bleibt!

2. Wenn Sie die Möglichkeit haben, versuchen Sie an noch günstige Sachwerte zukommen. Leider sind die Preise für Edelmetalle oder Immobilien aufgrund der Inflation in die Höhe geschossen.

3. Versuchen Sie, Produkte von denen Sie wissen, dass Sie lange halten und definitiv gebraucht werden, auf Vorrat anzulegen. Spätestens seit der Corona-Krise wissen wir, dass ein Vorrat an Lebensmitteln oder beispielsweise Klopapier definitiv nicht schaden können.

4. Prüfen Sie, welche Ausgaben Sie wirklich benötigen! Auch wenn sich die Schulden durch die Inflation verringern, so steigen am Anfang erstmal die Kosten, was sich auf die Kapitalreserven auswirken wird.

Quellen:
https://www.tagesschau.de/wirtschaft/finanzen/inflation-april-2022-deutschland-101.html
https://www.hanswernersinn.de/de/das-ende-der-geldschwemme-ps-29112021
https://www.finanzen.net/devisen/dollarkurs vom 30.04.2022
https://www.bundesbank.de/de/aufgaben/unbarer-zahlungsverkehr/target2/target2-saldo/target2-saldo-603478
https://www.bundesfinanzministerium.de/Web/DE/Themen/Oeffentliche_Finanzen/Stabilitaetspolitik/Fiskalregeln/fiskalregeln.html
https://de.statista.com/statistik/daten/studie/163692/umfrage/staatsverschuldung-in-der-eu-in-prozent-des-bruttoinlandsprodukts/#professional )

Bildquelle:

  • Verbraucherpreise steigen: dpa
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