„Das Mädchen in Blau“: Von einem Autor, der das Geheimnisvolle, die alchemistische Verbindung von Dichtung und Wahrheit einfach liebt

Buchautor Stefan Meetschen gestern Abend in Warnemünde

von KLAUS KELLE

ROSTOCK – Im Edvard-Munch-Haus in Warnemünde wurde am Freitagabend Stefan Meetschens neuer Roman „Das Mädchen in Blau“ vom Autor selbst vorgestellt. Er erzählt die Geschichte des 19-jährigen Mattes, der im Sommer 1988 eine prägende erste Liebe zu einer Niederländerin namens Novelle erlebt. Aber das Buch ist weit mehr als eine Liebesgeschichte vor der Kulisse Südfrankreichs (Antibes), weil Meetschen in seine Erzählung von Sehnsucht, Freiheit und seinem Abschied von der Jugendzeit den faszinierenden politischen Umbruch Europas einarbeitet.

Ohne sentimentale Klischees zeichnet der Roman ein überaus sensibles Porträt der späten 1980er-Jahre.

Er schildert ein Europa der Begegnungen und Offenheit, ohne nationale Abschottung und mit viel Raum für individuelle Freiheiten.

Und so fand „Das Mädchen in Blau“ auch großes Interesse beim Publikum; kein Platz im geschichtsträchtigen Munch-Haus blieb frei. Edvard Munch übrigens, dessen Meisterwerk „Der Schrei“ auf dem ganzen Erdball bekannt ist, lebte und arbeitete hier 18 Monate in den Jahren 1907 und 1908. Inmitten einer schweren Lebens- und Nervenkrise suchte er Ruhe in dem einfachen Fischerhaus am Hafen, hier gewann er seine Kreativität zurück.

Die Lesung gestern in Warnemünde war viel mehr als die Vorstellung eines neuen Buches

Der Abend – hervorragend moderiert übrigens vom Schauspieler Stephan Dierichs, der in den historischen Wendejahren als Schauspieler am Volkstheater Rostock aktiv war – befasste sich umfassend mit dem Leben und schriftstellerischen Schaffen von Stefan Meetschen.

Der hat als Journalist viele Jahre für katholische Medien gearbeitet, bevor er sich entschloss, nach Rostock zu ziehen und hier einen neuen Lebensabschnitt als Redakteur der „Norddeutschen Neuesten Nachrichten“ zu beginnen, einer Tochterzeitung des „Nordkurier“.

Stefan und ich kennen uns seit vielen Jahren, ich schätze ihn als Kollegen, besonders aber als Mensch und als Freund.

Während ich ihm und Dierichs zuhörte, wurde mir immer deutlicher, wie viele Dinge uns verbinden, wenn wir unsere Leben bisher Revue passieren lassen:

Beide aus Nordrhein-Westfalen stammend, beide in Städten aufgewachsen, die kleine traditionsreiche und aufmüpfige Fußball-Traditionsvereine beherbergen (MSV Duisburg, Arminia Bielefeld). Beide katholisch und mit Sympathien für die polnische Gewerkschaft Solidarność ausgestattet, welche an der Seite von Johannes Paul II. den Kommunismus überwand. Politische Freigeister, die Russland-affine Parteien ebenso ablehnen wie kollektivistische Ideologen und Wolkenkuckucksheime.

Und beide in einem Elternhaus aufgewachsen, wo der Vater der Chef war und sich wünschte, etwas Anständiges aus dem Leben des Sohnes zu machen: nämlich Jurist zu werden.

Stefan und ich enttäuschten unsere Väter. Er studierte neben Kommunikation- und Kultur-, auch etwas Theaterwissenschaften, gleich nach der Wende in Berlin an der Hochschule der Künste und an der Humboldt-Universität, wo er den Zusammenbruch des DDR-Systems beobachten konnte und wohl viel daraus gelernt hat.

Ich versuchte noch, dem Wunsch meines Vaters zu folgen, und quälte mich durch vier Semester Jura, bevor ich mich entschied, auch Kulturmensch zu werden – in der schreibenden Zunft. Jedenfalls konnte ich gestern die fehlende Begeisterung seines Vaters über die Berufswahl bestens nachvollziehen. Oder war das nur Fiktion? Der Schriftsteller Stefan liebt das Geheimnisvolle, die alchemistische Verbindung von Dichtung und Wahrheit.

Herrlich, wie offen Stefan seine Entwicklung als Kind, das Heranreifen zum jungen Mann schilderte. Wie er aus der wenig ansehnlichen Stadt am Rhein mit den grauen Hausfassaden und Stahlbauten ins schönere Wesel am Niederrhein zog und dann weiter nach Berlin und jetzt über Warschau wieder zurück nach Deutschland, diesmal nach Warnemünde.

Wie Glaube und Zweifel sein Leben von Anfang an geprägt haben, ebenso wie eine fast schon faustische Suche nach der Wahrheit des Menschen. Und wie er jetzt angekommen ist, zumindest für eine überschaubare Zeit erstmal, tief in sich ruhend am kleinen malerischen Hafen in Warnemünde.

Wie facettenreich das Schaffen von Stefan Meetschen ist, erkennen Sie schon, wenn Sie sein literarisches Schaffen der vergangenen 20 Jahre betrachten.

Im Jahr 2004 wurde sein Debütroman „Requiem für einen Freund“ veröffentlicht, in dem er – sein Thema – das melancholische Lebensgefühl junger Erwachsener im Berlin der Nachwendezeit beleuchtet und eine metaphysische Dimension erahnen lässt. 2009 erschien der Roman „Guten Tag“, eine frühe, liebevoll-ironische Abrechnung mit dem Medienbetrieb, in dem der Zufall (oder Schicksal oder Gott?) den Akteuren ebenso in die Karten spielt. „Gespenster wie wir“ (2024) bezeichnet Meetschen als ein literarisches Roadmovie, in dem ein Filmregisseur bei der Arbeit an einem neuen Projekt mit seiner eigenen Familiengeschichte konfrontiert wird. Das war auch Stefans erstes Buch, das ich in die Hand bekam und in wenigen Stunden verschlungen habe.

Jetzt also „Das Mädchen in Blau“, ein poetischer „Coming-of-Age“-Roman, wie man das heute nennt. Und doch, wie Stephan Dierichs betonte, viel mehr als das.

Kaufen können Sie das Buch hier.

Ich wünsche Stefan viel Erfolg mit dem Roman.

Bildquelle:

  • Stefan_Meetschen: klaus kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.